„Ich kann das Wort Befreiung nicht ertragen“

Ende Januar 1945 erreichte die vorrückende Sowjetarmee das KZ Auschwitz-Birkenau und setzte dem deutschen Vernichtungswillen ein Ende. Nur wenige Tausend Menschen überlebten den millionenfachen Massenmord. Anna Szałaśna gehörte zu ihnen.

Pani Anna Szałaśna zwischen Ruth Dahlhoff (links) und Juliane Smykalla. Foto: Krłkel

Anna Szałaśna zwischen Ruth Dahlhoff (links) und Juliane Smykalla. Fotos (2): Krökel

Moment, Moment. Erst einmal muss Luft herein. Bevor sich Anna Szalasna ihrem Besuch zuwendet, angelt sie mit ihrem Stock nach dem Erkerfenster, das in zwei Meter Höhe kaum zu erreichen ist. Jedenfalls nicht aus dem Rollstuhl, in dem sie sitzt. Gehen kann sie mit ihren 93 Jahren nur noch schwer, auch weil seit 80 Jahren das linke Bein fehlt. Aber so ein Stock kann ja manchmal Wunder vollbringen. Er lockt sogar frische Winterluft in die enge kleine Wohnung am Rande der Warschauer Altstadt, in der Pani Anna, wie sie gern genannt werden möchte, seit Jahrzehnten lebt. Wenn die Frau Anna keinen Besuch empfängt, ist sie dort allein mit ihren Büchern, den Briefbögen und dem Festnetztelefon. Und mit ihren Erinnerungen. An den Krieg. An Auschwitz. Aber auch an ein Leben davor und danach.

Es beginnt ja alles ganz harmlos, mit einem kleinen Mädchen, das am liebsten Klavier spielt. Anna wächst in Galizien auf, im Südosten Polens. Der Vater arbeitet bei der Eisenbahn. Der Lieblingsbruder spielt Geige. Anna, die Pianistin, schafft mit zwölf die Aufnahme ins Konservatorium. Die Mutter ist stolz, der zweite Bruder auch. Das ist im Juni 1939. Da ist die Familie gerade nach Torun umgezogen, nicht weit von der deutschen Grenze, und nun liegt plötzlich Krieg in der Luft. Angst? Pani Anna versteht die Frage nicht. Bei der Wiederholung winkt sie ab. „Nein, nein. Es war natürlich nicht zum Lachen, aber Angst hatte ich nie in meinem Leben.“ Auch im Zug nach Warschau nicht, auf der Flucht im September, als schon Bomben fallen. Auf Kutno zum Beispiel, wo „alles nur noch schwarz war, zerstört, verbrannt.“

Immer wieder bleibt der Zug auf offener Strecke stehen. Am 9. September gerät er unter Beschuss. „Irgendjemand schreit: Es brennt. Also raus. Ich springe auf diese spitzen Steine am Gleis.“ Aber der Schotter kann es kaum sein, der Anna die Beine wegschlägt. „Ich sehe nach unten, und links ist nur noch etwas wie roher Teig.“ Eine Kugel hat Haut, Adern und Muskeln aufgerissen. Der Vater trägt die Tochter in Sicherheit. Die Familie schafft es nach Warschau, aber 100 Menschen sterben im Zug. Pani Anna nennt es „blanken Irrsinn“. Denn es sind polnische Soldaten, die auf Deutsche zu schießen glauben und ihre Landsleute töten.

Im Krankenhaus quält sich Anna wochenlang, weil die Wunde nicht heilen will. „Eines Nachts höre ich im Schlaf eine Stimme: Dreh dich um. Und dann greift eine Hand unter mich und dreht mich um. Dabei merke ich, dass alles nass ist. Ich wache auf: Blut. Überall ist Blut. Ohne die Stimme wäre ich im Schlaf gestorben.“ Die Mutter bringt ein Heiligenbild ans Krankenbett. Aber es hilft alles nichts. Es ist wieder der Vater, der Annas Leben rettet. Auf Kosten des linken Beins. „Er hat die Amputation verlangt.“ Als sie nach der Operation erwacht, ist alles anders. Aber nicht weil das Bein fehlt. „Ich hatte Hunger. Verstehen Sie? Ich war am Leben.“

