Putins Kater nach dem WM-Rausch

Wirtschaftskrise, Steuererhöhungen, Anhebung des Renteneintrittsalters: In Russland macht sich eine tiefe Unzufriedenheit breit, die erstmals auch den Präsidenten persönlich trifft. Wladimir Putins Umfragewerte sind so schlecht wie selten zuvor.

"Niemand hilft Russland, außer uns selbst": Dieses zwölf Jahre alte Plakat steht symptomatisch für die russische Weltsicht in der Putin-Ära.

„Niemand hilft Russland, außer uns selbst“: Dieses Plakat aus Wladimir Putins erster Amtszeit steht für die russische Weltsicht in seiner Ära.

Nicht nur die deutsche Fußball-Nationalmannschaft weiß ein Lied davon zu singen, wie tief man nach einem WM-Triumph stürzen kann. Italienern und Spaniern erging es zuvor nicht anders. Russland und sein Präsident Wladimir Putin sollten also gewarnt sein. Zwar hat die „Sbornaja“, die Auswahl des WM-Gastgebers von 2018, das Turnier sportlich nicht gewonnen. Doch als Putin am Tag nach dem Finale von Moskau in Helsinki seinem US-Kollegen Donald Trump einen WM-Ball schenkte, da überschlugen sich die Kommentatoren anschließend in ihren Siegeshymnen auf den Kremlchef.

Von einem „ungetrübten Triumph Putins“ schrieb etwa die „Washington Post“. Das Urteil bezog sich zwar zuallererst auf den Gipfel mit Trump, bei dem der russische Präsident „jenen Propaganda-Sieg erzielte, von dem wir alle annahmen, dass er kommen würde“. Doch diese Bewertung war von dem grandiosen Imagegewinn Russlands bei der vorangegangenen Fußballshow nicht zu trennen. Die Organisation hatte nahezu perfekt funktioniert. Faszinierende Bilder aus einem faszinierenden Land voller offenherziger Menschen hatten sich um den Globus verbreitet. Und sogar die fußballerisch minderbemittelte „Sbornaja“ hatte begeisternde Kämpfe geliefert und nur knapp das Halbfinale verpasst.

Anders formuliert: Russland erlebte während der WM einen Rausch, und am Tag danach, da stand die aufgeputschte Nation, die mit dem Zerfall des Sowjetimperiums einst „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ (Putin) erlebt hatte, in Person ihres Präsidenten endlich wieder als anerkannte Großmacht auf der Weltbühne und blickte dem US-Präsidenten mindestens auf Augenhöhe ins Gesicht. Vielleicht zeigte die russische Blickachse sogar schon ein wenig nach unten. Dann aber setzte unerwartet schmerzhaft der Kater ein.

Ende Juli, also nur zwei Wochen nach dem Gipfel von Helsinki, meldeten sogar kremltreue Demoskopen kritische Werte für die Regierung von Ministerpräsident Dmitri Medwedew sowie, und das ist neu, auch für Putin persönlich. Nur noch ein Drittel der Menschen in Russland gab noch an, dem Präsidenten uneingeschränkt zu vertrauen. Auf diesem Index hatte Putin sonst meist locker die 50-Prozent-Marke genommen. Und auch in der Sonntagsfrage nach einer (fiktiven) Wahlentscheidung kam der Kremlchef, den die Bürger erst im März mit mehr als 70 Prozent Zustimmung im Amt bestätigt hatten, nur noch auf 48 Prozent.

Bei der Suche nach Gründen für den Absturz wird man schnell fündig. Die Regierung hatte, pünktlich zum WM-Start und wohl in der Hoffnung, der Sport werde die Politik aus den Schlagzeilen heraushalten, eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von 18 auf 20 Prozent angekündigt. Zugleich soll das Renteneintrittsalter angehoben werden, zwar nur schrittweise bis 2034, aber umso deutlicher. Frauen, die bislang mit 55 Jahren aus dem Beruf ausscheiden können, sollen künftig bis zum 63. Lebensjahr arbeiten. Männer, deren Lebenserwartung derzeit bei 67,5 Jahren liegt, sollen bis 65 arbeiten (bislang 60). All das sei nötig, erklärte Medwedew, um die Staatseinnahmen zu stabilisieren.

Die Botschaft, die bei den betroffenen Bürgern trotz der Fußball-Party ankam, lautete dagegen: Dem Land und seiner Wirtschaft geht es schlecht, weil eine korrupte Regierung schlecht regiert, und wir sollen es ausbaden. Vereinzelt wurden sogar Stimmen laut, die auf die horrenden WM-Kosten von mehr als zehn Milliarden Euro verwiesen, von denen fast anderthalb Milliarden in dunklen Kanälen versickert seien. Das zumindest behaupten Anti-Korruptionsaktivisten, allen voran der schärfste Kremlkritiker Alexei Nawalny, der erst 2017 in einem YouTube-Video das angeblich zusammengegaunerte Immobilienimperium von Premier Medwedew vorgeführt hatte.

All das bildet den fruchtbaren Boden, auf dem nach dem WM-Rausch nun die Proteststimmung wächst. Ende Juli gingen in Moskau Tausende Menschen auf die Straße, um gegen das „Rentenverbrechen an der Nation“ zu demonstrieren. Wie es nach der Sommerpause weitergeht, ist völlig offen. Unklar ist vor allem, ob der Unmut Putin auf Dauer in Bedrängnis bringen kann.

Es gehörte stets zur Strategie des Kremlchefs, der seit bald 20 Jahren der mächtigste Mann im Land ist, sich in kritischen Zeiten als den „guten Zaren“ zu präsentieren, der nur an sein Volk denkt und nicht an sich selbst. Putin bemühte dabei gern einen Topos, der aus der russischen Geschichte bekannt ist: „Hätte der Zar von den Ungerechtigkeiten seiner Beamten gewusst, wäre er ihnen viel früher in den Arm gefallen.“ Wiederholt nahm der Präsident in der Vergangenheit unpopuläre Entscheidungen seiner Regierung zurück, und er zelebrierte dies mitunter sogar in seiner jährlichen TV-Bürgersprechstunde „Der direkte Draht“. Menschen können in der Sendung anrufen und dem „Zaren“ ihr Schicksal klagen.

In diesem Jahr jedoch könnte Putin genau dabei ein schwerwiegender Fehler unterlaufen sein. Im Juni, kurz vor WM-Beginn also, gab er nach dem bekannten Muster zu Protokoll, nichts Genaues über die Rentenpläne der Regierung zu wissen. Der kremlkritische Journalist Oleg Kaschin kommentierte, Putins Unwille, mit der Reform in Verbindung gebracht zu werden, könne ihm diesmal auf die Füße fallen: „Die Hauptnachricht ist nicht, dass das Rentenalter erhöht wird, sondern dass Putin nicht die Kraft gefunden hat, die Verantwortung zu übernehmen.“ Die jüngsten Umfragewerte weisen genau in diese Richtung. Nicht auszuschließen ist daher, dass Historiker eines Tages beschreiben werden, wie Putins Abstieg nach dem WM-Rausch ausgerechnet auf dem Siegesgipfel von Helsinki begann.

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