Profiteur Putin

Der Fall des angeblich ermordeten, später aber wiederauferstandenen russischen Journalisten Arkadi Babtschenko sorgt weltweit für Kopfschütteln und Empörung. Die ukrainischen Geheimdienstler, die alles inszeniert haben, und auch Prsäident Petro Poroschenko sind dagegen zufrieden. Sie irren sich in ihrer Einschätzung der Auswirkungen auf ganzer Linie: Kremlchef Wladimir Putin profitert.

Wie Wladimir Putin in seinem stillen Kreml-Kämmerlein auf die Nachricht vom inszenierten Journalistenmord in der Ukraine reagiert hat, ist nicht überliefert. Die Vermutung liegt allerdings nahe, dass der ehemalige Geheimdienstchef herzlich gelacht haben könnte. Denn während sich der ukrainische Präsident Petro Poroschenko noch über die „glänzende Spezialoperation“ im Fall des wundersam wiederauferstandenen Arkadi Babtschenko freute, war Putin wahrscheinlich längst klar, dass die Ukrainer in diesem grotesken Verwirrspiel als Verlierer vom Platz gehen würden. Der Kremlchef dagegen profitiert gleich in mehrfacher Hinsicht von der Entwicklung.

Da ist zunächst das Misstrauen, das der ukrainische Geheimdienst mit seiner unwürdigen Aktion vor allem in der EU gesät hat. Kiew hätte gar nicht anschaulicher demonstrieren können, dass man westliche Werte und demokratische Prinzipien schlicht nicht verstanden hat. Der Zweck heiligt, wenn es um Menschen und ihre Würde geht, eben nicht die Mittel. Die ukrainischen Behörden haben aber nicht nur die Bürger ihres Landes, sondern auch ausländische Beobachter und Politiker belogen. Hier noch einmal zur Veranschaulichung eine frühe ZDF-Meldung:

Vor allem aber haben die Geheimdienstler Babtschenkos Familie, seinen Freunden und Kollegen psychisches Leid zugefügt. Auf der Habenseite stehen dagegen nur einige Verhaftungen. Der Anschlagsplan hätte ohne Weiteres auch anders verhindert werden können, und ob die behauptete, aber völlig unbewiesene „größere Terrorgefahr“ real war, lässt sich mit Fug und Recht bezweifeln. Auch auf die Idee, dass es gegen jede journalistische Ethik verstößt, wenn Reporter mit einem Geheimdienst gemeinsame Sache machen, ist in der Ukraine niemand gekommen. Ob Babtschenko selbst eine Wahl hatte, muss dabei vorerst offen bleiben.

Die peinlich-spektakuläre Präsentation des wiederauferstandenen Babtschenko vor laufenden Kameras zeigte vielmehr, dass die Herrschenden in Kiew nicht anders denken und handeln als Putin selbst. Viel spricht dafür ist, dass der russische Geheimdienst vorgeführt werden sollte. Anders formuliert: Politisches Denken und Handeln in der Ukraine ist postsowjetisches Denken und Handeln.

"Grüne Männchen" auf der Krim: Auf der Schwarzmeer-Halbinsel bereiteten russische Soldaten ohne Abzeichen im März die Annexion vor. (Foto: Krökel)

„Grüne Männchen“ auf der Krim: Auf der Schwarzmeer-Halbinsel bereiteten russische Soldaten ohne Abzeichen im März die Annexion vor. (Foto: Krökel)

Die Ukrainer haben im Fall Babtschenko bewiesen, dass nicht nur Putin „grüne Männchen“ auf die Krim entsendet, die sich später als russische Soldaten entpuppen. Sie selbst agieren nicht anders! Und genau das macht die Ukraine, die angesichts von Korruption und Oligarchen-Wirtschaft ohnehin nicht den besten Ruf im Westen genießt, auf absehbare Zeit zu einem mindestens fragwürdigen Partner. Die Annäherung der Ukraine an die EU wird zwar kaum am Fall Babtschenko scheitern. Aber die fassungslosen Reaktionen in Berlin, Brüssel und Paris zeigen, dass man dort erkannt hat, wie die Herrschenden in Kiew ticken: postsowjetisch.

Nicht zuletzt dürfte Putin noch aus einem weiteren Grund frohlocken, der weit über den Fall Babtschenko hinausweist: Der Siegeszug all jener, die „Fake News“ für ein legitimes Mittel der Politik halten, scheint unaufhaltsam. Denn wenn Tote wiederauferstehen, dann ist alles möglich. Dann wird man künftig zwar behaupten und sogar Beweise vorlegen können, dass es eine russische Rakete war, die im Juli 2014 einen Passagierjet über der Ostukraine abgeschossen und fast 300 Menschen getötet hat. Aber die Zahl derer, die solchen Beweisen keinen Glauben mehr schenken, wird rasch weiter wachsen.

Fakten verlieren ihre Wirkung, Fake triumphiert: Das ist die Quintessenz des Falles Babtschenko. Und damit triumphiert auch Putin, der das Ziel verfolgt, die Fragezeichen, die Menschen überall auf der Welt hinter Nachrichten setzen, so weit wie möglich zu verstärken. Ganze „Trollfabriken“ arbeiten in Russland daran, den Wert von Informationen zu relativieren, von den Propagandaagenturen des Kremls ganz zu schweigen. Denn wenn nichts zu beweisen ist, ist endlich alles erlaubt – und dann gewinnt immer der, der die Macht hat.

 

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