Pani Anna rückt beim Erzählen ganz nah an ihren Besuch heran. Immer wieder bewegt sie den Rollstuhl zurück, als wollte sie ausholen, um dann nach vorn zu rollen, bis es nicht weitergeht. Bis zur Berührung. Dabei beugt sie den Kopf vor und neigt ihn zur Seite, weil sie rechts kaum etwas sieht. Das linke Auge aber scheint mit seiner hellgrünen Iris in die Zuhörer hineinzukriechen, im Wechsel, denn an diesem Januarmorgen sind gleich drei Deutsche zu Gast in der kleinen Wohnung. Der Journalist fragt nur und hört zu. Juliane Smykalla und Ruth Dahlhoff dagegen sind hier, um zu helfen. Sie leisten nach dem Abitur einen Friedensdienst bei der Stiftung für Deutsch-Polnische Aussöhnung, ein Freiwilligenjahr, vermittelt von der Aktion Sühnezeichen.

Die jungen Frauen kommen regelmäßig zu Pani Anna, mit der sie „extrem gern reden“, wie Juliane sagt. „Weil sie einfach großartig ist“, wie Ruth hinzufügt. Die ganze Geschichte jedoch kennen sie noch nicht, denn beim Helfen stehen die Nöte der Gegenwart im Mittelpunkt. Von Auschwitz wissen sie natürlich. Sie waren selbst in der KZ-Gedenkstätte. Pani Annas unmittelbare Zeugenschaft ist aber noch einmal etwas anderes. Da ist zum Beispiel die 93-jährige Stimme, die beim stundenlangen Erzählen erstaunlich fest bleibt und sogar schrill klingen kann. Vor allem wenn sie auf Deutsch die Täter nachahmt. „Ausziehen, ausziehen. Weiter. Alles ausziehen.“ Es ist fast ein Kreischen, auf Zimmerlautstärke reduziert.

Die zynische Überschrift "Arbeit macht frei" steht über dem Tor zum Stammlager Auschwitz, in dem Pani Anna eingekerkert war.

Der zynische Schriftzug „Arbeit macht frei“ steht über dem Tor zum KZ Auschwitz 1, in dem Anna Szałaśna ein Jahr lang eingekerkert war.

Die ersten Stunden im Vernichtungslager hinterlassen vielleicht die tiefsten Spuren. Hunderte, Tausende Menschen, eingepfercht in eine Baracke. Wehklagen und Schreie, in Sprachen aus aller Herren Länder. „Als wir nackt waren, mussten wir uns rasieren. Überall. Auf dem Kopf, unter den Achseln, die Scham. Diese absolute Nacktheit verändert einen Menschen.“ Pani Anna schiebt die schütteren Haare zurück, um eine kahle Kopfhaut zu simulieren. Auf dem linken Unterarm wird die Häftlingsnummer sichtbar. 47628. Sie zeigt sie, streicht mit einer Fingerkuppe darüber. Seit bald 77 Jahren gibt es die Tätowierung. Seit dem Sommer 1943.

Anna ist 16, als sie an der falschen Stelle einen richtigen Satz schreibt: „Das Wichtigste ist, dass der Moment der Befreiung naht.“ Die Worte stehen in einem Brief an den geliebten Bruder, den Geiger, den die Deutschen in ein KZ im Westen deportiert haben. Dem Vater ist es nach Annas Amputation gelungen, der Familie ein erträgliches Leben im ländlichen Südostpolen aufzubauen. Doch die Besatzer sind allgegenwärtig. Die Gestapo fängt Annas Brief ab. Sie wird verhaftet, bewusstlos geschlagen und in einem Güterzug nach Auschwitz verfrachtet. Die Prothese am Bein ist kein mildernder Umstand.

Im Gegenteil. Die Behinderung verringert die „Arbeitsverwendungsfähigkeit“ und damit die Überlebenschancen. Aber es gibt Menschen in Auschwitz, die Anna helfen. Pani Monika aus Posen zum Beispiel, die in der Schreibstube arbeitet und irgendeinen Einfluss hat. „Sie hat vielen von uns das Leben gerettet, auch mir.“ Anna kommt erst einmal auf die Krankenstation. Dass sie keine Angst vor dem Tod hat und leben will, auch das hilft in Auschwitz. Allerdings bei Weitem nicht jedem. Es gibt auch die Hoffnungslosen, vor allem unter der überwältigenden Mehrheit der jüdischen Häftlinge, denen nichts und niemand helfen kann.

