Wladimir der Starke

2020 war für den russischen Präsidenten Wladimir Putin ein „Seuchenjahr“ – und zwar keineswegs nur wegen der Corona-Pandemie. Beginnt im Kreml nun eine Zarendämmerung? Eine Jahresendanalyse.

Als Präsident hat Wladimir Putin schon bessere Zeiten erlebt. Die Corona-Pandemie zum Beispiel hat Russland hart getroffen. Aber auch sonst war 2020 für den Kremlchef ein „Seuchenjahr“. Im benachbarten Belarus brach eine Freiheitsrevolte aus, die das geopolitische Gefüge im postsowjetischen Raum erschütterte. Und das galt auch für den Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien, durch den die Türkei ihre Position im Transkaukasus ausbaute. Zu allem Überfluss wählten die Amerikaner im November Donald Trump ab, einen der größten Putin-Fans. Das alles warf die Frage auf: Bricht im Kreml nun die Zarendämmerung an?

„Ich bin dafür zu alt“, sagte der 68-jährige Präsident kurz vor Weihnachten. Damit bezog er sich allerdings nicht auf sein Amt, sondern auf eine mögliche Corona-Impfung mit dem russischen Vakzin „Sputnik V“. Die Aussage ließ zwar tief blicken und verstärkte die Zweifel an dem vorzeitig zugelassenen Impfstoff. Putin selbst jedoch wirkte bei seiner großen Jahrespressekonferenz, als wäre er kurz zuvor in einen Jungbrunnen gehüpft. Zeichen der Schwäche in harten Zeiten? Fehlanzeige. Und das galt nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich.

Über Belarus zum Beispiel und den taumelnden Diktator Alexander Lukaschenko verlor Putin kaum ein Wort. Zur absoluten Machtdemonstration aber geriet sein Kommentar zum Giftanschlag auf Kremlkritiker Alexei Nawalny. Zuletzt hatten sich, vorsichtig formuliert, die Hinweise auf eine Täterschaft des russischen Geheimdienstes FSB erhärtet. Formal stritt der Präsident eine Beteiligung zwar ab. Die Spur führe vielmehr in die USA zu dortigen Diensten. Mit einem kurzen Satz aber machte Putin klar, dass gezielte Tötungen durchaus zum russischen Repertoire gehören: „Wenn wir gewollt hätten, hätten wir es zu Ende gebracht.“

Das erinnerte stark an einen Auftritt Putins auf dem Höhepunkt der Ukraine-Krise 2014. Damals hatten russische Soldaten ohne Abzeichen die Krim erobert. Lange hielt der Kreml an der Version fest, es habe eine solche völkerrechtswidrige Invasion nicht gegeben. Dann stellte sich Putin hin und sagte: „Natürlich waren unsere Soldaten dort.“ Nur der Schwache zeigt Schwächen, der Starke zeigt seine Stärken. Das ist einer von Putins politischen Leitsätzen.

Allerdings funktioniert das nur, solange man tatsächlich stark ist. Lukaschenko zum Beispiel agierte bis zum Sommer ähnlich konsequent wie Putin. Er machte nie einen Hehl aus seiner Bereitschaft, Gewalt einzusetzen. Die Massenproteste gegen die gefälschte Wahl im August ließen ihn dann aber als schwach dastehen. Kann man sich solche Szenen auch mit Putin in der Hauptrolle vorstellen, nach der Wahl 2024 zum Beispiel? Nein. Derzeit wirkt der Mann, den Journalisten gern einmal den Zaren Wladimir nennen, als müsste man ihm den Beinamen „der Starke“ verleihen.

Andererseits konnte man sich auch schlecht einen schwachen Lukaschenko vorstellen, bevor er schwächelte. Und die Perspektiven für Putin sind nicht gerade rosig. Vor allem hat die russische Wirtschaft nicht nur ein akutes Corona-Problem, sondern vor allem schwere strukturelle Defizite. Noch immer hängt das Land am Tropf seiner Öl- und Gasindustrie. Die globale Umstellung auf klimafreundliche Energien wird Russland in den kommenden Jahren deshalb schwer treffen. Putin gab am Donnerstag zu, dass ein Umbau der Ökonomie dringend nötig sei. Ob er das noch selbst „wuppen“ will, wird er allerdings erst sagen, wenn er es sagen will.

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