Im Sinne der Lebenden

Russland und die Ukraine haben sich auf einen spektakulären Austausch von Gefangenen geeinigt. Nun muss sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vorwerfen lassen, vor Kremlchef Wladimir Putin eingeknickt zu sein. Er hat dennoch richtig gehandelt.

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Eine ukrainische über einer russischen Flagge nach der proeuropäischen Revolution auf dem Kiewer Maidan 2014. Damals eskalierte der Streit zwischen den Nachbarstaaten. (Foto: Krökel)

Eines muss man Wolodymyr Selenskyj lassen: Der junge ukrainische Präsident strotzt vor Tatkraft und Mut. Erst seit gut 100 Tagen ist er im Amt, und schon hat er eines seiner wichtigsten Wahlversprechen eingelöst. Er hat Kremlchef Wladimir Putin, der ihn anfangs komplett ignorierte, vom Sinn eines umfassenden Gefangenenaustauschs überzeugt.

Mutig ist das deshalb, weil es im In- und Ausland keineswegs nur Lob für die spektakuläre Aktion gibt. Selenskyj habe sich von Putin erpressen lassen, lautet der zentrale Kritikpunkt. Richtig ist, dass die ukrainischen Häftlinge, die nun in die Freiheit zurückkehren konnten, allesamt Opfer einer Willkürjustiz waren. Faktisch waren sie Geiseln. Auf der anderen Seite ließen die ukrainischen Behörden mit Wladimir Zemach einen Mann ziehen, der als Hauptbelastungszeuge und möglicher Mittäter im „Fall MH-17“ gilt.

Fast 300 Menschen starben, als im Juli 2014 eine Buk-Rakete über der Ostukraine eine malaysische Passagiermaschine in Stücke riss. Zemach war nach eigener Aussage dabei, als die Rakete in den prorussischen Separatistengebieten abgefeuert wurde. Darf man so einen Mann ohne Gerichtsverfahren auf freien Fuß setzen? Ja, man darf. Denn so verständlich die Empörung in den Niederlanden ist, aus denen die meisten MH-17-Opfer stammen, so klar ist, dass die Toten nicht wieder lebendig würden, wenn Zemach in Haft bliebe.

Gerechtigkeit ist ein hohes Gut. Auf der anderen Seite aber stehen die Lebenden. Der Filmemacher Oleh Senzow ist darunter, der 20 Jahre in sibirischer Lagerhaft verbringen sollte, weil er die russische Krim-Annexion offen kritisiert hatte. Das EU-Parlament verlieh ihm den Sacharow-Preis für geistige Freiheit. Und 24 Matrosen sind nun frei, deren Schiff die russische Marine vor der Krim gekapert hatte. Nicht zuletzt hat Selenskyj aber auch dem Minsker Friedensprozess neues Leben eingehaucht. Auf der Basis der jüngsten Annäherung lässt sich im besten Fall das Sterben in der Ostukraine stoppen. Einen Versuch ist es allemal wert.

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