Im ureigenen Interesse

Die Präsidenten Russlands und der Ukraine, Wladimir Putin und Wolodymyr Selenskyj, kommen zu einem ersten persönlichen Treffen in Paris zusammen. Der französische Staatschef Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel komplettieren das sogenannte Normandie-Quartett. Zu erwarten ist: ein weiteres Trauerspiel.

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Eine ukrarinische Flagge am Ort der Maidan-Revolution 2014. (Foto: Ulrich Krökel)

Was geht uns eigentlich die Ukraine an? Die Frage ist in den deutschen Debatten über die „richtige“ Ostpolitik immer wieder zu hören. Pünktlich zum Ukraine-Gipfel an diesem Montag in Paris ist sie wieder öfter zu hören. Man solle sich doch lieber darauf konzentrieren, das gestörte Verhältnis zu Russland zu reparieren. Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron stieß in den vergangenen Wochen immer wieder in dieses Horn. Kremlchef Wladimir Putin sei schließlich kein Feind.

Das sieht man in der Ukraine mit guten Gründen und vor allem aus bitterer Erfahrung anders. Dort erlebt die Menschen seit mehr als fünf Jahren ununterbrochen, zu welch aggressiven feindlichen Akten Putin fähig ist. Er eroberte und annektierte offen völkerrechtswidrig die Krim, munitionierte separatistische Söldner im Donbass, ließ ukrainische Schiffe kapern und droht regelmäßig mit Gasboykott. In Deutschland nimmt man das alles mehr oder minder achselzuckend zur Kenntnis, verhängt ein paar Sanktiönchen und geht dann zur Tagesordnung über.

Zur Veranschaulichung eine kleine Geschichte: Kürzlich lud der ukrainische Botschafter in Deutschland in die Berliner Passionskirche ein, um an die Millionen Opfer des stalinistischen „Holodomor“ zu erinnern. Das Wort bezeichnet einen Völkermord durch Aushungern. Genau das geschah 1932/33 auf Befehl Stalins in der Ukraine, weil der Sowjetdiktator den Unabhängigkeitsgeist der „verfluchten Kosaken“ dort mit Stumpf und Stiel ausrotten wollte. Der systematische Raub von Getreide, Kartoffeln und Vieh trieb Millionen Menschen in den Hungerwahn, bis sie mit Stumpf und Stiel Gras fraßen, später nackte Erde und schließlich das Fleisch Verstorbener.

Das Ausmaß des Grauens ist in Deutschland wenig bekannt. Auch deshalb habe er, so berichtete es Botschafter Andrij Melnyk, sämtliche Bundestagsabgeordneten angeschrieben und sie zum Gedenken in die Passionskirche eingeladen. Es kam fast niemand. Warum? Wegen Russland, sagt Melnyk. Dort wird der Holodomor bis heute verharmlost oder geleugnet. In der deutschen Politik wiederum ist (fast) niemand bereit, es sich um der Ukraine willen mit dem mächtigen Russland zu verderben, in dem der Stalin-Kult heute wieder fröhliche Urstände feiert.

Wenn kein Wunder geschieht, wird sich das Trauerspiel beim Gipfel am Montag fortsetzen. Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel, die vermitteln sollen, gehen mit der Marschroute in die Gespräche, Putin bloß nicht zu verprellen. Sie denken weltpolitisch, und da glauben sie den Kremlchef zu brauchen, nicht aber den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Der Ansatz jedoch ist grundfalsch. Putin nimmt den Westen nur dort ernst, wo der Westen sich und seine Werte selbst ernst nimmt und entsprechend handelt. In der Ukraine ist das erkennbar nicht der Fall. Das muss sich ändern, und zwar im ureigenen Interesse Europas.

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