Timoschenkos Traum lebt

Gasprinzessin, Jeanne d’Arc der orangen Revolution, ukrainische Hillary: Julia Timoschenko mischt kurz vor ihrem 58. Geburtstag wieder einmal die ukrainische Politik auf. Ein politisches Porträt.

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„Für Gerechtigkeit lohnt es sich zu kämpfen“, steht auf dem Plakat mit dem Bild von Julia Timoschenko vor ihrer früheren Gefängniszelle in Kiew. (Fotos: Krökel)

Wer nicht so genau hinschaut, den könnte beim Blick auf die Ukraine das ungute Gefühl beschleichen, einen Film in Dauerschleife zu sehen. War das nicht alles schon mehrfach im Bild? Julia Timoschenko zum Beispiel, die in diesen düsteren Herbsttagen mit einem Siegeswillen um das Präsidentenamt kämpft, als hätten die Ukrainer im kommenden Frühling nur die Wahl zwischen ihr und dem Weltuntergang. So war es aber auch schon 2004, als die Frau mit dem berühmten blonden Haarkranz die demokratische Revolution in Orange anführte. Und 2010, als sie sich mit dem prorussischen Kandidaten Viktor Janukowitsch regelrecht bekriegte. Und 2014, als die Ukrainer auf dem Kiewer Maidan eine weitere Revolution entfachten.

Die Maidan-Tanne auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz.

Die Maidan-Tanne auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz.

In all diesen Fällen unterlag Timoschenko am Ende männlichen Widersachern. Nun aber, wenige Tage vor ihrem 58. Geburtstag, ist sie wieder da, ohne Haarkranz zwar, den sie inzwischen aufgelöst hat. Dafür hat sie aber so gute Chancen wie nie zuvor, ihren Traum endlich zu verwirklichen und die erste Präsidentin der unabhängigen Ukraine zu werden. Seit Monaten führt sie alle demoskopischen Ranglisten an. Meist geben zwar nur rund 20 Prozent der Befragten an, sie wollten Timoschenko wählen. Aber in einem Feld von fast zwei Dutzend Kandidaten heißt das viel. Auf Platz zwei und drei etwa folgen der Schauspieler Wolodymyr Selenskyi und Amtsinhaber Petro Poroschenko mit jeweils rund zehn Prozent.

Doch mehr noch: In einer wahrscheinlichen Stichwahl würde Timoschenko gegen jeden anderen Kandidaten gewinnen. So zumindest sagen es die Umfragen. Allerdings haben Demoskopen schon oft geirrt. 2016 in den USA zum Beispiel, als Hillary Clinton, mit der Timoschenko inzwischen immer öfter verglichen wird, klare Favoritin auf das Präsidentenamt war. Steuert die einstige Jeanne d’Arc der ukrainischen Revolution also auf eine weitere Niederlage zu, in der felsenfesten Überzeugung, eine Heilsbringerin zu sein? Das zumindest ist ihr Anspruch: „Wir werden das gesamte System demontieren, das es uns nicht ermöglicht, zu leben, wie wir leben wollen.“

Das System, von dem Timoschenko spricht, ist die sogenannte Oligarchie, die Herrschaft einiger weniger Wirtschaftsmagnaten, die hinter den Kulissen auch die Fäden in der Politik ziehen. Präsident Poroschenko gehört als milliardenschwerer Unternehmer selbst dazu, und bei seinen Vorgängern war es nicht anders. Allerdings trägt auch Timoschenko die Bürde, dass sie in den 90er Jahren im Kampf um das ehemalige sowjetische Volkseigentum, als in der Ukraine blutige Mafiakriege tobten, an vorderster Front mitmischte.

Timoschenko stieg damals zur milliardenschweren „Gasprinzessin“ auf, und am Hungertuch nagt sie bis heute nicht, auch wenn sie in den politischen Kämpfen der vergangenen Jahre einen Großteil ihres einstigen Vermögens einbüßte. Schwer getroffen hat sie vor allem die Niederlage bei der Präsidentenwahl 2010 gegen den prorussischen Kandidaten Viktor Janukowitsch. Der ehemalige Boxer ließ seine Erzrivalin von einer willfährigen Justiz in einem Schauprozess aburteilen und ins Gefängnis werfen. Zweieinhalb Jahre saß Timoschenko in Haft, trat phasenweise in den Hungerstreik und musste nach einem verschleppten Bandscheibenvorfall von Ärzten der Berliner Charité behandelt werden.

Zu der Ausreise nach Deutschland, die im Gespräch war, kam es nicht mehr. Die Maidan-Revolution trieb Janukowitsch im Februar 2014 aus dem Amt und dem Land. Timoschenko kam frei und wandte sich im Rollstuhl mit einer emotionalen Rede an die siegreichen Demonstranten im Herzen Kiews. Doch wenn sie geglaubte hatte, wie einst Nelson Mandela als Heldin aus dem Gefängnis zurückzukehren, so hatte sie sich getäuscht. Die Zeit war an Timoschenko vorübergegangen. Viele Ukrainer hielten sie damals für eine Vertreterin eben jenes Systems, das sie hinter sich lassen wollten. Es wurde still um die zierliche, nur 1,60 Meter große Frau, über die der Schriftsteller Juri Andruchowitsch einst sagte: „Sie lebt nur im Kampf.“Maidan7

Jetzt also lebt sie wieder. Timoschenko profitiert davon, dass seit Beginn der Maidan-Revolution vor fünf Jahren in der ukrainischen Politik fast alles schiefgegangen ist. Die Oligarchie besteht fort. Die Wirtschaft befindet sich seit der Weltfinanzkrise, als dem Land der Staatsbankrott drohte, in der Dauerkrise. Die Korruption blüht fast unverändert. Vor allem aber ist das Verhältnis zu Russland ruiniert, das 2014 die Krim annektierte und seither einen separatistischen Krieg in der Ostukraine befeuert. Mehr als 10.000 Menschen starben. 1,5 Millionen Binnenflüchtlinge haben die Vereinten Nationen gezählt.

Auf der Habenseite stehen ein wenig zukunftsweisendes Assoziierungsabkommen mit der EU und die Möglichkeit für Bürger des Landes, ohne Visum in den Schengenraum einzureisen. Mehr als zwei Millionen meist junge und gut ausgebildete Ukrainer nutzten diese Regelung, um ihrer Heimat gleich ganz den Rücken zu kehren.

Was könnte eine Präsidentin Timoschenko in dieser Lage überhaupt erreichen? Ihre Versprechen klingen nach einem großen Sprung nach vorn. Sie will die mythenumrankte Blockchain-Technologie zur ukrainischen Wunderwaffe machen und spricht von digitaler Regierungsführung. Die Probleme der Ukraine aber sind eher analoger Natur: Polizisten, Ärzte und Lehrer zum Beispiel, die sich bestechen lassen. Und die Toten im Donbass. Wenn Timoschenko gewinnen will, wird sie sich anders präsentieren müssen. Dass sie das kann, hat sie längst gezeigt.

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