„Lukaschenko wird verlieren“

Ein Jahr nach Beginn der Massenproteste in Belarus hat das Regime die Demokratiebewegung im Land in Blut und Gewalt erstickt. Im Exil führt die Opposition den Kampf aber mit ungebrochenem Siegeswillen fort – trotz Verfolgung auch im Ausland.

Der „Volny Chor“ im Warschauer Schloss: Aufzeichung des Konzerts am 29. Juli. (Belsat)

Zwei Dutzend junge Menschen genügen, um Alexander Lukaschenko und sein Regime in Grund und Boden zu singen. „Reiß die Gitterstäbe aus den Mauern. Zerreiß die Fesseln, zerbrich die Peitsche. Dann werden die Mauern fallen – und die alte Welt begraben.“ Das Lied war im Protestsommer 2020 die Hymne der Lukaschenko-Gegner. Doch die kämpferischen Worte sind nur das eine. Mehr noch ist es der Auftritt selbst, mit dem der „Volny Chor“ aus Belarus im Warschauer Schloss den revolutionären Funken neu entfacht. Im Exil, für einen Abend. Aber so wollen die jungen Sängerinnen und Sänger des der „Freien Chors“ das Feuer weitertragen. Ganz in Weiß sind sie gekleidet, auch die Köpfe verhüllt. Über den Augen prangt ein rotglänzender Sichtschutz. Es sind die Farben der Opposition. Die Masken sollen dem Geheimdienst KGB die Verfolgung erschweren. Zuallererst signalisieren die weißen Kostüme aber die Furchtlosigkeit der Freien. Kollektiv reckt der Chor die Fäuste in die Höhe und zeigt das Siegeszeichen.

Der Saal bebt da längst. Das Publikum feiert den Gesang, vor allem aber den anhaltenden Kampf der Opposition gegen Lukaschenko. Den ungebrochenen Siegeswillen. Viele Belarussen, die im polnischen Exil leben, singen voller Inbrunst mit: „Die Mauern werden fallen, fallen, fallen.“ Da bräuchte es gar nicht die Bilder aus dem Sommer 2020, die im Hintergrund über eine Leinwand flimmern. Sie zeigen Swetlana Tichanowskaja, die junge Lehrerin und Mutter zweier Kinder, die bei der Präsidentschaftswahl am 9. August gegen Lukaschenko antritt – und vermutlich mehr Stimmen bekommt als der Alleinherrscher nach 26 Jahren an der Macht. Sie zeigen aber auch die schwerbewaffneten Einheiten der Sonderpolizei Omon, die wahllos auf alle einprügeln, die es wagen, gegen Lukaschenkos behaupteten Sieg zu protestieren. 7000 Inhaftierte, Hunderte Folteropfer, zwei Tote. So lautet die Bilanz nach vier Blutnächten.

Ein Jahr ist das jetzt her. Die Zahl der Geprügelten, Gefangenen und Geflüchteten geht inzwischen in die Zehntausende. Genauer lässt sich das kaum sagen. Denn Lukaschenkos Apparat überzieht auch Beobachter mit Gewalt. Menschenrechtler, Journalisten, Intellektuelle. Dutzende zivilgesellschaftliche Organisationen werden als extremistisch eingestuft, verboten oder bei Polizeiaktionen regelrecht zerschlagen. Selbst Sportler sind nicht sicher, wie in diesen Tagen der Fall Kristina Timanowskaja bei Olympia in Tokio zeigt. Die Sprinterin übt Kritik am belarussischen Verband – und soll zum Heimflug gezwungen werden. Aus Angst vor Abstrafung flüchtet sie zur Polizei. „Ein Entführungsversuch“, sagt der polnische Premier Mateusz Morawiecki, dessen Land Timanowskaja Asyl gewährt. Am härtesten trifft es aber Demokratieaktivisten, auch im Exil. Zwei Monate ist es her, dass Lukaschenko den Blogger Roman Protassewitsch mitsamt einer Ryanair-Maschine kidnappen ließ. Der 26-Jährige war auf dem Weg von Griechenland nach Litauen. Ein Flug zwischen zwei EU-Staaten. Er wird verhaftet und zu einer öffentlichen Selbstanklage gezwungen.

Anfang dieser Woche wird dann der Regimegegner Witali Schischow in Kiew tot aufgefunden, erhängt an einem Baum. Freunde schließen einen Selbstmord aus. Die Polizei nimmt Mordermittlungen auf. Zu dubios sind die Umstände. Und Schischow wurde verfolgt. Es gab Warnungen. Todesdrohungen gegen den Mann, der belarussischen Flüchtlingen bei der Ankunft im Exil half. Dabei ist es das Lukaschenko-Regime selbst, das seine Gegner gezielt aus dem Land treibt. Im Sommer 2020 trifft es Tichanowskaja als eine der Ersten. Der KGB unterzieht die damals 37-Jährige einer Psychofolter und zwingt sie zum Gang ins Exil, nach Litauen. Ihre wichtigste Mitstreiterin Maria Kolesnikowa, auch sie erst 38 Jahre alt, wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die Abschiebung. An der Grenze nutzt sie eine Unaufmerksamkeit ihrer Bewacher, zerreißt ihren Pass und klettert aus dem Autofenster. Lukaschenko lässt sie in ein Sondergefängnis sperren.

