Ein polnisches Panorama

Seit vier Jahren fallen meine Blicke aus meinem Warschauer Bürofenster auf ein Stück polnische Wirklichkeit. Unten führt eine ruhige Wohnstraße vorbei. Auf der gegenüberliegenden Seite breitet sich ein Parkplatz aus, eingefasst von Linden, Ebereschen und einem Maschendrahtzaun. Jenseits des Parkplatzes lugen zwischen den Bäumen Grabsteine hervor, viele davon in Kreuzform. In der dunklen Jahreszeit, wenn sich das Laub löst und den Blick freigibt, schicken von dem Totenfeld oft Hunderte Kerzen ihr mildes Licht herüber.

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Allerheiligen in Warschau. Fotos (3): Krökel

Hinter dem Friedhof, fast schon am Horizont, ist der Backsteingiebel der Gemeindekirche zu erkennen, deren Geläut mit dem dröhnenden Hintergrundlärm der nahen Ausfallstraße zu kämpfen hat. Linkerhand ist ein einzelnes Häuschen mit Flachdach zu sehen. Ein pink-violettes Schild markiert das „Studio Fryzur“, das alle Arten von „Kosmetyka“ offeriert.

Auch auf dem Parkplatz steht ein Häuschen. Eher ist es eine Bude. Daneben leuchtet ein himmelblaues Dixi-Klo. Dies ist das Reich der Parkplatzwächter, deren einzige echte Aufgabe es ist, eine Holzschranke zu bedienen. Es sind alte Männer, die Tag und Nacht Dienst tun, um ihre Rente aufzubessern. Sie hüten die Wagen von Warschaus aufstrebender Mittelschicht.

Als ich vor vier Jahren als Korrespondent mein Büro bezog, führte mich einer meiner ersten Wege zu dem Wachmann. Ich wollte wissen, was es kosten würde, mein Auto beschützen zu lassen. Ich kann mich an die Summe nicht erinnern, aber sie war nicht hoch. Ich überlegte.

Man hörte damals ja so manches über polnische Autodiebe, und sei es in Form von Witzen (die stets auch ein wenig ernst gemeint sind). Ich überlegte lange – und entschied mich gegen die Überwachung. Meinem Auto ist in vier Jahren kein Außenspiegel gekrümmt worden. Nur einmal, im Winter, malte ein unbekannter Täter ein Hakenkreuz in den Schnee auf der Kühlerhaube über dem deutschen Nummernschild. So ist das mit den Klischees, auf beiden Seiten.

Frühjahrsputz vor meinem Bürofenster.

Frühjahrsputz vor meinem Bürofenster.

Der Blick aus meinem Bürofenster, dieses polnische Panorama, hat mir vier Jahre lang etwas über mein Gastland erzählt. Ich brauchte nur hinauszuschauen und konnte sehen. Ich sah zum Beispiel, wie liebevoll polnische Familien mit ihren Toten umgehen. Zu Allerheiligen strömten die Menschen an jedem 1. November zu Tausenden auf meinen kleinen Friedhof.

Rund 95 Prozent der Polen sind katholisch. Nur ein Drittel von ihnen, so haben Demoskopen herausgefunden, sind Überzeugungstäter. Der Rest läuft mit, sonntags und vor allem an hohen Feiertagen wie Allerheiligen. Und doch: Wer einmal gesehen hat, mit welcher Hingabe die Polen ihre Gräber pflegen, der wird schnell erkennen, dass die lange Glaubenstradition eben doch tiefere Spuren in der Wirklichkeit hinterlassen hat.

Als Kind habe ich manchmal von einer Arbeit geträumt, wie sie Parkplatzwächter leisten. Nichts tun zu müssen, außer im Warmen zu sitzen, in einer gemütlichen Hütte, zu lesen oder Musik zu hören oder in den Schnee oder den Gewitterregen zu schauen – all das verströmte in meiner Fantasie eine paradiesische Ruhe und Behaglichkeit.

Zu Studienzeiten hatte ich später einen Job als Pförtner in einer Kurklinik, mit Blick aufs Meer. Auch so ein Paradies, dachte ich. Doch das Leben lehrte mich: Ein Nachtdienst als Pförtner kann die Hölle sein. Langeweile und Schlaflosigkeit statt Ruhe und Gemütlichkeit.

Ein durchschnittlicher Rentner in Polen bekam im Jahr 2013 monatlich umgerechnet 450 Euro brutto. Davon lässt sich in Warschau nicht leben. Kein Wunder also, dass Männer jenseits der 70 auf einem Parkplatz Dienst tun und nachts in die Kälte wanken, um sich auf einem Dixi-Klo Erleichterung zu verschaffen.

