Die Todesstille von Tschernobyl

Menschengemachte Apokalypse: Vor 30 Jahren explodierte in der Ukraine erstmals ein Atomreaktor. Die Folgen sind bis heute unklar. 2017 soll zwar ein neuer Sarkophag die Ruine sichern, aber die Angst bliebt und wird vom Bürgerkrieg im Donbass weiter genährt.

Schanna Filonenko und ihr Sohn Pawel lebten 1986 im weißrussischen Narowlja, 60 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Ihre Geschichte geht so: "Erst viel später habe ich erfahren, dass über dem Ort ein Plutoniumregen niederging. Kein Wort haben sie uns gesagt. Am 1. Mai nahmen alle ihre Kinder mit zur Parade. Sie standen mitten im radioaktiven Staub. Ich kann es bis heute nicht mit ansehen, wenn Kinder im Sand spielen. Am 4. Mai floh meine Mutter mit meinen beiden Jungs nach Minsk, aber es war zu spät. Mein älterer Sohn Pawel war zu stark verstrahlt. Er ist seitdem geistig behindert.“ (Foto: Maximilian Rosenberger)

Schanna Filonenko lebte mit ihrem Sohn Pawel 1986 im weißrussischen Narowlja, 60 km von Tschernobyl entfernt: „Erst viel später habe ich erfahren, dass über dem Ort ein Plutoniumregen niederging. Kein Wort haben sie uns gesagt! Am 1. Mai nahmen wir unsere Kinder mit zur Parade. Sie standen mitten im radioaktiven Staub. Ich kann es bis heute nicht mit ansehen, wenn Kinder im Sand spielen. Am 4. Mai floh meine Mutter mit meinen beiden Jungs nach Minsk, aber es war zu spät. Pawel war zu stark verstrahlt. Er ist seitdem geistig behindert.“ (Foto: M. Rosenberger)

Nach 30 Jahren ist es noch immer die Stille, die das Grauen am eindringlichsten vermittelt, über die Zeit und den Raum hinweg. Es ist die Lautlosigkeit der Bilder aus Tschernobyl, die das Wesen der apokalyptischen Katastrophe jenes 26. April 1986 am besten einfängt. Es ist die Todesstille der Strahlen, die beim Zerfall von Plutonium-239, Strontium-90 und Cäsium-137 ausgesandt werden. Plutonium-239 hat eine Halbwertzeit von rund 24.000 Jahren.

Die Luftaufnahmen aus diesem Frühling 1986 in der Nordukraine zeigen immer wieder den aufgeplatzten Reaktorblock IV der „Atomstation Wladimir Iljitsch Lenin“, aus dem die geschmolzenen Stahlträger herausquellen wie das blutige Gedärm eines waidwund geschossenen Tieres. Meist fehlt der Ton. Was sollte der auch mitteilen? Das Dröhnen der Rotoren ist entbehrlich. Die Hubschrauber spielen eine Nebenrolle. Die Hauptrolle spielen die unsichtbaren, lautlosen Strahlen.

Die radioaktiven Strahlen verseuchen in jenen Frühlingstagen, in denen der Wind meist aus südlichen Richtungen weht, ein Viertel des Territoriums der Sowjetrepublik Weißrussland sowie den äußersten Norden der Ukraine. Drei Millionen Menschen sind direkt betroffen, darunter eine halbe Million Kinder. Über die Zahl der Opfer tobt bis heute ein ans Absurde grenzender Expertenstreit, in dem die einen kaum 50 Todesfälle infolge akuter Strahlenkrankheit zählen, während andere auf mehrere Zehntausend oder sogar Hunderttausende Krebstote bis 2060 hochrechnen.

Die ersten Betroffenen sind die sogenannten Liquidatoren, die in den Tagen, Wochen und Monaten nach der unkontrollierten Kernexplosion den schmelzenden Reaktorblock irgendwie zuzuschütten versuchen und später den berühmt-berüchtigten Sarkophag bauen, jene brüchige Betonhülle, die den zerstörten Meiler bis heute abschirmt. Die tonlosen Bilder zeigen so etwas wie Echsenmenschen, meist zwangsverpflichtete und belogene Soldaten, die mit Gummimasken, Bleileibchen und Armeestiefeln bekleidet auf das halb aufgestülpte Dach der „Atomstation“ stürmen und Plutoniumdreck wegschaufeln wie Schnee im nordukrainischen Winter.

