Kaczynski und die Kirche: Zweckehe oder Liebesheirat?

In Polen versammeln sich die katholisch-konservativen Kräfte hinter der neuen Rechtsregierung. Doch das Bündnis ist brüchig. Weder versteht sich die PiS-Partei als verlängerter Arm des Episkopats, noch will sich die Kirche politisch instrumentalisieren lassen.

Abgefackelt: Der Regenbogen auf dem Plac Zbawiciela nach einer Brandattacke 2013.

Von selbsternannten Verteidigern der Kirche bgefackelt: Der Regenbogen auf dem Plac Zbawiciela nach einer Brandattacke 2013.

Polen befindet sich seit Wochen in einem gesellschaftlichen Ausnahmezustand. Die radikale Reformpolitik der PiS-Regierung, die das Verfassungsgericht entmachtet und die staatlichen Medien auf Parteilinie gebracht hat, treibt Kritiker und Befürworter auf die Straße. Die Debatte macht auch vor der mächtigen katholischen Kirche nicht halt – erst recht nicht, seit die EU eine rechtsstaatliche Prüfung der polnischen Regierungspolitik auf den Weg gebracht hat.

„Aus dem Mund einiger westeuropäischer Politiker sind Vorwürfe an die Adresse unseres Landes zu hören“, stellte der Vizevorsitzende des Episkopats, Erzbischof Marek Jędraszewski, kürzlich in seiner Neujahrsansprache fest, um sich kurz darauf zu empören: „Diese Politiker wollen, dass Europa seine christlichen Wurzeln verleugnet. Ihre Worte zeugen von einem Mangel an Respekt für den Willen der polnischen Bevölkerung, die eine neue Führung gewählt hat und sich dabei von christlichen Werten leiten ließ.“

Wer solche Reden hört, dem drängt sich der Eindruck auf, dass kein Blatt zwischen die katholische Kirche und die erzkonservative PiS und ihren mächtigen Vorsitzenden Jarosław Kaczyński passt. Das kann kaum ohne Folgen bleiben, denn rund 90 Prozent der Polen bekennen sich zum katholischen Glauben. Vor diesem Hintergrund erklärt der Warschauer Politologe Rafał Chwedoruk: „Wer in Polen Macht ausüben will, der darf keine Politik gegen den Klerus machen.“

Chwedoruks Universitätskollege Paweł Borecki, ein Experte für Religionsrecht, geht noch weiter: „Die Kirche will jetzt die Früchte ihrer Partnerschaft mit der PiS ernten“, vermutet er. Wörtlich spricht Borecki sogar von einer „Mariage“, also einer Eheschließung zwischen Partei und Kirche. Umso schmerzhafter könnte früher oder später die Scheidung werden, denn die polnische Wirklichkeit ist weit komplizierter, als es Bischöfe und PiS-Granden derzeit erkennen lassen.

Jüngstes Beispiel ist die Flüchtlingspolitik. Die Kaczyński-Partei positionierte sich im Wahlkampf des vergangenen Herbstes vehement gegen die Aufnahme von Asylsuchenden. Kaczyński warnte vor „Cholera, Ruhr und allen Arten von Parasiten“, die Ausländer nach Europa einschleppen könnten. Die katholischen Bischöfe dagegen folgten Papst Franziskus und mahnten zu mehr Barmherzigkeit. „Wir müssen Flüchtlinge bedingungslos aufnehmen“, erklärte der Vorsitzende des Episkopats, der Posener Erzbischof Stanisław Gądecki und ließ landesweit Messen für Schutzsuchende abhalten.

Gegendemonstrant am Rande eines Neonazi-Aurmarsches in Warschau 2010. (Foto: Krökel)

Gegendemonstrant am Rande eines Neonazi-Aurmarsches in Warschau 2010. (Fotos: Krökel)

Nicht vergessen sein dürften auf beiden Seiten auch manche Kontroversen der Vergangenheit. In der ersten Regierungszeit der PiS zwischen 2005 und 2007 hatte Kaczyński eine gesamtgesellschaftliche Durchleuchtung lanciert, die sogenannte Lustration. Erklärtes Ziel war es, alte kommunistische Seilschaften aufzuspüren und ihre Netzwerke zu zerstören. Dabei machten Kaczynskis Spürhunde auch vor der Kirche nicht halt. Laien, Priester und selbst Bischöfe sollten sich verantworten – eine „Hexenjagd“, wie Kritiker sich empörten. Die Aktion fand bald darauf ein jähes Ende, als die Regierungskoalition zerbrach und Kaczyński die Neuwahl krachend verlor.

Im Jahr 2010 war es dann die offizielle Kirche, die der PiS und insbesondere Kaczyński persönlich die kalte Schulter zeigte. Nach der Flugzeugkatastrophe von Smolensk, bei der Kaczyńskis Zwillingsbruder Lech ums Leben kam, hatten Anhänger des tödlich verunglückten Präsidenten ein Holzkreuz vor dessen Amtssitz aufgestellt, das der neue Staatschef Bronisław Komorowski entfernen lassen wollte. Alle Versuche aus Reihen der Kaczyński-Partei, die Kirche zum Kampf für das Kreuz zu mobilisieren, scheiterten. Im Episkopat wollte sich niemand für den politischen Kampf der PiS instrumentalisieren lassen.

Angesichts dieser Historie wird es spannend sein zu beobachten, wie lange der aktuelle „Honeymoon“ zwischen der neuen Regierung und der katholischen Kirche dauert. Als eine mögliche Sollbruchstelle in der Ehe haben Beobachter bereits die geplante Bildungsreform der PiS ausgemacht, der zumindest ein Teil der rund 600 katholischen Schulen im Land zum Opfer fallen könnte. Der ehemalige Außenminister Grzegorz Schetyna, der die abgewählte rechtsliberale Bürgerplattform (PO) als künftiger Vorsitzender gern zu neuer Stärke führen würde, hat kürzlich, im Stile eines verstoßenen Liebhabers, die „Rückeroberung der Kirche“ zum strategischen Ziel seiner Partei erklärt.

Der Publizist und Kirchenkenner Adam Szostkiewicz hält das allerdings für Wunschdenken. In Polens katholischer Kirche gebe derzeit die „Toruńer Richtung“ den Ton an. Torun (Thorn) ist die Heimat des berühmt-berüchtigten Senders „Radio Maryja“. Er gehört wie das befreundete „TV Trwam“ und die Zeitung „Nasz Dziennik“ zum Medienimperium des Redemptoristenpredigers Tadeusz Rydzyk, der seit fast 25 Jahren als Sprachrohr von katholischen Fundamentalisten in Polen gilt. Kaczynski ließ es sich nach dem Wahltriumph der PiS im Herbst nicht nehmen, Rydzyk bei einem Redaktionsbesuch zu danken: „Ohne Radio Maryja hätte es diesen Sieg nicht gegeben.“

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