Ein Hoffnungsträger

Die Ukraine hat einen neuen Präsidenten: Der 41-jährige Schauspieler und Politneuling Wolodymyr Selenskyj schickt sich an, das krisengeschüttelte Land von Grund auf zu reformieren. Hat er eine Chance? Ein Kommentar zu Vereidigung.

Scherbenhaufen Ukraine: Einschusslöcher in einem Hotelfenster in Kiew. (Foto: Krökel)

Scherbenhaufen Ukraine: Einschusslöcher nach der Maidan-Revolution in Kiew. (Foto: Krökel)

Wolodymyr Selenskyj wäre gern anders als andere Politiker. Am liebsten, so hat es noch immer den Anschein, wäre der erfolgreiche TV-Komiker überhaupt kein Politiker. Er hat sich aber zur Wahl gestellt – und gewonnen. Seit Montag nun amtiert der 41-Jährige als Präsident der Ukraine, feierlich eingeschworen im Plenarsaal des Parlaments in Kiew. Dort allerdings sitzen Menschen, die vor allem in Kategorien von Macht und Einfluss denken. Mit anderen Worten: Dort sitzen waschechte Politiker.

Die Konfrontation zwischen dem Anti-Politiker Selenskyj, den die Ukrainer gerade wegen seiner unkonventionellen Art gewählt haben, und den Profis in Parlament und Regierung erreichte pünktlich zur Vereidigung des neuen Staatsoberhauptes einen ersten Höhepunkt. Die Regierungskoalition löste sich kurzerhand selbst auf, um eine sofortige Auflösung des Parlaments durch den neuen Präsidenten zu verhindern. Es ging ums Zeitschinden mithilfe von Verfahrenstricks, deren Rechtmäßigkeit umstritten ist. Und schon fand sich Selenskyj in einem politischen Machtkampf wieder. Er hat den Kampf am Montag in seiner Antrittsrede angenommen. Der Ausgang ist offen.

Vieles wird davon abhängen, ob Selenskyjs zur Schau gestellter Idealismus echt ist. Er wird die krisengeschüttelte Ukraine nur dann erfolgreich reformieren können, wenn er bereit ist, sich ohne Rücksicht auf seine persönliche Zukunft auch mit den mächtigen Oligarchen anzulegen. Zum Lackmustest dürfte deshalb sein Verhalten gegenüber dem Multimilliardär Ihor Kolomojskyj werden, mit dem er eng verbunden ist.

Derzeit scheint kaum vorstellbar, dass ein 41-jähriger Seiteneinsteiger die Kraft aufbringt, die mafiosen Netzwerke der ukrainischen Oligarchie zu zerschlagen. Bei seiner Amtseinführung jedoch fand Selenskyj ziemlich genau die richtige Mischung aus unprätentiöser Lockerheit, präsidentieller Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit. Auch wenn die Hoffnung, realistisch betrachtet, gering ist, so ist Selenskyj doch ein Hoffnungsträger für die Ukraine.

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