Eine polnische Tragödie

Das größte und wichtigste EU-Land im Osten des Kontinents erlebt eine rechtskonservative Umgestaltung, deren revolutionäre Wucht fast niemand in Polen und Europa erwartet hätte. Eine Spurensuche führte mich Anfang Februar in die Kulturhauptstadt Breslau und nach Warschau.

Der Tod und das Mädchen: Aufführung am Polnischen Theater in Breslau. (Foto: Polski Teatr)

Der Tod und das Mädchen: Aufführung am Polnischen Theater in Breslau. (Foto: Polski Teatr)

Der rote Rosenregen hängt noch als Wolke im Theaterhimmel, massetypisch träge, aber einsatzbereit. Wenn alles gut geht, wird sich das fest verschnürte Blütenbündel im Laufe des Abends lösen. Eine Wand aus Kunststoffblumen wird niedergehen und das Spiel auf der Bühne bebildern. Wenn. Wenn nichts Außergewöhnliches passiert an diesem nasskalten Februartag im polnischen Breslau, der Kulturhauptstadt Europas 2016. Wenn sich nicht unvermittelt statt der Wolke eine politische Falltür öffnet, von der die Akteure nichts ahnen und auch die Regisseurin nicht.

„Der Boden unter uns ist unsicher geworden, das Grundvertrauen ist weg“, sagt Weronika Czyżewska, die Kommunikationschefin des Teatr Polski. Czyżewska gewährt einen kurzen Blick hinter die Kulissen des Polnischen Theaters. Hammerschläge hallen in den Zuschauerraum hinaus. Die Techniker arbeiten hörbar unter Zeitdruck. In wenigen Stunden soll eine Aufführung von Elfriede Jelineks „Der Tod und das Mädchen“ beginnen, die 13. seit der Premiere im November, aber die Unglückszahl ist nicht das Problem.

"Sturm" auf das Teatr Polski bei der Jelinek-Premiere im November. (Foto: TP)

„Sturm“ auf das Teatr Polski bei der Jelinek-Premiere im November. (Foto: TP)

Das Problem ist die Erinnerung an die Premiere, bei der zwar auf der Bühne alles reibungslos lief. Das Publikum feierte das Theaterteam sogar mit Ovationen. Vor Beginn der Vorstellung jedoch herrschte rund um das moderne Haus mit seinem zweifelhaften Nachkriegscharme eine Art Ausnahmezustand. „Sie haben uns wie eine Horde hungriger Tiere belagert und mit ihren Körpern fast die Scheiben eingedrückt“, erinnert sich Czyżewska. Die junge Frau wirkt noch zehn Wochen später erleichtert, dass schließlich „die Polizei beherzt eingeschritten ist“.

Die Horde, das waren gut hundert Demonstranten, darunter Schlägertrupps des Nationalradikalen Lagers, einer neofaschistischen Organisation, die sich als Speerspitze von Polens rechtsextremer Szene gebärdet. Friedlicher, aber ausdauernder protestierten fundamentalistische Katholiken, die sich unter dem Banner eines obskuren Rosenkranz-Kreuzzugs versammelt hatten. Den längsten Atem jedoch hat vermutlich der erzkonservative Kulturminister Piotr Gliński. Der Vizepremier, der damals noch keine volle Woche im Amt war, hatte in letzter Minute vergeblich versucht, das Jelinek-Stück verbieten zu lassen. Nun steht das Teatr Polski auf seiner Streichliste, argwöhnt Czyżewska.

Die rechten Randalierer, die Katholiken, der Minister: Sie alle empörten sich über eine Inszenierung, in der ein kopulierendes Paar zu sehen ist, ein offener Geschlechtsakt, präsentiert von professionellen Pornodarstellern. Der Tenor der Premierenkritik war eindeutig: „Ein Skandal, der keiner ist!“ Doch Feuilletonisten treffen keine Kabinettsentscheidungen, und so schwebt seit November außer den Rosenrequisiten auch ein politisches Damoklesschwert über den Breslauer Theaterleuten, deren Haus vom Staat mitfinanziert wird.

