Im Kleinen das wirklich Große

Barack Obama hat am Mittwoch in Warschau eine große Rede gehalten und damit große Gefühle ausgelöst. Der US-Präsident widmete sich den existenziellen Fragen, den historischen Dimensionen, den Grundwerten der westlichen Völkergemeinschaft. Er hat auch mich beeindruckt und überzeugt. Doch dann sind da wieder die kleinen, oft hässlichen Dinge des Alltags. Zum Beispiel in der Ukraine.

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Endstation Donezk: Ein Mann wartet nach der Schicht in der nahen Zeche auf den Bus. (Foto: Krökel)

Obamas Rede habe ich sehr wohlwollend kommentiert, auch im Radio. Geschrieben habe ich dummerweise den Satz: „Selten waren Feiertagsreden so nah an der Wirklichkeit und dem gelebten Leben wie an diesem 4. Juni 2014 in Warschau.“ Im Nachhinein hat mir das zu denken gegeben. Denn da sind diese Szenen des gelebten Lebens in der Ukraine.

Da war zum Beispiel neulich am Flughafen in Kiew diese junge, wunderschöne Ukrainerin, die sich an einen schwitzenden Schweizer Geschäftsmann schmiegte. Ich weiß über die Geschichte der beiden nichts, aber an ihrer Gestik und Mimik war abzulesen, dass sich ein reicher Mann aus dem Westen eine schöne Frau aus dem Osten gekauft hatte. Sie spielten ein verliebtes Paar, das sie nicht sein konnten. Mein alter Lehrer hätte gesagt: Gegen diese Annahme spricht das Weltwissen. Also die Erfahrung.

Was ist die Rolle des Westens in der Ukraine? Stehen wir wirklich solidarisch an der Seite der Menschen, die einen heldenhaften Kampf für Freiheit und Demokratie führen? So hat Obama das in seiner Warschauer Rede skizziert. Oder wollen wir Geschäfte machen, das Land aufkaufen – und seine Menschen gleich mit?

Da war diese Szene im Taxi in Donezk, als der Fahrer uns deutschen und österreichischen Gästen eine prorussische Philippika hielt. Taxifahrer in Osteuropa können so etwas. Er habe Erich Maria Remarque gelesen, begann er, „Im Westen nichts Neues“. Und er schloss mit der Bemerkung: „Ihr Deutschen seid hier willkommen. Aber wir wollen nicht, dass eure Frau Merkel uns sagt, wie wir zu leben haben.“ Was soll man da noch antworten?

In meinem Kommentar zur Obama-Rede habe ich geschrieben: „Die Annexion der Krim war ein Anschlag auf alles, was Europa ausmacht oder ausmachen sollte.“ Dazu gehört zuallererst, dass wir die Ukrainer als Ukrainer mit ihren Wünschen und Ängsten wahrnehmen und ernst nehmen. Helfen statt missionieren. Das wäre ein kleiner Anfang für etwas wirklich Großes.

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