Der Scheinriese

Wladimir Putins Macht beruht auf dem Prinzip Stärke. Russlands Angriffskrieg in der Ukraine offenbart aber bislang vor allem Schwächen. Das könnte dem Dauerherrscher im Kreml auf Dauer zum Verhängnis werden.

Wladimir Putin bei der Tigerjagd am Amur, im fernen Osten des riesigen russischen Reiches. Oder mit nacktem Oberkörper, hoch zu Pferd, die Zügel fest in der Hand. Putin in Tarnfleck beim Frontbesuch in Georgien, beim Eishockey im Duell mit dem belarussischen Diktator Alexander Lukaschenko oder schlicht in Anzug und Krawatte, wie er im Kreml zur Amtseinführung als Präsident schreitet. Zum zweiten, dritten, vierten Mal. Unter ihm ein schier endloser roter Teppich, um ihn herum nur Gold, Marmor und die applaudierenden Würdenträger der Nation. In einem knappen Vierteljahrhundert an der Macht in Moskau haben sich Dutzende ikonenhafte Bilder angesammelt, die Putin als den starken Mann Russlands zeigen. Als heimlichen Zaren, kraftstrotzenden Raubtierbändiger und siegreichen Feldherrn.

Doch es sind genau diese Bilder, die den Präsidenten nun wie ein Bumerang treffen. Denn ausgerechnet jetzt, da der russische Angriffskrieg in der Ukraine zumindest in seinen zentralen Zielen zu scheitern droht, gehen ganz andere Aufnahmen um die Welt. Putin im knittrigen Arztkittel, wie er verwundete Soldaten besucht. Oder im dünnen Mantel, der nur notdürftig die schusssichere Weste verdeckt, ohne die sich der Präsident nicht mehr für längere Zeit in die Öffentlichkeit traut. Und wenn doch, dann gerät er bei Reden ins Stocken, muss im Manuskript blättern oder liest ungeschickt vom Teleprompter ab. Vor allem aber sind da diese Bilder: Putin, der sich mit einer Hand am Tisch festklammert.

Es sind Szenen der Schwäche, die so drastisch wirken, weil sie in krassem Kontrast zur Herrschershow von einst stehen. Wenige Monate vor Putins 70. Geburtstag befeuern sie Spekulationen, der russische Präsident sei krank. Von schweren Leiden wie Parkinson ist die Rede, von Leukämie oder einer anderen Krebserkrankung, von Demenz und chronischen Schmerzen. Der Rücken sei „kaputt“, das strahle in die Beine aus. Deswegen könne Putin, der schon 2012 wegen Problemen mit der Wirbelsäule ein Korsett getragen haben soll, nicht mehr gerade im Sessel sitzen. In vielen Berichten wird zudem auf Putins „aufgedunsenes Gesicht“ verwiesen, das für die Einnahme starker Medikamente spreche, Steroide zum Beispiel oder Kortison.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass es meist eingefleischte Putin-Gegner sind, die in der Gerüchteküche das Feuer schüren. Kyrylo Budanov etwa, Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes, spricht immer wieder pauschal von einem „sehr schlechten psychischen und physischen Zustand“ des Kremlchefs. Er gehe von Krebs aus. Belastbare Belege dafür oder für eine der anderen „Ferndiagnosen“ gibt es nicht. Dennoch behauptet Richard Dearlove, ein ehemaliger Leiter des legendären britischen Nachrichtendienstes MI6, das Ende des Putin-Regimes sei nah. „Ich denke, er wird bis 2023 verschwunden sein. Wahrscheinlich in einem Sanatorium, aus dem er nicht wieder als Führer Russlands herauskommen wird.“ Dies sei eine elegante Lösung, um Putin ohne Putsch von der Macht zu entfernen.