Weronika Czyzewska (Foto: Malecki)

Weronika Czyzewska (Foto: Malecki)

„Wir leben doch im 21. Jahrhundert, oder?“, fragt Czyżewska. Will sagen: Warum sollte eine Sexszene auf einer Bühne im Herzen des Kontinents der Aufklärung heutzutage einen Eklat auslösen und möglicherweise Mittelkürzungen nach sich ziehen? Aber diese Fragen lassen sich keineswegs nur rhetorisch stellen. Im Gegenteil, die polnische Gretchenfrage dieses Winters ist mit heiligem Ernst und tiefer Sorge durchsetzt, ganz wie in Goethes Faust-Tragödie. Sie lautet: Wie hältst Du’s mit der Moderne?

Polen sei „auf dem Sprung“, ist in den Debatten des Landes oft zu hören. Und tatsächlich: Dank eines starken Dauerwachstums schwang sich Polen nach dem EU-Beitritt 2004 zu Europas Wirtschaftswunderland Nummer eins auf. Die Arbeitslosigkeit sank erdrutschartig von 19 auf acht Prozent. Das Autobahnnetz dagegen wuchs von 765 auf fast 3000 Kilometer, nicht zuletzt dank üppiger EU-Hilfen von fast 100 Milliarden Euro.

Polen erlebe ein „goldenes Zeitalter“, triumphierte der bürgerlich-liberale Ministerpräsident Donald Tusk, kurz bevor er sich 2014 als EU-Ratspräsident nach Brüssel verabschiedete. Aber wie zukunftszugewandt ist dieses vermeintliche Musterland Polen wirklich, in dem mehr als 90 Prozent der Bevölkerung katholisch sind und vier von zehn Menschen auf dem Dorf leben, fast doppelt so viele wie in Deutschland?

Diese Frage zielt auf den Kern einer politischen und gesellschaftlichen Entwicklung, die den größten EU-Staat im Osten Europas im vergangenen Jahr mit der Wucht einer Revolution erfasst hat – einer restaurativen Revolution. Nicht zufällig hat sich Kulturminister Gliński zuallererst die „Bewahrung des nationalen Erbes“ auf die Fahnen geschrieben.

Begonnen hatte alles mit der Präsidentenwahl im Mai 2015. Sensationell setzte sich Andrzej Duda durch, ein junger, weithin unbekannter Politiker der erzkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Unter ihrem populistischen Vorsitzenden Jarosław Kaczyński hatte die PiS seit zehn Jahren keine überregionale Wahl mehr gegen Tusks Bürgerplattform gewonnen, die PO. Doch diesmal trat PO-Amtsinhaber Bronisław Komorowski derart selbstverliebt auf, dass ihn sein Hochmut zu Fall brachte.

Schon seit Längerem umwehte die Tusk-Tuppe eine Aura der Arroganz. 2014 veröffentlichte das Magazin „Wprost“ illegale Mitschnitte von Gesprächen, die Regierungspolitiker bei edlem Essen und erlesenem Wein in Warschauer Nobelrestaurants geführt hatten. Unter anderem war dort zu hören, wie sich Außenminister Radosław Sikorski über die „negerhafte Sklavenmentalität“ der Polen im Verhältnis zu den USA ausließ.

Dudas Sieg ebnete der PiS und ihrer Spitzenkandidatin Beata Szydło, einer engen Kaczyński-Vertrauten, den Weg zum Triumph bei der Parlamentswahl im Oktober. Ein politisches Erdbeben erschütterte Polen. Erstmals seit 1989 erreichte eine Partei absolute Mandatsmehrheiten in Sejm und Senat. Erstmals ist auch kein linker Abgeordneter mehr im Parlament vertreten. Und kaum war die Regierung Szydło Mitte November vereidigt, da gab Kaczyński den Startschuss zu einer „umfassenden Reparatur des Staates“.