Andrei Misko (Foto: Krökel)

Andrei Misko (Foto: Krökel)

Mindestens 600.000 Liquidatoren kommen zum Einsatz und werden mal stärker, mal schwächer verstrahlt. Zu den rund 1000 Männern der ersten Stunden und Tage zählt der Pilot Andrij Misko, der Jahrzehnte später im persönlichen Gespräch berichtet: „Ich flog damals einen MI-6-Hubschrauber. Wir warfen direkt über dem offenen Reaktorkern ein Gemisch aus Sand, Dolomit und Blei ab, um die radioaktive Verseuchung einzudämmen. Sie haben uns im Cockpit ein Bleikissen unter den Hintern geschoben – das war alles. Von den Soldaten, die dort im Einsatz waren, lebt noch ein Viertel. Es war ein Todeskommando.“

Die Sowjetführung richtet im Mai 1986 im Umkreis von 30 Kilometern um den brennenden Reaktor einen Sperrbezirk ein. Die Einheimischen sprechen bis heute nur von der Todeszone, wobei das Wort „Einheimische“ trügt, denn mehr als eine halbe Million Menschen müssen ihre Häuser und Wohnungen für immer verlassen, während sich die Zone zu einem eigentümlichen Ort der Stille entwickelt, einer Grabes- und Todesstille, aber auch einer Stille des Gedenkens, wenn man so will.

Es sind wenige Menschen, die wissen, wie sich das Innerste der Zone in den drei Jahrzehnten nach 1986 verändert hat, aber es gibt sie, obwohl sie sich nicht oder nur extrem selten äußern. Ukrainer und Weißrussen benutzen für diese Personengruppe gern den englischen Begriff „stalker“, in seiner ursprünglichen Bedeutung als „Pirschjäger“. Meist handelt es sich um Mörder und andere Schwerkriminelle, die in der Todeszone Unterschlupf fanden. Sie profitierten davon, dass die Verseuchung mit Plutonium und Cäsium nicht flächendeckend ist, sondern sich in bestimmten Arealen konzentriert.

Diese Tatsache macht es auch möglich, dass Reiseführer seit einigen Jahren Touristen im Bus durch die Todeszone fahren, immer mit dem Geigerzähler in der Hand. Aber sie sind nicht die Einzigen, die zum Reaktor vordringen. Auch Ingenieure und Arbeiter sind vor Ort, um einen neuen Sarkophag zu errichten, eine gigantische Stahlbetonhülle auf Schienen, die möglichst im kommenden Jahr über den längst einsturzgefährdeten Betonsarg der ersten Stunde geschoben werden und ihn für mindestens 100 Jahre sichern soll.

Ob die Mission mit dem spröden Namen „Chernobyl Shelter Implementation Plan“ 2017 tatsächlich erfüllt werden kann, hängt allerdings von zahlreichen Unbekannten ab. Die Arbeit ist technisch extrem anspruchsvoll. Noch immer lagern rund 200.000 Tonnen radioaktiven Staubs und geschmolzener Brennelemente in der Reaktorruine, die geborgen werden sollen. Außerdem haben sich im Sarkophag große Mengen verseuchter Flüssigkeit angesammelt, die ebenfalls entsorgt werden sollen, bevor die neue Hülle zum Einsatz kommt. Derlei Schwierigkeiten haben die Kosten für die „Implementierung“ wiederholt in die Höhe getrieben, auf derzeit rund 2,1 Milliarden Euro.

Noch etwas kommt hinzu: Der unerklärte Krieg im Osten der Ukraine bedroht die Arbeiten am Sarkophag zwar bislang nicht direkt. Doch der Konflikt mit dem großen Nachbarn Russland und die internen Streitigkeiten, die das Land seit der Maidan-Revolution 2013/14 von einer Krise in die nächste stürzen, haben indirekt sehr wohl Einfluss auf die Sicherungsarbeiten. „Die Ukraine kann das allein nicht schaffen. Wir brauchen weitere Hilfe“, erklärte der frisch vereidigte Umweltminister Ostap Seremak kürzlich bei einer Art „Antrittsbesuch“ in Tschernobyl.

Doch das Geld ist das eine, die Sicherheit ist ein ganz anderes Problem. Der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU warnte bereits vor zwei Jahren, noch vor der russischen Annexion der Krim, vor „der Sprengung von Atomenergieobjekten durch Terroristen“ und stellte die Nuklearanlagen unter „gesonderten Schutz“, darunter auch den Sarkophag in Tschernobyl.

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