Das Grauen beginnt mit fernen metallischen Klopfschlägen in der Nacht. „Wir haben erst spät begriffen, dass die Deutschen Gleise bis ins Lager verlegt haben.“ Da hat die SS bereits die „Ungarn-Aktion“ begonnen, die Deportation einer halben Million südosteuropäischer Juden nach Auschwitz. „Zwei Monate lang kam jeden zweiten Tag ein Güterzug an, vollgestopft mit Menschen.“ Menschen, die sofort vergast werden. Als die Kapazität der Krematorien nicht mehr ausreicht, müssen die Häftlinge riesige Gruben ausheben. „O Jesus Maria“, sagt Pani Anna. Dann schweigt sie eine Weile und schüttelt den Kopf, wohl über den „fürchterlichen Anblick der Feuer“, von dem sie schließlich doch noch berichtet. „Den Geruch von verbranntem Menschenfleisch werde ich immer in der Nase behalten.“

So wie sie auch die Stimmen der SS-Männer im Ohr behalten wird, die zu Weihnachten in Auschwitz singen. Ein hundertfacher Chor. „Stille Nacht, heilige Nacht“, singt Pani Anna, nun wieder auf Deutsch und mit schriller Stimme, die dem Journalisten durch Mark und Bein fährt, der gekommen ist, um mit einer Überlebenden über Auschwitz zu sprechen – und doch nicht vorbereitet ist auf diese Art der Erzählung. Zwischendurch fällt der Blick auf einen Kalender mit Porträts des polnischen Papstes Johannes Paul II. Die Frage liegt nah: Hat sich Pani Anna ihren Glauben in Auschwitz bewahren können? „Ich habe gebetet, für meine Eltern.“ Sie zögert, klopft sich mit drei Fingern auf die Brust. „Irgendeine Kraft war da. Tief im Innern.“ Im Übrigen zieht es jetzt doch ganz schön.

Juliane und Ruth helfen, das Erkerfenster zu schließen, während Pani Anna gedanklich schon im KZ Ravensbrück ist. Im August 1944, als die Sowjetarmee vorrückt, sollen Häftlinge aus Auschwitz dorthin verlegt werden. „Was werden die Deutschen wohl mit uns machen, wenn die Russen kommen?“, fragt Anna ihre Lagerfreundinnen. Sie schaffen es in den Transport nach Ravensbrück. „Es war unsere Rettung.“ Auschwitz nämlich sei in Wirklichkeit niemals befreit worden. Die alte Frau wird laut: „Was soll das für eine Befreiung gewesen sein? Die Deutschen haben im Winter 45 Zehntausende halbnackte, halbverhungerte Menschen aus dem Lager getrieben, mit Hunden und vorgehaltenen Waffen. Ein paar Tausend haben überlebt. Ich kann das Wort Befreiung nicht ertragen.“

Es ist jenes Wort, das die junge Anna 1943 an den geliebten Bruder geschrieben hatte, damals voller Sehnsucht. Doch als für die 18-Jährige dann der Moment der Befreiung naht, ist alles anders. Im Frühjahr 1945 handelt das schwedische Rote Kreuz mit der SS eine humanitäre Rettung aus. Die Tore in Ravensbrück öffnen sich. „Aus vielen Baracken haben wir aber nur noch Stöhnen gehört. Da lagen die Sterbenden“. Anna jedoch hält durch und wird ausgeschifft. In Malmö gibt es Duschen, Getränke, Essen. Nach der Hölle ist es dort „wie im Himmel“.

Und im Himmel schmeckt die Freiheit süß. Buchstäblich. Das erste Essen ist eine Süßspeise. „Na gut, dachten wir, da müssen wir durch.“ Doch am zweiten Tag gibt es Würstchen, die auch süß schmecken. „Am dritten Tag haben sie uns süßen Hering serviert.“ Pani Anna lacht. „Die Schweden essen einfach alles süß. Grauenhaft.“ Bald darauf darf sie selbst kochen, ein „echtes polnisches Essen, herzhaft und deftig“. Ein gutes Jahr dauert es noch, bis sie in der Heimat ihre Familie in die Arme schließen kann. Dann beginnt eine neue Zeit, ein zweites, reiches Leben als Kunsthistorikerin an der Akademie der Wissenschaften in Warschau.

Aber was bleibt vom ersten Leben? Den Tätern hat Pani Anna längst verziehen. „Wer nicht verzeihen kann, behält alles bei sich.“ Damit quäle man sich nur selbst. Sie pflegt lieber ihre Freundschaften in aller Welt, persönlich, per Brief oder Telefon. Und Juliane und Ruth, die jungen Frauen aus Deutschland, die liebt sie. Das kann sie nicht verbergen – und will es wohl auch gar nicht.

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