Der slowakische Traum lebt

Der Mord an dem Investigativ-Journalisten Jan Kuciak hat die Slowakei vor sieben Monaten zutiefst erschüttert. Das kleine Land im Herzen Europas fand sich in einem Albtraum wieder. Doch nun sind die mutmaßlichen Täter verhaftet. Die Slowakei atmet auf. Ein Kommentar.

skDie Nachricht, dass der mutmaßliche Mörder von Jan Kuciak verhaftet worden sei, ging am Donnerstag wie ein Lauffeuer durch die Slowakei. Viele Menschen im Land atmeten befreit auf, als hätte ihnen jemand eine schwere Last von der Brust genommen. Dabei sind die Ermittlungen längst noch nicht abgeschlossen, von einem möglichen Prozess ganz zu schweigen.

Der wichtigste Grund für die ebenso schnellen wie erleichterten Reaktionen von Politikern, Kommentatoren und Bürgern war die Erkenntnis, dass die slowakische Polizei überhaupt willens und in der Lage zu sein scheint, in jenem Mafiamilieu Ermittlungserfolge zu erzielen, in dem der Investigativ-Journalisten Kuciak vor seiner Ermordung recherchiert hatte. Denn genau daran waren nach der Schreckenstat im Februar ernsthafte Zweifel aufgekommen. In der Folge mussten Innenminister Robert Kalinak und später sogar Regierungschef Robert Fico ihre Ämter aufgeben.

Um zu verstehen, warum der Kuciak-Mord die Slowakei derart tief erschüttern konnte, muss man einen Blick zurückwerfen. Unter den jungen EU-Staaten im Osten Europas war es nach der Jahrtausendwende ausgerechnet die oft als Wurmfortsatz Tschechiens belächelte Slowakei, die sich mit dem größten Ehrgeiz für eine kompromisslose (West-)Europäisierung entschied. Während wahlweise Ungarn, die baltischen Republiken, der größere Nachbar Tschechien oder Polen als Musterländer gehandelt wurden, schuf man in Bratislava Fakten und führte 2009 den Euro ein.

Die slowakische Wirtschaft boomte damals, nur kurz unterbrochen von den Folgen der Weltfinanzkrise. Aber nicht nur ökonomisch ging es bergauf. 2013 war Kosice, tief im Osten des Landes, Kulturhauptstadt Europas. Und schon 2002 hatte die kleine Slowakei in ihrem Nationalsport Eishockey sensationell den Weltmeistertitel errungen, gegen das scheinbar übermächtige Russland – ein sporthistorischer Moment, wie es das Wunder von Bern für Nachkriegsdeutschland war.

Dann jedoch geschah der Mord an Jan Kuciak, und von einem Tag auf den anderen war die Aufbruchsstimmung wie weggeblasen. Geahnt hatten die Slowaken zwar schon in den Jahren zuvor, dass vielleicht doch nicht alles Gold ist, nur weil es glänzt. Aber im vergangenen Februar verwandelten sich die slowakischen Träume schlagartig in einen Albtraum. Zehntausende strömten auf die Straßen, um ihrer Angst und ihrer Wut Luft zu verschaffen.

Dahinter steckte eine bittere Erkenntnis: Die Menschen im Land glaubten plötzlich, letztlich doch in einem korrupten, von Mafiastrukturen durchzogenen Staat zu leben – in jenem Osteuropa also, von dem im Westen so gern Schreckensbilder gemalt werden. Sie ahnten, dass die Regierenden ihnen (und sie sich selbst) eine heile Welt vorgegaukelt hatten, die so nicht existierte. Vor diesem Hintergrund lautete die Botschaft der Festnahmen vom Donnerstag: Der slowakische Traum ist trotz allem noch nicht tot.

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