Dir Ruhe vor dem Sturm

Russische Truppen haben die Ukraine eingekreist. In Kiew dagegen ist es fast unnatürlich friedlich. Auch im Donbass, wo bereits seit 2014 ein Krieg tobt, wird weniger geschossen. Doch die Stimmung könnte trügerisch sein.

Soldaten ohne Hoheitszeichen auf der Krim: 2014 annektierte Russland die ukrainische Schwarzmeerhalbinsel und entfesselte einen Krieg im Donbass. Acht Jahre später droht Moskau mit einer dramatischen Eskalation. (Foto: Krökel)

Anfang Februar schlittern und schlingern die Menschen durch Kiew. Die Sonne hat schon so viel Kraft, dass sie den Schnee mittags antaut. Auf dem gefrorenen Boden verwandeln sich die Wege aber bald wieder in spiegelnde Flächen. Hinter der Sophienkathedrale hackt ein Mann das Eis auf und lädt es in eine Schubkarre. Über ihm streuen die goldenen Kuppeln so viel Licht über die Stadt, dass es wie Verschwendung wirkt. Als könnte morgen bereits alles zu spät sein. Und so ist es ja auch. „Bestes Panzerwetter“, sagen Militärs. Vor Monaten schon nannten US-Geheimdienste den Februar als „idealen Zeitpunkt“ für eine russische Invasion in der Ukraine. Weil dann die gefrorenen Felder und Wege für Kampfpanzer so gut befahrbar sind. Für den älteren, aber robusten T-90 und den hochmodernen, etwas empfindlicheren T-14.

Etwa 110.000 Soldaten hat die russische Armee rund um die Ukraine zusammengezogen. Präsident Wladimir Putin könnte jederzeit den Marschbefehl erteilen. Noch allerdings wird verhandelt. Westliche Staatschefs, Premiers oder Außenministerinnen geben sich in Moskau wie in Kiew die Klinke in die Hand. Ein Reiseziel ist auch die Front im Donbass, wo schon seit acht Jahren ein Krieg tobt, mit 14.000 Toten. In der ukrainischen Hauptstadt dagegen ist es fast unnatürlich friedlich. Unweit der Sophienkathedrale gibt es einen kleinen Markt, auf dem die Händler Honig verkaufen, Tee und Granatäpfel. Ein Wintermärchen. Durch eine Toreinfahrt gelangt man in einen Hof. Dort steht Andriy Postnikow im Schnee und bläst Rauch in die frostige Luft. Er ist der Mann, der erklären soll, was wäre wenn …

Andriy Postnikow (Foto: Krökel)

„Wir haben lange nicht verstanden, dass wir auf das Äußerste vorbereitet sein müssen“, sagt er, schon drinnen beim Kaffee. Postnikow ist Katastrophenhelfer bei der ukrainischen Caritas. Er erstellt Einsatzpläne für den Ernstfall. Noch vor einem halben Jahr hieß das: eine weitere Eskalation im Donbass ist jederzeit möglich, vielleicht auch eine russische Offensive im Süden, bei Mariupol am Schwarzen Meer. Aber ein großer Krieg, ein Generalangriff auf die Ukraine? Der 39-Jährige schüttelt den Kopf, breitet die Arme aus und zieht die Schultern in die Höhe. Es ist eine Geste allumfassender Ungläubigkeit. Kiew, die Wiege der ostslawischen Christenheit, unter russischem Panzerbeschuss? Das will sich Postnikow nicht vorstellen. Aber er muss. Damit die 2000 Rettungskräfte, die er koordiniert, bereit sind „für Blut, Gewalt und Tod“.

Im Donbass, sagt Postnikow, kennen sie das alles schon. Deswegen sei die Schulung für die Notfallteams aus dem Osten meist leichter. In Kiew und weiter im Westen verdrängen viele Menschen die Gefahr. „Es kann nicht sein, was nicht sein darf: Oft ist das ein unbewusste Haltung.“ Nur so ist wohl auch das Wintermärchen da draußen zu erklären. „Dabei ist Bewusstsein alles, wenn du das Schlimmste verhindern willst.“ Postnikow lacht. Eine Übersprungshandlung. Ihm ist eingefallen, dass er und seine Leute das Schlimmste natürlich gar nicht verhindern können: den Krieg selbst. „Leider liegt das nicht in unserer Macht.“ Das Lachen weicht einem langgezogenen Stöhnen. „Wir können erst handeln, wenn uns die Militärs das Okay geben.“ Wenn es eigentlich schon zu spät ist.

