Timoschenko kämpft sich ins politische Abseits

Die „eiserne Julia“ Timoschenko liegt vor der Präsidentenwahl in der Ukraine klar zurück. Das Rennen scheint der Oligarch und „Schokoladenzar“ Petro Poroschenko zu machen. Kann ein Zweckbündnis mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin Timoschenko helfen?

Die Maidan-Tanne auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz.

Die Maidan-Tanne auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz. (Foto: Krökel)

Die Bilder von Julia Timoschenko sind verschwunden. Auf dem Maidan im Herzen von Kiew hängen stattdessen Fotos der Opfer der Februar-Revolution. Damals starben rund 100 Menschen im Kugelhagel von Scharfschützen und in den Schlachten gegen die Staatsmacht des Viktor Janukowitsch.

Damals noch prangte über dem Geschehen, hoch oben an der zentralen Protesttanne, ein riesiges Timoschenko-Plakat. Doch die Zeiten sind vorbei, in denen die Losung der Revolutionäre lautete: „Freiheit für Julia!“

Timoschenko ist frei. Insofern ist sie die große Gewinnerin der Revolution. Zweieinhalb Jahre hatte sie nach einem Unrechtsprozess, den der Präsident Janukowitsch steuerte, hinter Gittern gesessen. Sie zog sich dort angeblich einen schweren Rückenschaden zu und verließ das Gefängnis im Rollstuhl.

Doch nun, drei Monate nach dem Sieg des Euro-Maidan, steht sie im Präsidentenwahlkampf auf verlorenem Posten. Nur gut neun Prozent der Wähler wollen der „eisernen Julia“ am 25. Mai ihre Stimme geben. Die Zeit, so scheint es, ist an Julia Timoschenko vorbeigegangen.

Dafür gibt es viele Gründe. Die Auftritte der 53-Jährigen nach ihrer Freilassung waren für eine Instinktpolitikerin ihres Schlages eine Katastrophe. Noch am Abend ihrer Haftentlassung krächzte sie auf dem Maidan eine pathetische Rede ins Mikrofon, mit der sie sich selbst zur Führerin einer Revolution aufschwingen wollte, die längst ein Eigenleben führte.

Verwundern konnte das kaum. Für Timoschenko zählte stets nur Timoschenko. Auch deshalb scheiterte die anfangs erfolgreiche Revolution in Orange des Jahres 2004. Die selbsternannte Jeanne d’Arc der Ukraine wollte anschließend alle Macht für sich und zerstritt sich heillos mit all ihren Kampfgefährten.

Zehn Jahre später versucht Timoschenko, den Kardinalfehler ihres Maidan-Auftrittes im Februar vergessen zu machen. Sie tauchte eine Weile ab und ließ sich in Berlin am Rücken behandeln. Doch nur wenig später lichteten Fotografen die „schöne Julia“ auf Stöckelschuhen statt im Rollstuhl ab. Sieht so eine Frau aus, die in der Haft „gefoltert wurde“, wie ihre Mitstreiter behaupteten? Nein, die Rückenkranke war als das entlarvt, was ihr die Janukowitsch-Leute stets vorgeworfen hatten: als Simulantin.

Julia Timoschenko. (Screenshot YouTube: Krökel)

Julia Timoschenko vor ihrer Verhaftung. (Screenshot YouTube)

In ihrer Not warf Timoschenko ihr Heiligstes in den Ring des Imagekampfes. Sie verzichtete eine Zeitlang auf ihren berühmten blonden Haarkranz. US-amerikanische Wahlkampfberater sollen ihr den Tipp gegeben haben. Timoschenko ließ ihr Haar glatt fallen wie einst Rapunzel im Märchen. Doch kein Prinz wollte helfen. Die Methode „New Julia“ verfing nicht.

Am Ende tat Timoschenko das, was sie immer am besten konnte: kämpfen. Sie war die erste Politikerin aus Kiew, die in der Ostukraine auftauchte, als dort Separatisten Gebäude besetzten und die Macht übernahmen. Heldenmutig warf sie sich in die Höhle des Löwen, denn Donezk war und ist die Hochburg ihrer größten Feinde. Wenn Timoschenko das Übel der Welt in Worte fassen sollte, würde sie vermutlich kurz und knapp sagen: „Donezker Mafia“.