In Nacht- und Nebelaktionen verabschiedete die PiS zahlreiche Eilgesetze. Sie unterstellte die staatlichen Medien der Regierung, entmachtete das Verfassungsgericht und begann mit personellen Säuberungen im Justiz- und Sicherheitsapparat. All das ging so weit und so schnell, dass die EU-Kommission nur acht Wochen nach Szydłos Amtsantritt einen Rechtsstaatsdialog eröffnete und die Regierung in Warschau quasi unter Aufsicht stellte. Martin Schulz, der Präsident des EU-Parlaments, warnte vor einer „Putinisierung Polens“.

Aleksander Paron (Foto: Piotr Malecki)

Aleksander Paron (Foto: Piotr Malecki)

In der Kulturhauptstadt Breslau, polnisch Wrocław, ist davon wenig zu spüren, trotz des Streits um die Jelinek-Inszenierung. „Es ist auch Unsinn“, sagt der Breslauer Historiker und Deutschlandkenner Alexander Paroń und erklärt: „Ich sehe in Polen keine Diktatur im Anmarsch, die von bewaffneten Kräften auf der Straße exekutiert wird.“ Richtig ist: Die Polizei hat im November die Schauspieler und Zuschauer des Teatr Polski geschützt. In Russland gab es in ähnlichen Fällen Schauprozesse gegen unliebsame Künstler.

„Kaczyński ist kein leichter Typ, aber er ist kein Putin“, betont Paroń. Der 42-Jährige hat sich nach einigem Zögern bereiterklärt, sein politisches Inneres nach außen zu kehren und auf diese Weise „zu einem besseren Polen-Verständnis in Deutschland beizutragen“. Der besonnene Gelehrte, der kurz vor der Habilitation steht, scheint dafür geradezu idealtypisch geeignet zu sein, denn als Wähler ist Paroń einen weiten Weg gegangen. Er führte ihn von der liberalen, proeuropäischen Freiheitsunion (UW) der späten 90er Jahre über Tusks PO zur PiS, der er 2015 zweimal seine Stimme gegeben hat. Wie hält er‘s mit der Moderne?

„Ich habe eine Frau und zwei Töchter, auf die ich schrecklich stolz bin. Ich bin gläubiger Katholik und scheue mich nicht, das Wort Patriot in den Mund zu nehmen“, stellt sich Paroń vor. Er trägt Jeans und Pullover, einen Vollbart und eine schlichte Brille – ein bescheidener Mann, unprätentiös, aber selbstbewusst: „Ich liebe meine Arbeit und habe einen sicheren Job, aber ich weiß auch, dass ich damit in Polen privilegiert bin. Ich sehe, wie es den meisten Menschen geht, insbesondere den Jungen, die sich nach der Ausbildung mit Müllverträgen ohne soziale Absicherung über Wasser halten.“

Dies ist der Moment, in dem Paroń in einer seltenen Geste die rechte Faust ballt und lauter wird: „Tusk und seine Leute haben uns den lieben langen Tag erzählt, dass wir in paradiesischen Zeiten leben. In Wirklichkeit haben zwei Millionen junge Polen nach dem EU-Beitritt ihre Heimat verlassen und ihr Glück in Großbritannien oder Deutschland gesucht. Nur deshalb ist die Arbeitslosigkeit bei uns gesunken. Die PO hat versucht, uns für dumm zu verkaufen. Diese Damen und Herren haben ihr Examen nicht bestanden“, urteilt Paroń.

Wer dem nicht mehr jugendlichen, aber unverbraucht wirkenden Familienvater zuhört, der glaubt die Kraft zu spüren, die ihm innewohnt, genau wie dem aufstrebenden Polen, das 1989 nach zwei Jahrhunderten der Unterdrückung, der Kriege und Revolten endlich Unabhängigkeit, Sicherheit und Wohlstand erlangte. Dennoch ist dieses siegreiche Polen ein Land, in dem sich die Menschen um den Lohn ihrer Kämpfe gebracht fühlen. Die verdienten Transformationsgewinner von 1989 fühlen sich als Verlierer. Das ist im klassischen Sinne ein tragisches Szenario: erschütternd, mitleiderregend und furchteinflößend zugleich.

