Längst überfällig

Polen war das erste Opfer des deutschen NS-Terrors. In Relation zur Gesamtbevölkerung hatte das Land, das 1945 in Trümmern lag, die meisten Toten im Zweiten Weltkrieg zu beklagen. Sollte man daran in Deutschland mit einem Mahnmal erinnern? Ein Kommentar.

Grenze

Braucht Deutschland ein Denkmal in Berlin, das an die polnischen NS-Opfer erinnert? Die Antwort kann nur Ja lauten. Das zentrale Pro-Argument ist schlagend: Es gibt ein eklatantes Anerkennungsgefälle zwischen Deutschland und Polen, das sich aus einer Mischung von westlicher Ignoranz und Arroganz speist. Dieser Mangel an Wertschätzung ist umso unerträglicher, als die Nachfahren der Täter auf die Nachfahren der Opfer hinabblicken – wenn sie denn überhaupt hinschauen.

Sechs Millionen Menschen haben Deutsche im Namen Deutschlands zwischen 1939 und 1945 in Polen ermordet. Sie haben Dutzende Städte bis auf die Grundmauern zerstört, darunter die Hauptstadt Warschau. Zwangsarbeit, Vergewaltigungen, die gezielte Ausrottung von Eliten und nicht zuletzt die systematische Exekution des Völkermordes an den europäischen Juden auf polnischem Boden waren Teil eines historisch einzigartigen Zivilisationsbruchs, der am 1. September 1939 mit dem Überfall der Wehrmacht begann. Daran mit einem Denkmal in der deutschen Hauptstadt zu erinnern, ist längst überfällig.

Die Gegner der Initiative bieten einen bunten Strauß an Argumenten an, die aber allesamt nicht überzeugen. Am wenigsten taugt der Verweis auf die bereits existierenden Denkmäler, die an den Holocaust, an die Opfer des NS-Euthanasieprogramms, an die ermordeten Sinti und Roma und die Verfolgung von Homosexuellen erinnern. Wer eine Mahnmalinflation heraufbeschwört, will in Wirklichkeit meist einen Schlussstrich ziehen und am liebsten gar nichts mehr hören vom deutschen Rassen- und Vernichtungswahn.

Es gibt auch keine „Opferkonkurrenz“, wie gelegentlich polemisiert wird. Menschen erinnern sich immer an etwas, niemals gegen etwas. Ein Denkmal für die ermordeten Polen als Abwertung russischer und ukrainischer, jüdischer oder griechischer Opfer zu deuten, ist Unsinn. Im Gegenteil: Die Debatte über ein Polendenkmal sollte ein Ansporn sein, die gelegentlich zu hoch gelobte deutsche Erinnerungskultur insgesamt auf den Prüfstand zu stellen.

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