Wie unter einer schützenden Hand

Vor 80 Jahren überfiel die Wehrmacht Polen und begann ihren Vernichtungskrieg im Osten. Der 96-jährige Wlodzimierz Cieszkowski ist einer der letzten noch lebenden polnischen Soldaten aus jener Zeit. Ich habe ihn besucht.

Włodzimierz Cieszkowski im Kreis seiner Familie (hinten v. l. Enkeltochter Kamilla, Tochter Julia und Enkel Mikolay, vorn Nelle, die Jüngste; Foto: Krökel).

Der 96-jährige Włodzimierz Cieszkowski im Kreis seiner Familie (hinten v. l. Ur-Enkelin Kamilla, Enkeltochter Julia und Ur-Enkel Mikołay, vorn Nelle, die Jüngste; Foto: Krökel).

Wenn es die Kraft der Lungen erlaubt, lacht Włodzimierz Cieszkowski. Oder er lächelt wenigstens, vor allem wenn er hinauslauscht, wie im Garten die Urenkel toben, fast schon im Wald. Es gibt viel Grün rund um das Dorf Budy Barcząckie, eine Autostunde östlich von Warschau, wo Cieszkowski in diesen Spätsommertagen die Familie seiner Enkeltochter Julia besucht. „Man atmet hier freier als in der Stadt“, sagt der 96-Jährige und betont, welches Glück er doch habe, dass er bei seinen Kindern zu Gast sein dürfe, wann immer er wolle. „Sie helfen mir.“

Von seinem Glück spricht Cieszkowski oft. Gründe genug hat er: Ein langes Leben, Kinder, Enkel und Urenkel, und der Körper spielt auch noch mit. Doch der Oberst Cieszkowski meint vor allem sein ganz persönliches „Kriegsglück“, das er Anfang September 1939 hatte, als die deutsche Wehrmacht über Polen herfiel, und auch später immer wieder, bis 1945, als er in seine befreite Heimat zurückkehren konnte. Doch woher kam das Glück? Cieszkowski erzählt seine Geschichte, als hätte er im Krieg unter einer schützenden Hand gelebt.

Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Führerschein, den er im Spätsommer 1939 schon in der Tasche hat, als gerade 16-Jähriger, weil sich im Gymnasium eine seltene Gelegenheit zum Fahrunterricht geboten hat. Er kann also ein Auto steuern, als ihn seine Mutter aus seinem Geburtsort Ciechanów 100 Kilometer nach Süden schickt, zu seinem Onkel nach Warschau. Keinen Tag zu spät. Die Deutschen besetzen Ciechanźw bereits am 3. September. Aus Warschau dagegen werden alle jungen Männer nach Osten evakuiert, zunächst mit dem Zug, bis es nicht weitergeht, weil die Bomber bereits die Gleise zerstört haben. Es gibt einige Transporter, aber zu wenige Fahrer. Cieszkowski meldet sich sofort.

Endlich Weltkrieg: Bei mir meldete sich zum 1. September ein alter Mann, ein Veteran, der "seinen" Krieg bis heute aus (verblendeter) deutscher Perspektive sieht. (Foto: privat)

Kriegsbeginn vor Danzig. (Foto: privat)

Der alte Mann freut sich bis heute über den Coup: „Ich habe meine Soldatenlaufbahn als Chauffeur begonnen.“ Der Eintritt in die Armee als Glücksfall? Für Cieszkowski ist das eine Selbstverständlichkeit: „Als junger Mann willst du für dein Vaterland kämpfen, wenn es so brutal überfallen wird.“ Als Teil einer Sanitätseinheit gelangt er nach Lwów, das heute als Lwiw zur Ukraine gehört. „Wir wussten ja nicht, dass von Osten her die Russen anrücken.“ Doch so ist es. Hitler hat mit Stalin Ende August einen Pakt geschlossen. Ein geheimes Zusatzprotokoll sieht die Aufteilung Osteuropas in „Einflusszonen“ vor. Am 17. September marschiert die Rote Armee in Polen ein.