Viel spricht dafür, dass es sich dabei um westliches Wunschdenken handelt. Nüchtern betrachtet stellt sich vor allem diese Frage: Wäre die Kremlelite einem kranken Präsidenten in ein Kriegsabenteuer wie in der Ukraine gefolgt? Das ist mehr als unwahrscheinlich. Zumal sich die Dinge im Februar noch ganz anders darstellten. Da ließ Putin den kompletten Sicherheitsrat bei sich „antanzen“. Die mächtigsten Männer des Landes mussten in zehn Meter Entfernung vor ihm sitzen wie Schuljungen vor ihrem Lehrer, der dann einen nach dem anderen ans Pult rief. Als der sichtlich nervöse Spionagechef Sergei Naryschkin ins Schlingern geriet, demütigte der Präsident ihn öffentlich. Doch genau aus dieser Szene lassen sich Putins wahre Probleme ableiten: Ein System, das allein auf Stärke und Macht basiert, droht bei zu vielen Rückschlägen zu kollabieren. Weil es Schwäche nicht verarbeiten kann.

Tatsächlich war es bis zum 24. Februar das zentrale Prinzip des „Systems Putin“, niemals Schwäche zu zeigen. So startete der Präsident in seine erste Amtszeit, indem er das abtrünnige Tschetschenien mit einem Bombenkrieg überzog. Als Terroristen ein Moskauer Theater und eine Schule in Beslan angriffen, befahl Putin ohne Zögern den Sturm. Hunderte Menschen starben. Auf die Westwendung Georgiens und der Ukraine reagierte der Kremlchef mit Krieg und Krim-Annexion. Als die Türkei 2015 einen russischen Kampfjet abschoss, verhängte Putin härteste Sanktionen, bis sich der sonst so stolze Präsident Recep Tayyip Erdogan entschuldigte. Man könnte noch viele solcher Beispiele anführen. Bis hin zu der Szene, in der Putin die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel von seinem Labrador „Koney“ begrüßen ließ, um die Angst der Deutschen vor Hunden zu testen.

Heute jedoch, nach all den Fehlschlägen in der Ukraine, ist es Putin, der ein ums andere Mal Schwäche zeigt. Beim israelischen Premier Naftali Bennet entschuldigte er sich für die antisemitischen Ausfälle seines Außenministers Sergei Lawrow. Und am 9. Mai, dem „Tag des Sieges“ im Zweiten Weltkrieg, musste er die hohen Verluste in der Ukraine rechtfertigen. Der Tod eines jeden Soldaten sei „für uns alle ein großer Schmerz“, erklärte der Präsident. Trauer statt Triumph: Das mochte für den Augenblick funktionieren. Ohne einen echten Sieg in der Ukraine jedoch werden die Zweifel in der Kremlelite wachsen. Und die Menschen im Land werden die Sinnfrage stellen. Der kremlkritische Soziologe Grigori Judin etwa sagt, Putins Weltmachtanspruch sei „eine leere Idee“. Ein Imperium müsse etwas vermitteln. Das heutige Russland aber biete „keine Visionen oder Perspektiven für eine kulturelle Entwicklung.“ Judins Fazit: „Da ist rein gar nichts.“

Das klingt nach Potemkinschen Dörfern oder dem biblischen Bild vom „Koloss auf tönernen Füßen“. Als solcher entpuppte sich Russland schon einmal Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals verlor das Imperium unerwartet den Krimkrieg, den Zar Nikolaus I. vom Zaun gebrochen hatte, um in das geschwächte Osmanische Reich einzumarschieren. Das Vorhaben scheiterte allerdings, nicht zuletzt am britischen und französischen Beistand für die angegriffene Türkei. Dem russischen Koloss brachen die tönernen Füße weg. Die Parallelen zu heute liegen nicht zuletzt deshalb auf der Hand, weil Nikolaus I. wie Putin in Russland einen Polizeistaat errichtet hatte. Kritik kam nicht vor. Das Scheitern im Krieg leitete dann unter dem Reformzaren Alexander II. ein Zeitalter des Aufbruchs ein.

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