Monatelang bleibt Kolesnikowa ohne Anklage. An diesem Mittwoch nun hat ein Geheimprozess gegen die Musikerin begonnen, die lange in Deutschland gelebt hat. Versuchter Staatsstreich, lautet der Vorwurf. Zwölf Jahre Haft drohen Kolesnikowa und ihrem Anwalt Maxim Snak. Dabei haben die beiden nichts anderes getan, als einen Koordinierungsrat der Opposition zu gründen, der einen friedlichen Machtwechsel zum Ziel hat. Die Lukaschenko-Gegner im Warschauer Schloss erwarten ein hartes Urteil. Aber sie sind sich auch sicher, dass „Maria und Maxim die Haft nicht bis zu Ende absitzen müssen“. Der Diktator werde sich keine weiteren zwölf Jahre an der Macht halten. Nicht einmal vier Jahre, bis zur nächsten Präsidentschaftswahl 2025. Ihre Namen wollen die Exil-Oppositionellen lieber nicht nennen. Man habe ja gesehen, wie weit der Arm des KGB derzeit reicht. Und dennoch. Trotz dieses „Staatsterrors“ sind die Regimegegner sicher: „Lukaschenko wird den Kampf verlieren, denn er hat das Volk verloren.“

Sie sagen es mit einer solchen inneren Gewissheit, dass jeder Hinweis auf die realen Machtverhältnisse fast deplatziert wirkt. Zur Wirklichkeit gehört allerdings, dass sich Lukaschenko nicht nur auf seinen Polizeiapparat stützen kann, sondern auch auf die Hilfe des russischen Präsidenten Wladimir Putin. „Schiwje Belarus“, singt der Chor trotzig. Es lebe Belarus! Nichts sehnlicher wünscht sich auch Tatjana Chomitsch, die in der ersten Reihe sitzt. Denn das Konzert ist ihrer Schwester Maria Kolesnkikowa gewidmet. In einer Pause tritt Chomitsch ans Mikrofon. Viel zu jung wirkt sie mit ihren 34 Jahren, zu schmal und zu klein, um Lukaschenko die Stirn bieten zu können. Dem Diktator, der gern auch mal in Kampfmontur und mit Kalaschnikow in den Händen auftritt. Chomitsch kann ihm nur ihr schüchternes Lächeln entgegensetzten und diesen eigentümlichen Glanz in ihren dunklen Augen, der von einer fast unwirklichen Kraft zeugt. „Man bekommt die Freiheit nicht geschenkt“, sagt sie. Das zeige sich in Belarus gerade besonders drastisch. „Aber eines habe ich von Maria gelernt: Wenn wir zusammenstehen, müssen wir keine Angst haben.“

Der Mann mit dem Plan: Pawel Latuschko. (Foto: NAU press)

Auch Pawel Latuschko ist dabei, 48 Jahre alt. Mit 38 ist er noch Kulturminister in Lukaschenkos Kabinett, später Botschafter in mehreren EU-Staaten. Ein Karrierediplomat, eigentlich. Doch etwas arbeitet in dem Mann, der immer weniger einverstanden ist mit der Entwicklung in Belarus. 2019 kommt es zum Bruch. Latuschko steigt aus und wird Theaterdirektor in Minsk. Im Jahr darauf schließt er sich der Opposition an. „Früher haben wir Lukaschenko schlicht den Präsidenten genannt“, erzählt er beim Gespräch in seinem Warschauer Büro. „Manche sagten auch Anführer. Chef. Heute ist er für die Menschen in Belarus nur noch der Wahnsinnige.“ Latuschko beschreibt damit auch seine eigene Entfremdung vom Regime. Am Ende wollte er nicht länger einem Mann dienen, der sich „als geborener Alleinherrscher sieht.“ Stattdessen leitet er nun im polnischen Exil eine Art Schattenregierung, in enger Abstimmung mit Tichanowskaja, deren Team im litauischen Vilnius arbeitet.

Latuschko trägt ein strahlendweißes Hemd, die Krawatte sitzt perfekt. Auf dem Schreibtisch liegen wohlgeordnet Dokumente.  Er ist einer der wenigen absoluten Profis in der Opposition. Er hält enge Kontakte nach Berlin, Paris und Brüssel. Die EU drängt er dazu, „endlich eine klare Strategie zum Umgang mit Lukaschenko und Putin zu entwickeln“. Ein paar Sanktionen reichten nicht. „Strategie ist wichtig“, betont Latuschko noch einmal – und hat selbst längst einen Plan in der Schublade. „Wir müssen auf das Recht setzen. Wir müssen erreichen, dass Lukaschenko als internationaler Terrorist eingestuft wird. Beweise gibt es genug.“ Das Regime in Minsk stünde dann auf einer Stufe mit der palästinensischen Hamas im Gazastreifen. Ob die EU da mitmacht? Am Westen scheint Latuschko zu zweifeln, am Freiheitswillen seiner Landsleute nicht. „Wir haben die Kraft, unsere Ziele zu erreichen“, sagt er und fügt wie nebenbei hinzu: „Lukaschenko wird sein Amt verlieren. Er wird gehen.“

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