Cieszkowski spricht leiser, als er davon erzählt. „Die Russen haben damals meinen Vater verschleppt.“ Dann versagt die Stimme. Der alte Mann, der zwar einen Stock braucht, aber noch immer aufrecht geht, holt sich ein Glas Wasser, bevor er in wenigen Worten den Mord an seinem Vater zu Protokoll gibt. Krieg und Glück, das passt dann eben doch nur sehr begrenzt zusammen. Und Cieszkowski weiß das auch. Das ist deutlich zu spüren, wenn er von den deutschen Bomben berichtet, die an jenem 17. September über dem Lazarett in Lwow niedergehen. „Die Explosionen waren so heftig, dass Steine und Staub wie Schnee vom Himmel fielen.“

Es gelingt seiner Einheit aber doch, ins damals noch neutrale Rumänien zu fliehen. Der 16-jährige Cieszkowski steuert einen Lastwagen mit Verwundeten. Und es ist wieder so ein Wink des Schicksals, dass die Rumänen die jungen Polen bald darauf nach Paris schicken. „Wir sollten dort zur Schule gehen.“ Aber die jungen Männer, die lieber ihr Vaterland retten wollen, setzen sich ab und schlagen sich zu den polnischen Divisionen durch, die im Bündnis mit den Franzosen an der Westfront gegen die Deutschen kämpfen.

Von mehreren Zehntausend Soldaten dieser polnischen Divisionen leben heute noch 22. Das zumindest ist die Zahl, die Cieszkoswki kennt, der selbst zu diesen letzten Zeitzeugen zählt. Auf die Frage, welche Gefühle er heute für die Feinde von einst hegt, für die Deutschen und auch für die Russen, hebt er die Schultern. „Es ist gut, dass der Krieg vorbei ist.“ Dann beginnt er, über die „kluge Politik“ von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu sprechen und über „diesen Brexit-Unsinn“. Das sei eine „schreckliche Dummheit“. Man müsse zusammenarbeiten in Europa.

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„Es ist gut, dass der Krieg vorbei ist“: Ein Sanitätsflugzeug im Einsatz.  (Foto: Dornier Museum Friedrichshafen)

1940 ist der gemeinsame Kampf mit den Franzosen nicht leicht. „Sie haben uns nicht sonderlich gemocht, weil sie glaubten, nur unseretwegen Krieg führen zu müssen.“ Die Regierungen in Paris und London hatten Deutschland nach dem Überfall auf Polen den Krieg erklärt, um Hitlers Aggression zu stoppen. Doch schon im Juni 1940 sind die Franzosen geschlagen. Cieszkowski allerdings hat wieder Glück im Unglück. Seine Division, die im Süden  kämpft, kann sich in die neutrale Schweiz retten. „Eine halbe Stunde, nachdem wir abgezogen waren, haben die Deutschen unser Quartier bombardiert. Kein Stein blieb davon übrig.“

In der neutralen Schweiz werden die Polen zwar „ausgesprochen herzlich in Empfang genommen“, aber interniert. Die Gefahr, die Deutschen zu provozieren, ist zu groß. In den folgenden Jahren müssen Tausende Polen in den Alpen für einen Hungerlohn Arbeit leisten, in der Landwirtschaft, auf dem Bau oder in der Industrie. „Unsere Leute haben zwei Franken pro Tag bekommen, die einheimischen Arbeiter zehn Franken pro Stunde.“ Cieszkowski ist das wichtig. Er holt ein Buch, in dem all das verzeichnet ist, was die Polen in der Schweiz gebaut haben. 2822 Kilometer neue Straßen zum Beispiel. Oder 56 Brücken.

In den aktuellen Streit zwischen Polen und Deutschland über verspätete Reparationen will sich Cieszkowski nicht einmischen. Eines aber steht für ihn fest: „Wir wurden nach 1945 ungerecht behandelt.“ Als Nation. Denn persönlich will er nicht klagen. Zumal die Schweizer dem jungen Cieszkowski bald nach der Gefangennahme erlauben, das Abitur nachzumachen und in Zürich Medizin zu studieren. Er wird zwar kein Arzt, erwirbt aber genug Fachwissen, um nach dem Krieg als Vizedirektor eine Warschauer Klinik zu leiten.

Vorher aber zieht er noch einmal in den Krieg. Mitte 1944 sehen die Schweizer nicht mehr so genau hin, als die internierten Polen fliehen. Cieszkowski kämpft einige Monate als Partisan, bevor er 1945 endlich seine Mutter wieder in die Arme schließen kann, die jahrelang für die polnische Heimatarmee im Untergrund gekämpft und einer jüdischen Familie Schutz gewährt hat. Sie überleben. Sechs Millionen Polen aber fallen dem deutschen Vernichtungskrieg zum Opfer, darunter drei Millionen Juden. Ob er angesichts dieser Erlebnisse an Gott glaube, lautet die letzte Frage an Wlodzimierz Cieszkowski. „Von Zeit zu Zeit“, antwortet er und lacht.

 

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