Der Albtraum von Donezk

Es sind Szenen eines Krieges: In der ostukrainischen Millionenstadt Donezk droht eine dramatische Eskalation der Kämpfe zwischen Regierungstruppen und prorussischen Separatisten. Ich selbst habe am Montag beim Beschuss des Bahnhofes erlebt, wie es sich anfühlt, zwischen die Fronten zu geraten.

Immer wieder donnern Kampfflugzeuge über Donezk hinweg. Kindergärten und Schulen sind in der Millionenmetropole seit Tagen geschlossen. Bürgermeister Alexander Lukjantschenko rät den Menschen, zu Hause zu bleiben. „Meiden Sie Fenster und Balkone“, warnt er. Zu oft und zu unerwartet wird in der Stadt geschossen. Herrscht tatsächlich Krieg in der Ostukraine?

Krieg. Das ist die Bezeichnung, die in Kiew der designierte Präsident Petro Poroschenko wählt. Er ist sich darin ausnahmsweise mit den prorussischen Separatistenführern vor Ort einig. Die selbsternannten Gouverneure der „Volksrepubliken“ in Donezk und im benachbarten Luhansk hatten schon am Wochenende den „Kriegszustand“ verhängt – wozu ihnen jegliche Legitimation fehlt.

Über die Begriffe lässt sich ohnehin streiten. Reguläre Armeen stehen sich in der Region nicht gegenüber. Die Kiewer Interimsregierung bevorzugt die Bezeichnung „Anti-Terror-Operation“. Ukrainische Medien nutzen die verharmlosende Abkürzung ATO. Der Kreml wiederum erklärt, in der Ukraine tobe ein „echter Bürgerkrieg“.

All diese Etiketten helfen nicht weiter, um zu beschreiben, was sich in den Gebieten Donezk und Lugansk in diesen Tagen tatsächlich abspielt. Sicher ist: Nach der Wahl Poroschenkos hat die Zentralmacht ihren Kampf gegen die prorussischen Separatisten im Osten des Landes dramatisch verschärft. Sie setzt dabei nicht nur Spezialkräfte der Polizei und die Nationalgarde ein, sondern vor allem militärische Kräfte – bis hin zur Luftwaffe.

Wer für die Separatisten den militanten Kampf führt, ist nicht immer klar. Desertierte Soldaten der Armee und ehemalige Spezialkräfte der Sonderpolizei Berkut haben sich den Aufständischen ebenso angeschlossen wie Söldner, die aus Russland „einsickern“. Der Grenzschutz meldet wiederholt, Lastwagen mit bewaffneten Kämpfern seien von Osten oder von der annektierten Krim her in das Land eingedrungen. Darunter sind auch Tschetschenen, die dem moskautreuen Präsidenten Ramsam Kadyrow unterstellt sein sollen.

Kadyrow bestreitet eine gesteuerte Aktion. „Wenn Tschetschenen in der Ukraine sind, ist das ihre Privatsache“, erklärt er. Im zweiten Tschetschenien-Krieg hatten ultranationalistische ukrainische Legionäre gegen die prorussische Truppe der sogenannten „Kadyrowzy“ gekämpft. Wollen die Tschetschenen nun späte Rache üben? Die „Financial Times“ zitiert einen kaukasischen Freischärler in der Ostukraine mit den Worten: „Wir nehmen 100 ihrer Leben für das Leben eines unserer Brüder.“

Poroschenko hatte nach seiner Wahl am Sonntag angekündigt, den „Terroristen nicht in Monaten, sondern in Stunden“ das Handwerk zu legen. Doch die Regierungskräfte treffen auf entschlossenen Widerstand der separatistischen Milizen. Was das bedeutet, erfahren die Bürger von Donezk seit Montag am eigenen Leib.

Rückblick: Noch in der Nacht nach der Präsidentenwahl besetzen bewaffnete Separatisten den Flughafen der Millionenstadt. Die ukrainische Armee reagiert kompromisslos und entsendet Militärhubschrauber, Kampfjets und Fallschirmjäger. Am Airport entbrennt ein Häuserkampf, der sich am Nachmittag in das dicht besiedelte Gebiet um den Bahnhof der Metropole verlagert.

Zu diesem Zeitpunkt herrscht dort reger Betrieb. Niemand warnt die Menschen. Niemand kommt auf die Idee, den Zugverkehr einzustellen. Die Separatisten feuern auf einen Hubschrauber, der über dem Bahnhofsgebiet kreist. Mörsergranaten schlagen auf dem Vorplatz ein. Die Menschen flüchten in Panik. Dennoch trifft ein Splitter eine Frau am Kopf und reißt ihr Teile der Schädeldecke weg. Ein Mann wird von einer Kugel getroffen und stirbt ebenfalls.

Wie wenig die gesamte Stadt darauf eingestellt ist, zum heißen Kampfgebiet zu werden, zeigt die weitere Reaktion an diesem Montag. Die Leichen werden abtransportiert, aber der Bahnhof wird weder dauerhaft gesperrt noch evakuiert. Die Menschen gehen auch nicht von selbst nach Hause. Es ist, als könnten oder wollten sie all das nicht glauben. Als das Blut auf den Bürgersteigen noch nicht getrocket ist, schlagen erneut Granaten auf dem Vorplatz ein. Wieder fallen Schüsse. Die Reisenden flüchten in die Unterführungen. Eine Frau ruft: „Die sind alle wahnsinnig geworden. Das ist doch ein Albtraum!“

Auf die Fortsetzung dieses Albtraums bereiten sich die Stadt und ihre Bürger seither zunehmend besser vor. Viele Menschen bleiben von sich aus zu Hause. Dennoch lassen es sich die Separatisten nicht nehmen, am Dienstag eine nächtliche Ausgangssperre über die Stadt zu verhängen, „bis sich die Lage normalisiert hat“. Es soll ein Zeichen sein, wer in Donezk das Sagen hat.

Vor allem aber lässt der Schritt befürchten, dass es inmitten der Großstadt neue Häuserkämpfe geben könnte. Wie zum Beweis liefern sich beide Seiten am Mittwoch Schusswechsel vor der Geheimdienstzentrale. Am Donnerstag bleibt es zunächst ruhig. Am Flughafen und am Bahnhof von Donezk haben die Regierungstruppen die Kontrolle. Doch der zweifelhafte Erfolg ist teuer erkauft. In Donezk, daran gibt es keine Zweifel, droht eine weitere dramatische Eskalation.

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