Schubumkehr

Bis zum 24. Februar war Wladimir Putin international in der Offensive. Russland schien unter seiner Führung auf dem Weg zu alter weltpolitischer Stärke. Ein Synonym dafür war die Pipeline Nord Stream II. Doch der Angriff auf die Ukraine hat alles verändert.

Ein Bild der Schwäche am „Tag des Sieges“: Wladimir Putin bei seiner Rede am 9. Mai 2022. (Screenshot)

Von einer „Zeitenwende“ ist in diesen Kriegswochen immer wieder die Rede. Meist beschreibt das Wort die fundamentale Neuorientierung im Westen. Gemeint ist zum Beispiel die 180-Grad-Wende in der deutschen Sicherheits- und Energiepolitik. Nicht weniger drastisch sind die Veränderungen aber in Russland. Es fällt nur nicht so auf, weil jede Debatte im Land unter Strafandrohung verboten ist.

Ein Rückblick auf die Lage vor der Ukraine-Invasion lässt allerdings das Ausmaß der russischen Zeitenwende erahnen. Präsident Wladimir Putin war damals in fast allen Bereichen der Weltpolitik in der Offensive. Nord Stream II stand kurz vor der Inbetriebnahme. Im Westen war die Angst vor russischen Cyberangriffen, vor Wahleinmischung und Desinformation überall mit Händen zu greifen. Propagandamedien wie „Russia Today“ gewannen ein immer größeres Publikum. So wie auch rechtspopulistische Parteien zulegten, die beste Verbindungen in den Kreml pflegten.

Hinzu kam die eklatante Schwäche des Westens. Sie offenbarte sich beim Sturm aufs Kapitol in den USA, beim Truppenabzug aus Afghanistan und beim französisch-amerikanischen U-Boot-Streit. In der EU ging nach dem Brexit die Angst vor einem Polexit um, einem Austritt Polens. In Moskau dagegen sicherte Putin seine Regentschaft durch eine Verfassungsänderung bis 2036 ab. Seinen schärfsten Gegner Alexei Nawalny ließ er wegsperren.

Heute ist der Westen so geschlossen wie lange nicht. Jede Form russischer Einflussnahme in der EU oder den USA hat sich erledigt. Dagegen zeigen sich im Moskauer Machtapparat Risse. Der Wirtschaft droht der Kollaps, dem Staat die Pleite. Junge, gute ausgebildete Menschen verlassen in Scharen das Land. All das kommt einer regelrechten Schubumkehr gleich. Und dass es für Putin noch einmal vorangehen könnte, ist schwer vorstellbar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.