Timoschenko war auch als Erste vor Ort, als in Odessa Straßenschlachten zwischen ukrainischen Hooligans und prorussischen Randalierern tobten. Fast 50 Menschen starben dort in den Flammen des brennenden Gewerkschaftshauses. Doch auch dieser Besuch half Timoschenko nicht. Im Gegenteil: Sie zeigte in Odessa allzu viel Verständnis für die Ultranationalisten, während vor allem moskautreue Protestierer umgekommen waren.

Timoschenkos Einlassungen gerieten zu Geschmacklosigkeiten. Das tödliche Feuer bezeichnete sie als Versuch, „administrative Gebäude zu schützen“. Schon früher im Wahlkampf hatte sich die ehemalige Regierungschefin mit antirussischen Hassausbrüchen unversöhnlich positioniert. Über Kremlchef Wladimir Putin sagte sie am Telefon: „Gebt mir eine Waffe in die Hand, dann schieße ich diesem Drecksack persönlich in den Kopf.“ Das Gespräch wurde abgehört und veröffentlicht.

Wovon zeugt all das wirklich? Ist es Dummheit, Ignoranz oder kühl kalkulierte Strategie? Timoschenko hätte nach ihrer langen Haft womöglich die Chance gehabt, als große Versöhnerin im Stile Nelson Mandelas aufzutreten. Stattdessen gibt sie die Scharfmacherin in einem Land, dessen Bürger sich nach Ruhe, Frieden, Wohlstand und Normalität sehnen – abgesehen von den wenigen Tausend Kämpfern und ihren politischen Hintermännern in West und Ost.

Dennoch sollte niemand Timoschenko zu früh abschreiben. „Julia lebt nur im Kampf“, sagte einst der bekannteste ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowitsch. Und der Kampf in der Ukraine, so steht zu befürchten, ist noch lange nicht vorbei.

Die erste Runde der Präsidentenwahl am 25. Mai wird Timoschenko zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen den großen Favoriten Petro Poroschenko verlieren. Der milliardenschwere „Schokoladenzar“ liegt derzeit in den Umfragen mit mehr als 30 Prozent vorn. Doch das wäre erst der Auftakt. Am Ende stünde eine Stichwahl.

Die Entscheidung soll am 15. Juni fallen. Bis dahin bleibt viel Zeit. Über mögliche Szenarien lässt sich nur spekulieren, zumal in diesen Kampftagen zwischen Revolution und Bürgerkrieg. Es könnte Kräfte im Land oder auch außerhalb geben, die einen Präsidenten Poroschenko mit Macht verhindern wollen. Der Kreml stellte sich schon im vergangenen Sommer gegen den Süßwaren-Milliardär, weil er die EU-Annäherung der Ukraine unterstützte.

Umgekehrt hatte Timoschenko einst ein gutes Verhältnis zu Putin. Die beiden verbindet ein hohes Maß an politischer Skrupellosigkeit. 2009 handelten sie hinter verschlossenen Türen einen höchst umstrittenen Gasvertrag aus, von dem augenscheinlich nur die russischen Lieferanten profitierten.

Doch es gab geheime Absprachen. Timoschenko bekam 2010 im Wahlkampf gegen den prorussischen Janukowitsch Unterstützung aus Moskau. Als Janukowitsch dennoch siegte und Timoschenko ins Gefängnis werfen ließ, war Putin stets einer der schärfsten Kritiker des Unrechtsurteils.

Noch etwas kommt hinzu: Putin selbst ist ein Mann, der das drastisch-beleidigende Wort schätzt. Seinen Gegner drohte er schon einmal vor laufenden Kameras an, sie „an den Genitalien aufzuhängen“. Er wird Timoschenkos Kopfschussdrohung kaum überbewertet haben. Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass die beiden Vollblutpolitiker vor der Stichwahl im Juni ein Zweckbündnis schmieden.

Eine Garantie für eine Rückkehr der Julia Timoschenko an die Macht in Kiew wäre das allerdings nicht. Glaubt man Soziologen und Demoskopen, so sind die ukrainischen Wähler alle Lagerkämpfe leid. Es könnte also sein, dass gerade jene verlieren, die „nur im Kampf leben“.

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