Dennoch stehen Ärztinnen und Psychologen, technische Einsatzkräfte und Hunderte Freiwillige bereit, um erste Hilfe zu leisten und die Versorgung mit Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten zu sichern. Um im besten Fall Leben zu retten. „Aber wenn es wirklich zu einem großen Krieg kommt, können wir das nicht schaffen“, gibt Postnikow zu und stöhnt noch einmal. Wie kommt er, der junge Familienvater, selbst mit all den düsteren Szenarien klar? „Ich bin fokussiert.“ Keine Angst? Nein, er schlafe gut. Keine Albträume. „Vielleicht arbeite ich zu viel, um mir Sorgen zu machen.“ Nun lacht er wieder. Kurz. Gepresst. Es ist wohl nur eine andere Form des Stöhnens.

Postnikow stammt selbst aus dem Donbass. Genauer gesagt aus dem Gebiet Luhansk, das seit 2014 in der Gewalt kremltreuer Separatisten ist. Kommt daher seine Motivation zu helfen? Darüber will Postnikow nicht spekulieren. Er sei aber kein Vertriebener, stellt er klar. Es hat sich eher so ergeben, dass er 2013, ein Jahr vor der Krim-Annexion und dem Beginn des Krieges, nach Westen zog. Die Eltern, die nicht wegwollten, sind inzwischen gestorben. Ein Bruder lebt noch im Separatistengebiet. Immerhin: Seit die russische Armee nahezu die gesamte Ukraine eingekreist hat, wird an der Donbass-Front weniger geschossen. „Niemand möchte beschuldigt werden, einen Krieg provoziert zu haben“, erklärt Postnikow. Das heiße aber nicht, dass die Lage entspannt sei. Im Gegenteil. Was er in Gesprächen mit Menschen im Osten zu hören bekommt, verleitet ihn zu der düsteren Prognose: „Es ist wohl eher die Ruhe vor dem Sturm.“

„Niemand kann derzeit seriös vorhersagen, ob es einen großen Krieg geben wird.“

Solch unheilvolle Gedanken lässt Violeta Artemchuk lieber gar nicht zu. „Niemand kann derzeit seriös vorhersagen, ob es einen großen Krieg geben wird“, erklärt die 50-Jährige, die seit 2014 für die Organisation „Donbass SOS“ im Einsatz ist. Meist am Telefon, denn oft bereiten Fragen des alltäglichen Lebens den Hilfesuchenden die größten Probleme. Rund 120 Anrufe am Tag gehen bei der Hotline ein. Von Geflüchteten, aber auch von Menschen, die noch im Donbass leben. In den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk, in denen die Separatisten das Sagen haben und der Kreml die Fäden zieht. Der russische Staat gibt Pässe aus. Aber auch Kiew hält an seinen Ansprüchen fest, und weil staatliche Gehälter, Renten, Sozialleistungen und die Krankenversicherung vom Status abhängen, gibt es extrem viel Gesprächsbedarf.

Violeta Artemchuk hat sich in all das erst einarbeiten müssen. Sie schmunzelt, als sie im Videogespräch berichtet, wie sie von der Philosophin zum Beratungsprofi wurde. Sie hätte die Geschichte gern persönlich erzählt, bei einem verabredeten Treffen auf dem Maidan, wo 2014 die Revolution ihren Lauf nahm. Doch nun gibt es bei „Donbass SOS“ zu viele Corona-Fälle. „Als 2014 der Krieg ausbrach, habe ich zufällig von einer Frau erfahren, die verwundet in einem Kiewer Krankenhaus lag. Sie war verzweifelt, weil sie ihren Hund im Donbass hatte zurücklassen müssen.“ Artemchuk organisierte die Tierrettung – und blieb dabei. Bei der guten Sache, für die sie ihren Job an der Universität aufgegeben hat.

In diesem Februar 2022, in dem die halbe Welt von einem drohenden Krieg in der Ukraine spricht, malt sich Artemchuk ein ganz anderes Szenario aus. „Wenn Frieden herrscht und die Menschen in Donezk und Luhansk wieder frei sind, fahre ich hin, und wir feiern zusammen“, sagt sie. Es ist eine Hoffnung, die sich auch an die Hilfe aus dem Ausland knüpft. „Donbass SOS“ könnte ohne westliche Unterstützung kaum erfolgreich arbeiten. „Dafür sind wir dankbar“, sagt Artemchuk. Auch sie stöhnt immer wieder, genau wie Andriy Postnikow. Es wirkt bei beiden, als wollten sie mit großer Kraftanstrengung diese Last zur Seite schieben, die auf den Seelen der meisten Menschen in der Ukraine liegt. Wenigstens ein Stück weit.

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