Brennende Gefühle der Ungerechtigkeit

Vor 80 Jahren begann die deutsche Wehrmacht ihren Vernichtungskrieg im Osten Europas. Viele Polen sehen ihr Leid noch immer nicht ausreichend gewürdigt. Ein Mahnmal in Berlin soll die Versöhnung voranbringen. Kann das funktionieren?

Mahnmal für die Opfer des Warschauer Aufstandes 1944: Polens Kinder sollen nach dem Willen der PiS-Regierung wieder mehr über die eigene Geschichte lernen. (Foto: Krökel)

In Warschau erinnert ein Mahnmal an die Opfer des Aufstandes der polnischen Heimatarmee im August 1944. In Deutschland könnte es bald ebenfalls eine Erinnerungsstätte an die Opfer der NS-Besatzung in Polen geben. (Foto: Krökel)

Das Schicksal Polens treibt Dieter Bingen seit mehr als vier Jahrzehnten um. Als Zeithistoriker hat er den Aufstand der Solidarnosc verfolgt, die friedliche Revolution von 1989 und die Osterweiterung der EU. Er hat erlebt, wie Europa zusammenwuchs. Doch wer Bingen, der seit nunmehr 20 Jahren das deutsche Polen-Institut in Darmstadt leitet, länger zuhört, kann den Eindruck gewinnen, dass alles ganz anders ist. Dass mitten im Herzen Europas noch immer eine Wunde klafft, weil die Deutschen, 80 Jahre nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939, zu wenig zur Heilung beitragen.

„Es gibt in Deutschland ein hohes Maß an Gleichgültigkeit und Ignoranz unserem direkten Nachbarn Polen gegenüber“, sagt Bingen und stellt sich damit gegen eine große Meinungsmehrheit unter seinen Landsleuten. Umfragen zufolge glauben zwei von drei Deutschen, dass das Leid der Polen im Weltkrieg ausreichend anerkannt werde. Doch genau diese Überzeugung scheint das zentrale Problem zwischen den Nachbarn im Herzen Europas zu sein. Denn in Polen ist es umgekehrt. Nicht einmal jeder Dritte sieht dort das historische Leid der eigenen Nation ausreichend gewürdigt.

Adolf Hitler (Mitte) beim Truppenbesuch in Danzig Anfang September 1939. (Foto: privat)

Adolf Hitler (Mitte) beim Truppenbesuch in Danzig Anfang September 1939. (Foto: privat)

„Es gibt in unserem Land ein brennendes Gefühl der Ungerechtigkeit“, sagt Polens Außenminister Jacek Czaputowicz mit Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die regierende rechtsnationale PiS, der Czaputowicz angehört, verlangt deshalb von Deutschland eine finanzielle Wiedergutmachung. Man habe „nichts bekommen für die unglaublichen Schäden, die bis heute nicht vollständig beseitigt werden konnten“, sagt Parteichef Jarosław Kaczyński. PiS-Politiker beziffern die Forderungen auf rund eine Billion Euro. Dafür werde man notfalls „in die Schlacht ziehen“.

Gemeint ist eine politisch-juristische Schlacht, denn die Bundesregierung lehnt Reparationszahlungen unter Verweis auf das Völkerrecht strikt ab. Sie hat dabei starke Argumente auf ihrer Seite. So hat Polen 1953 ausdrücklich auf alle weiteren Kriegsentschädigungen verzichtet. Doch in Wirklichkeit geht es ohnehin nur vordergründig um Geld oder ums Rechthaben. Es geht zuallererst um eben jene brennenden Gefühle mangelnder Anerkennung in Polen und die Gleichgültigkeit vieler Deutscher. Und genau das möchte Dieter Bingen ändern.

Gemeinsam mit der ehemaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, ihrem Nachfolger Wolfgang Thierse und weiteren Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Deutschland hat Bingen vor zwei Jahren eine Initiative zur Errichtung eines Mahnmals für die polnischen Opfer der NS-Besatzung in Berlin ergriffen, die inzwischen den Bundestag erreicht hat. „Wir brauchen dieses Denkmal, um eine Leerstelle der Empathie in der deutschen Erinnerung zu füllen“, sagt Bingen. Die Idee stößt parteiübergreifend auf viel Zustimmung, mit Ausnahme der AfD.

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble gehört zu den Befürwortern. Am 1. September, dem 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen, wollen er und seine Warschauer Kollegin, die Sejm-Marschallin Elżbieta Witek, auf dem Askanischen Platz in Berlin Reden halten. Dort soll das Mahnmal seinen Platz finden, direkt vor der Kriegsruine des Anhalter Bahnhofs. Wenn es nach den Initiatoren geht. Wenn sich nicht doch noch die Argumente der Kritiker durchsetzen, zu denen auch der Berliner Historiker Stephan Lehnstaedt gehört.

Unter den sechs Millionen NS-Opfern in Polen seien „Juden, Litauer, Weißrussen, Deutsche und Ukrainer“ gewesen, schrieb Lehnstaedt unlängst in der „Jüdischen Allgemeinen“. Der Holocaust-Forscher kritisiert, dass mit der Errichtung eines Polendenkmals eine „Zwangsvergemeinschaftung“ von Opfergruppen stattfinde. Juden, Ukrainer und andere würden zu Polen gemacht. Bingen hingegen ist davon überzeugt, dass auch in einem zusammenwachsenden Europa „die Erinnerung an individuelle nationale Schicksale wichtig ist“. Unter dem Strich steht bei ihm die Idee eines dauerhaften „Zeichens an unsere Nachbarn, dass wir verstanden haben“.

Die Dauer spielt dabei keine unwesentliche Rolle. Denn sicher ist, dass der 80. Jahrestag des Kriegsbeginns einer der letzten runden Gedenktage sein wird, an dem Zeitzeugen von dem Grauen berichten können. Zofia Burchacińska zum Beispiel, die 1939 als elfjähriges Mädchen die erste Angriffswelle deutscher Bomber in Wielun erlebte: „Wir flohen in einen Keller voller Leute, voller Weinen, Gebete und Schreien“, erzählte die heute 91-Jährige kürzlich der Deutschen Presse-Agentur. Sie sei damals ohne Schuhe durch die Straßen zwischen den brennenden Häusern gelaufen. Ihre Füße seien erst zu Weihnachten wieder verheilt gewesen.

Rund 1200 Menschen starben am frühen Morgen des 1. September 1939 in Wieluń. Als die Bomber abdrehten, lagen drei Viertel der Kleinstadt bei Łódź in Trümmern. Es folgte ein Vernichtungsfeldzug von brachialer Gewalt, ohne jede Rücksicht auf zivile Opfer. Schon im Oktober begann die deutsche Besatzungszeit in Polen, die von massenhaftem Terror, von Versklavung und Vernichtung gekennzeichnet war. Es sei schwer für sie, zu vergeben, sagt Zeitzeugin Burchacińska.

Daran wird vermutlich auch der Besuch von Frank-Walter Steinmeier nichts ändern, der am kommenden Sonntag an den Gedenkfeiern in Polen teilnimmt. Der Bundespräsident wird sich in Wielun und Warschau zweimal an das polnische Volk wenden. Doch Reden an Jahrestagen verhallen meist, früher oder später, so wie auch die letzten noch lebenden Zeitzeugen eher früher als später verstummen werden. Dieter Bingen und seine Mitstreiter wollen mit einem Denkmal gegen das Vergessen anarbeiten.

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