In Polen herrscht ein verbreitetes Gefühl, dem Glück ewig hinterherrennen zu müssen, ohne je ankommen zu können. Und dieses Gefühl hat seine Berechtigung: Polen ist, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, noch immer der viertärmste Staat in der EU, hinter Neumitglied Kroatien, knapp vor Ungarn. Es folgen Rumänien und Bulgarien. Die Menschen haben nur sehr bedingt vom Daueraufschwung profitiert. Paroń sagt: „Die politischen Illusionen, die ich mir gemacht habe, sind wie ein Kartenhaus in sich zusammengestürzt.“ Nun hofft er auf die PiS und vertraut der Devise der neuen Herrscher: „Polen darf nicht länger die Werkbank des kapitalistischen Westens sein.“

Jadwiga Staniszkis (Foto: Piotr Malecki)

Jadwiga Staniszkis (Foto: Piotr Malecki)

Auch Jadwiga Staniszkis hat sich Illusionen hingegeben. Allerdings nähert sich die 73-jährige Soziologin der politischen Lage aus der entgegengesetzten Richtung. Sie galt einst als PiS-Vordenkerin. Heute sagt die emeritierte Professorin: „Ich dachte, wir wären schon weiter vorangekommen auf unserem Weg in die Moderne.“ Aus logistischen Gründen schlägt sie ein Treffen auf dem Warschauer Plac Konstytucji vor, dem Verfassungsplatz mit seiner monumentalen stalinistischen Prunkarchitektur.

Der Genius loci scheint die alte Dame mit dem spürbar jungen Geist weiter zu beflügeln: „Die Art und Weise, wie die PiS regiert, lässt sich nur als Bolschewismus von rechts beschreiben. Was wir derzeit erleben, das ist der traditionell autoritäre, rückwärtsgewandte Regierungsstil des Ostens. In diesem Sinn trifft das Schulz-Diktum von der Putinisierung den Kern dessen, was in Polen passiert. Es ist schlicht infantil! Es ist ein kindischer Versuch, Herrschaft über andere auszuüben, bis sie auf den Knien rutschen. Ich hätte das, ehrlich gesagt, nicht für möglich gehalten.“

Jadwiga Staniszkis hat lange mit der PiS sympathisiert. Die Professorin hat der Partei ihre Ideen geliehen. Sie kennt auch Jarosław Kaczyński persönlich sehr gut, seit Jahrzehnten. Die beiden duzen sich. In der Figur des PiS-Chefs sieht Staniszkis eine spezifisch polnische Tragik verkörpert, wie sie in diesen Wochen das ganze Land zu durchziehen scheint. „Kaczyński hat bei der Flugzeugtragödie von Smolensk 2010 seinen Bruder Lech verloren, seinen Zwillingsbruder, das ist noch einmal etwas Besonderes. Er hat ohne Zweifel emotionale Defekte, aber er denkt sehr klar. Er ist ein äußerst intelligenter Mensch, und gerade das macht es so unbegreiflich, warum er diesem reaktionären Herrschaftsstil huldigt.“

Die PiS, betont Staniszkis, habe ein „sehr ehrgeiziges, modernes Programm“. Die Partei wolle Polen unabhängiger machen vom ökonomischen Diktat des Westens, von der Herrschaft des Kapitals. Wie Alexander Paroń verweist auch Staniszkis auf die ungestillte Sehnsucht vieler Polen nach einer solidarischen Gesellschaft. „Aber das braucht in einer Demokratie Zeit“, sagt die alte Dame kopfschüttelnd, als müsste sie einem Kind gut zureden. Die PiS mit dem 66-jährigen Kaczyński an der Spitze versuche, mit all ihrer vom Volk geliehenen Macht die Quadratur des Kreises zu erzwingen. Das sei wahrhaft tragisch.

Es ist eine polnische Tragödie.

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