Gegen die Wand

Russland hat mehr als 100.000 Soldaten an den Grenzen zur Ukraine zusammengezogen und droht mit einer großangelegten Invasion. Präsident Wladimir Putin scheint zu allem entschlossen – und könnte sich sich mit allem verkalkulieren.

Eskalation desvon Russland forcierten Krieges in der Ost-Ukraine am 26. Mai 2014: Ukrainische Kampfflugzeuge bombardieren den besetzten Flughafen in Donezk. (Screenshot)

In der Spieltheorie gibt es ein berühmtes Szenario mit zwei aufeinander zurasenden Autos. Wer zuerst ausweicht, hat dieses sogenannte Angsthasenspiel verloren. Die große Kunst der Fahrer besteht darin, den Gegner mit größtmöglicher Sicherheit glauben zu machen, dass man selbst auf keinen Fall zur Seite lenken wird. Übertragen auf die Weltpolitik, war das die Lage in der Kuba-Krise 1962. Am Ende drehten die Sowjets ab, bekamen aber Gegenleistungen. Unentschieden.

Die Anordnung in der aktuellen Ukraine-Krise gestaltet sich anders. Es ist allein das russische Auto mit Wladimir Putin am Steuer, das die Straße entlangrast. Der westliche Wagen dagegen tuckert nach diversen Pannen vor sich hin (Trump, Brexit, Afghanistan). Man ist sich nicht einmal mehr sicher, ob man noch in die richtige Richtung fährt. Putin will diese Chance nutzen und den Gegner durch seine Raserei zwingen, den Rückwärtsgang einzulegen (Nato-Abzug aus Osteuropa).

Analysiert man die Lage in dieser Weise, dann ist es kein Wunder, dass die US-Geheimdienste eindringlich vor einer bevorstehenden Invasion in der Ukraine warnen. Denn Putin tut seit Monaten alles, um seine draufgängerische Fahrt möglichst glaubwürdig erscheinen zu lassen. Entsprechend kompromisslos bereitet das russische Militär einen Angriffskrieg vor.

In der Spieltheorie lautet eine Standardannahme, dass die Widersacher rational handeln. Ist im Angsthasenspiel ein Fahrer lebensmüde, ergibt die Anordnung keinen Sinn. Man kann aber davon ausgehen, dass die Strategen im Kreml klar denken und kühlen Kopfes kalkulieren. Und deswegen wird in den nächsten Tagen alles davon abhängen, ob Putin die Botschaft des lahmenden Westens für glaubwürdig hält.

Sie lautet: In der Ukraine geht es diesmal um weit mehr als im Fall der Krim-Annexion und des Donbass-Krieges 2014. Es geht um alles. Wenn Russland in das Nachbarland einmarschiert, dann kann und wird es mit einem Präsidenten Wladimir Putin keine Partnerschaft mehr geben. Niemals. Dann ist der Kalte Krieg 2.0 endgültig da. Dann wird es nur noch den Rückbau von Pipelines geben.

US-Präsident Joe Biden hat diese Botschaft am Samstag noch einmal telefonisch übermittelt. Nun ist es ausgerechnet Olaf Scholz, der bei seinem Besuch in Moskau am Dienstag die vielleicht letzte Chance hat, der Ansage des Westens entscheidenden Nachdruck zu verleihen. Kann das gutgehen? Schließlich stehen der Bundeskanzler und seine SPD in der Tradition von Entspannungspolitik und Gasgeschäften.

Im besten Fall ist genau dies eine Chance. Der Kanzler müsste dem Kremlchef klarmachen, dass er dabei ist, sich unumkehrbar aus Europa zu verabschieden. Dass er es sich noch einmal überlegen sollte, ob er Russland wirklich dem sehr viel stärkeren China ausliefern will. Kurz: Dass Putin, wenn er nicht doch noch bremst, gegen eine Wand rast.

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