Nicht viel angenehmer ist der Arbeitsalltag der jungen Frauen, die täglich zehn Stunden im „Studio Fryzura“ schuften. Ja, schuften, denn Haareschneiden ist harte Arbeit, wie ich aus sicherer Quelle weiß, auch ohne zu Studienzeiten als Friseur gejobbt zu haben.

Wer sein Geld mit dem Aussehen anderer Leute verdient, kann im modebewussten Warschau durchaus reich werden – wenn er in der glitzernden City mit ihren Nobelhotels, Luxusapartments und internationalen Unternehmenszentralen zum Star der Schönheitsbranche aufsteigt. Normalerweise haben Friseurinnen aber weniger Zloty zur Verfügung als Rentner.

Wer jung ist, bekommt in der freien Wirtschaft in der Regel erst einmal einen Müllvertrag. Das ist der gängige Ausdruck in Polen für gängige Arbeitsverhältnisse. Soziale Sicherheiten wie einen Kündigungsschutz gibt es bei diesen Zeitverträgen nicht. Die Zuschüsse zu Kranken-, Renten- und  Arbeitslosenversicherung sind minimal.

Kleine Verhältnisse, große Freude in Polen: Dominik und seine Mutter Elzbieta. (Foto: Gdesz)

Kleine Verhältnisse, große Freude: Dominik und seine Mutter Elzbieta. (Foto: Gdesz)

Dennoch lachen die Damen im „Studio Fryzur“ viel. Sie sind fröhlich, nicht freundlich. Wenn ich morgens aus meinem Fenster auf den Parkplatz schaue, dann sehe ich die Wächter oft im heiteren Gespräch mit den Nachbarn, die auf dem Weg zu ihren Autos sind. Wie kann das sein, bei all der Anstrengung und dem geringen Lohn?

Die Polen gehören zu den fleißigsten und zufriedensten Völkern Europas, haben Forscher herausgefunden. Ein Zusammenhang liegt nah. Hinzu kommt: Glück wird immer im Vergleich zum Vorher gemessen. Und zur polnischen Wahrheit gehört eben auch, dass die Renten in den vergangenen 15 Jahren um fast 50 Prozent gestiegen sind.

Jeden Tag kann ich aus meinem Fenster das polnische Wirtschaftswunder beobachten. Das konjunkturelle Dauerhoch seit der Jahrtausendwende mit Zuwachsraten bis zu sieben Prozent ist an den Autos zu erkennen. Die Zahl der Kleinwagen hat rapide abgenommen. Die Menschen leisten sich etwas, auch wenn sie das Auto immer seltener nutzen. Radfahren ist in Warschau der Trend dieser Tage. Immer öfter sehe ich meine Nachbarn morgens davonradeln.

"Ich möchte ein Eisbär sein ..." Demo am Rande des UN-Klimagipfels in Warschau 2013.

„Ich möchte ein Eisbär sein …“ Demo am Rande des UN-Klimagipfels in Warschau 2013.

Polen boomt, Polen ist fröhlich, und Polen ist zunehmend auf Öko gepolt. Aus dem Fenster zum Hof kann ich die Müllabfuhr beobachten, die seit wenigen Wochen Container in drei verschiedenen Farben leert. Die neue rote Tonne ist für Kunststoffe gedacht. Grün steht für Bioabfall, Schwarz für Restmüll. Wer aus deutscher Erfahrung weiß, wohin Mülltrennung führen kann, der wird Polen eine wohlgeordnete, aber vielleicht weniger glückliche Zukunft prophezeien.

Nach vier Jahren in Warschau kehre ich in Kürze nach Deutschland zurück. Vieles wird mir fehlen. Im Winter werde ich den herben, harzigen Duft der Braunkohleöfen vermissen, der oft in mein Büro kroch, wenn ich das Fenster öffnete. Vermutlich wird es aber ohnehin nicht mehr lange dauern, bis sich dieser typische Warschauer Wintergeruch endgültig verflüchtigt. Die Stadt hat den Kohlekaminen längst den Kampf angesagt, und das ist natürlich gut so, weil mit den Öfen auch die Rußschicht auf den Fensterbänken schwindet.

Vermissen werde ich aber besonders die Menschen, die für deutsche Verhältnisse so unfassbar höflich und vor allem so fröhlich sind. Das Hakenkreuz auf der Kühlerhaube, nun ja, das Hakenkreuz hat in meiner Fantasie ein dummer Junge in den Schnee gemalt. Gesehen habe ich ihn aus meinem Fenster nicht. Gesehen habe ich aber den Ausschnitt eines wunderbaren Landes, über dessen Nachbarschaft zu Deutschland ich glücklich bin.

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