„Eine glänzende Spezialoperation“

In der Ukraine hat der Geheimdienst den Mord an einem russischen Journalisten inszeniert. Präsident Poroschenko zeigt sich begeistert. Im Ausland herrschen dagegen Rat- und Fassungslosigkeit. Viele Fragen zu den Hintergründen im Fall Arkadi Babtschenko sind indes noch unbeantwortet.

Arkadi Babtschenko, so scheint es, ist mit sich im Reinen. Der „wiederauferstandene“ russische Journalist, der am Dienstag und Mittwoch in Kiew Hauptfigur einer bizarren Geheimdienst-Inszenierung war, entschuldigte sich zwar am Donnerstag (31. Mai) noch einmal bei allen Freunden, die an seinen vorgespielten Tod geglaubt hätten. All jene jedoch, die Bedenken äußerten, nannte der Kremlkritiker „Moralapostel“. Beim nächsten Mal werde er ihnen den Gefallen tun und sich erschießen lassen.

Babtschenkos neuerliche Wortmeldung war kaum dazu angetan, die vielen Skeptiker vor allem im westlichen Ausland von der Sinnhaftigkeit des Geschehens zu überzeugen. Der Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour brachte die allgemeine Rat- und Fassungslosigkeit in Berlin und Brüssel vielleicht am anschaulichsten auf den Punkt: „Mir fällt dazu einfach nichts mehr ein“, twitterte er. Ein Sprecher der Organisation Reporter ohne Grenzen in Paris zeigte sich dagegen zutiefst „empört über die Manipulation des ukrainischen Geheimdienstes“. Es sei „sehr gefährlich für Staaten, mit den Fakten zu spielen“. Auch der Deutsche Journalisten-Verband sprach von „gefährlichen und dreisten Lügen“.

Vergleicht man solche Äußerungen mit den Einlassungen ukrainischer Politiker, wird erst das volle Ausmaß des wechselseitigen Missverstehens deutlich. Präsident Petro Poroschenko etwa lobte den Geheimdienst seines Landes in höchsten Tönen. „Die Helden des SBU haben eine glänzende Spezialoperation durchgeführt“, erklärte er am Donnerstag. Es werde dem „russischen Aggressor nicht gelingen, die Ukraine zu destabilisieren“. Niemand der Verantwortlichen in Kiew schien am Tag danach begreifen zu können oder zu wollen, wie man auch nur auf die Idee verfallen konnte, dass der SBU mit dem vorgetäuschten Tod womöglich die Grenze des moralisch Vertretbaren überschritten haben könnte.

Tatsächlich war die Geheimdienstaktion selbst nur ein Teil der Inszenierung. Die Staatsspitze griff aktiv mit ein. Zur Erinnerung: Am Dienstagabend meldeten Nachrichtenagenturen, der Kremlkritiker Babtschenko sei in Kiew erschossen worden. Die Behörden veröffentlichten sogar Bilder von seinem Leichnam in einer ausgedehnten Blutlache, bei der es sich in Wirklichkeit um rote Farbe handelte. Am Mittwoch bestätigte dann Regierungschef Wolodymyr Groisman Babtschenkos Tod und machte Russland für die Tat verantwortlich. Wenig später jedoch tauchte der Totgeglaubte quicklebendig auf einer surreal anmutenden Pressekonferenz des Inlandsgeheimdienstes SBU auf.

Es sei gelungen, weitreichende russische Anschlagspläne zu enttarnen, teilte ein ein sichtlich zufriedener SBU-Chef Wasili Grizak mit. Präsident Poroschenko gab noch am Abend zu, in die Aktion eingeweiht gewesen zu sein. Kurz zuvor hatte er Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Staatsbesuch empfangen. Der Gast aus Deutschland tappte, wie so viele andere auch, in die Falle und äußerte sich „erschüttert“ über Babtschenkos Tod, der letztlich keiner war.

Vor diesem Hintergrund fiel es russischen Politikern leicht, die Vorgänge in Kiew als „Schmierenkomödie“ und Beleg für die Hemmungslosigkeit ukrainischer Politpropaganda anzuprangern. EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn verlegte sich unterdessen auf diplomatisches Understatement. Er wolle wissen, ob und warum „diese Inszenierung eines Todes“ nötig gewesen sei. Genau das war am Donnerstag in Kiew noch immer die zentrale inhaltliche Frage in dem bizarren Fall. Neue Antworten der ukrainischen Behörden gab es kaum.

Die Geschichte, die der Geheimdienst SBU nur mit wenigen Details anreicherte, liest sich in groben Zügen wie folgt: Der russische Geheimdienst zahlte 40.000 US-Dollar an einen ukrainischen Gewährsmann, damit dieser einen Auftragskiller anheuerte, der Babtschenko töten sollte. Die Operation lief angeblich bereits vor Monaten an – beobachtet vom SBU. Um die Hintermänner bei der Geldübergabe nach erfolgter Tat überführen zu können, inszenierte der Geheimdienst schließlich Babtschenkos Tod.

Der Journalist selbst deutete an, durch die Aktion sei weit Schlimmeres verhindert worden. Er sprach von einem „Terroranschlag“. Konkrete Angaben blieb er aber schuldig, ebenso wie die SBU-Ermittler. Niemand konnte erklären, warum man den Auftragskiller nicht einfach festnahm, als der Mittelsmann ihm eine Vorauszahlung übergab. Gab es wirklich keine andere Möglichkeit, die angeblichen russischen Drahtzieher im Vorfeld durch entsprechende Abhör- und Überwachungsmaßnahmen dingfest zu machen? Wozu die Inszenierung des Todes, in die nicht einmal Babtschenkos Frau und die Familie eingeweiht wurden?

Angesichts der Präsentation des „Auferstandenen“ bei einer Pressekonferenz durch den gutgelaunten, immer wieder schmunzelnden SBU-Chef Wasili Grizak am Mittwoch liegt eine ganz andere Vermutung nahe als die von den Ermittlern angedeutete. Die ukrainischen Sicherheitsbehörden könnten demnach genau diesen inszenierten „Coup“ gewollt haben, um dem russischen Geheimdienst vorführen zu können. Gelungen ist dies offenkundig nicht.

 

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