„Es lebe die Oligarchie!“

Am Sonntag wählen die Ukrainer einen neuen Präsidenten oder eine neue Präsidentin. Wirklich neu wird der oder die Neue allerdings nicht sein. Fast alle Kandidaten repräsentieren die alte Oligarchen-Elite. Und das entscheidende Wort in der Ukraine-Krise könnte Donbass-König Rinat Achmetow sprechen.

Luxuslimousine in der postsowjetischen Oligarchen-Metropole Donezk. (Foto: Krökel)

Luxuslimousine in der postsowjetischen Oligarchen-Metropole Donezk. (Foto: Krökel)

Die Kohlestadt Donezk blüht. In weißer Pracht leuchten die vielen Robinien, deren Holz einst im Bergbau gebraucht wurde. Im sommerheißen Sonnenschein flanieren junge Paare durch die Parks. Auf den ersten Blick erinnert in Donezk nichts an einen drohenden Bürgerkrieg zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischen Nationalisten.

„Alles ist normal. Wir leben unser Leben, wie es sich gehört“, sagt Alisja Fedorenko. Die Gärtnerin pflanzt Blumen am Prospekt Mira, an der Straße des Friedens. Alles ist normal in Donezk – bis zu den Barrikaden vor der Regionalverwaltung. Dort haben sich seit zwei Monaten die Separatisten verschanzt. Sie haben eine „Volksrepublik Donbass“ ausgerufen. Nun wollen die Kämpfer gemeinsam mit ihren Gefährten in der Region Lugansk einen neuen Staat schaffen.

Einen Namen haben sie auch schon. „Wir leben bald in Neurussland“, sagt ein Anhänger der Separatisten am symbolisch errichteten Grenzpfahl vor der besetzten Verwaltung. Die Idee stammt, zumindest indirekt, vom russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der Kremlchef hatte zuletzt mehrfach von der historischen Region „Noworossija“ gesprochen, wenn er den Osten der Ukraine meinte.

Die Gefahr einer Spaltung des Landes ist noch längst nicht gebannt. Am Donnerstag starben bei Gefechten zwischen Separatisten und Regierungstruppen südlich von Donezk nach offiziellen Angaben mindestens zehn Menschen. Die Aufständischen berichteten von 20 Toten. Die von Kiew entsandten Einheiten wollen ihrerseits den sogenannten Anti-Terror-Einsatz baldmöglichst „zum Abschluss bringen“, wie Innenminister Arsen Awakow mitteilte.

Nichts ist deshalb normal im Osten der Ukraine. Auch nicht in Donezk. Das wird sich vermutlich spätestens am Sonntag erneut zeigen. Dann sollen die Bürger in der Ukraine einen neuen Präsidenten wählen. Awakow jedoch hat bereits eingestanden, dass „in weiten Teilen der Gebiete Lugansk und Donezk keine reguläre Abstimmung möglich sein wird.“ Die Gefahr, dass Separatisten den Urnengang durch Gewalttaten stören, ist zu groß.

Die Wahl gewinnen wird allen Umfragen zufolge der südukrainische Oligarch Petro Poroschenko. Doch ob er seine Macht auch in Donezk durchsetzen kann, hängt von den Separatisten ab. Und natürlich von Wladimir Putin. Das entscheidende Wort jedoch könnte einem anderen Mann zufallen: Rinat Achmetow, dem ungekrönten „König des Donbass“.

Spielende Kinder am Fußball-Brunnen vor der Donbass-Arena in Donezk. (Foto: Krökel)

Spielende Kinder am Fußball-Brunnen vor der Donbass-Arena in Donezk. (Foto: Krökel)

In dem Industrierevier gehört dem 47-Jährigen fast alles. Der reichste Mann der Ukraine herrscht über ein Imperium aus rauchenden Schloten und quietschenden Förderbändern. Er hat aber auch ein funkelndes Fußball-Stadion bauen lassen, die Donbass-Arena, die bei Nacht einem leuchtenden Riesendiamanten gleicht. Der Oligarch hat „seine“ Metropole zumindest in Teilen zum Blühen gebracht – unabhängig von der Jahreszeit.

Wie weit der Arm des Oligarchen im Donbass reicht, zeigte sich zu Beginn dieser Woche. Am Dienstag rief er die Bürger zum Protest gegen die Separatisten auf. Zehntausende legten daraufhin kurzzeitig die Arbeit nieder, gingen auf die Straße und setzten mit Hupkonzerten lautstarke Zeichen für die Einheit der Ukraine. Achmetow selbst wetterte am Tag darauf öffentlich gegen die Separatisten, die „unsere Bevölkerung in Geiselhaft nehmen“.

Was den Oligarchen dazu bewogen hat, sich auf die Seite der Kiewer Regierung zu stellen, ist nicht bekannt. Dass es Absprachen gegeben haben muss, liegt auf der Hand. Achmetow war lange Jahre der wichtigste Finanzier der Partei der Regionen des Präsidenten Viktor Janukowitsch, die bei dessen Sturz unvermittelt umschwenkte. Hat Achmetow den Daumen gesenkt? In der folgenden Krise schwieg der Oligarch. „Jetzt hat er Position bezogen, leider gegen die Menschen im Donbass“, sagt Separatistenführer Denis Puschalin.

Wer die Hintergründe erahnen will, muss zurückblicken. Achmetow gelangte wie all die anderen Oligarchen der Ukraine in den 90er Jahren zu Reichtum und Macht – in einer Zeit, die von Mafiakriegen und Chaos geprägt war. Julia Timoschenko, die als „Gasprinzessin“ lange selbst eine der wichtigsten Figuren der Oligarchen-Szene war, sagte später einmal: „Jeder, der damals auch nur einen Tag in der ukrainischen Wirtschaft eine führende Funktion innehatte, könnte eingesperrt werden.“

Die Oligarchen, zu denen auch die wichtigsten Präsidentschaftskandidaten Poroschenko, Timoschenko und Serhi Tihipko zählen, haben große Teile des ehemals sowjetischen Volkseigentums der Ukraine in den 90er Jahren in ihr Privateigentum überführt. Die Maidan-Revolution im Februar war angetreten, diese Herrschaft zu brechen. Gelungen ist das nicht. Im Zeichen der Krim-Krise und russischer Drohgebärden sind „bewährte“ Kräfte gefragt. Im Internet kursiert bereits der Satz: „Die Oligarchie ist tot. Es lebe die Oligarchie!“

Tatsächlich hat die Interimsregierung nach der Revolution in mehreren Regionen Oligarchen als Gouverneure eingesetzt. In Dnipropetrowsk hat der Medienmogul Ihor Kolomojski das Sagen. In Odessa hat nach den Straßenschlachten Anfang Mai der Ölmillionär Ihor Paliza das Ruder übernommen. Und dann ist da noch der „Schokoladenzar“ Poroschenko, der voraussichtlich neuer Präsident wird.

Der Sohn eines sowjetischen „roten Direktors“ ist als Süßwarenproduzent reich geworden. Nun verspricht er den Ukrainern in seiner Wahlkampagne ein „neues Leben“ ohne Korruption und Clanwirtschaft. Er will die Ukraine zum Blühen bringen wie Achmetow den Donbass. Ob Poroschenko und mit ihm die anderen Oligarchen willens und in der Lage sind, dieses Versprechen zu erfüllen, ist offen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.