Seien Sie gegrüßt, Diktator!

In Belarus tobt seit der gefälschten Präsidentschaftswahl eine Freiheitsrevolte. Nun bat mich der „Südkurier“ in Konstanz, für eine Samstagskolumne einen fiktiven Brief an Diktator Alexander Lukaschenko zu schreiben. Ein ungewöhnliches, aber reizvolles Format. Hier ist das Resultat.

Wählen in Belarus: So war es 2010. (Foto: Krökel)

Gern hätte ich Sie als „Verehrter Herr Präsident“ oder „Lieber Alexander Lukaschenko“ angeredet. Aber das bringe ich nicht über mich. Sie haben zuletzt einfach zu offen gezeigt, dass Sie keine Ehre im Leib haben und erst recht keine Liebe. Sie haben Polizisten in Kampfmaschinen verwandelt und sie ihren Landsleuten auf den Hals gehetzt. Sie haben Menschen zusammenknüppeln und foltern lassen, die nach etwas mehr Freiheit rufen. Und all das nur, weil Sie sich an Ihre klägliche kleine Macht klammern. Das ist unter aller Würde.

Es fällt mir deshalb nicht leicht, mich an Sie zu wenden. Dass ich es dennoch tue, hat pragmatische Gründe. Man soll ja nie etwas unversucht lassen, wenn es eine winzige Hoffnung auf eine Wendung zum Guten gibt. Deswegen schließe ich mich all jenen an, die Sie zu einem Dialog mit den Menschen in Ihrem Land aufrufen. Sie halten diese Leute für Feinde, aber das sind sie nicht. Es sind Bürgerinnen und Bürger des Staates, an dessen Spitze sie stehen.

Erinnern Sie sich, was Sie in den 26 Jahren Ihrer Herrschaft schon fünfmal geschworen haben? „Ich erkläre feierlich, dem Volk der Republik Belarus treu zu dienen, die Menschen- und Bürgerrechte zu schützen und gewissenhaft die hohen Pflichten zu erfüllen, die mir anvertraut sind.“ Sie brechen Ihren Amtseid unentwegt. Sie herrschen lieber über Menschen, statt ihnen zu dienen und ihre Rechte zu schützen. Das ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche.

Erinnern Sie sich noch an das Jahr 1994? Damals haben Sie zum ersten Mal eine Wahl gewonnen, die einzige in Ihrer Laufbahn, die halbwegs frei und fair war. Ja, es stimmt: Die Menschen in Ihrem Land wollten Sie damals als Präsidenten, weil Sie versprochen hatten, die Anarchie nach dem Zerfall der Sowjetunion zu beenden und wieder Ordnung zu schaffen. Mit harter Hand.

Sie haben anfangs Wort gehalten, und dafür gebührt Ihnen noch immer ein Rest an Respekt. Ich weiß durchaus, wovon ich rede, denn in den Jahren 1993/94 habe ich als Student in Russland gelebt und bin auch durch Belarus gereist. Ich habe die Mafiakriege aus der Nähe verfolgt und gesehen, wie auf den Straßen Waffen zum freien Verkauf standen. Die Ehrlichen, die vergeblich auf die Auszahlung ihrer Renten und Löhne warteten, waren wie so oft die Dummen.

Sie, Herr Präsident, haben diese Verhältnisse schnell geändert. Das war eine Leistung, die anzuerkennen ist. Boris Jelzin ist das in Russland nicht gelungen. Umso bitterer ist es, dass Sie sich so früh in die Macht und das Herrschen verliebt haben. Aus der harten Hand wurde eine eiserne Faust. Aus dem frei gewählten Präsidenten ein Diktator. Es ist noch nicht zu spät, die Faust wieder zu öffnen und den Menschen in Ihrem Land die Hand zu reichen. Versuchen Sie es. Darum bitte ich Sie von Herzen und sende

hoffnungsvolle Grüße

Ulrich Krökel, Osteuropa-Korrespondent

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