Separatisten oder Aktivisten?

In der Ukraine-Krise verwenden Medien, Diplomaten und Politiker oft verschiedene Begriffe, wenn sie das gleiche meinen, aber anders werten wollen. Mitunter ist von Terroristen die Rede oder umgekehrt von Faschisten. Geht es auch weniger irreführend? Eine kleine Begriffskunde.

Tausende Blumen erinnern auf dem Maidan an die Opfer der Revoltuion. (Foto: Krökel)

Tausende Blumen erinnern auf dem Maidan in Kiew an die Opfer der Revolution im Februar. (Foto: Krökel)

Die Kiewer Interimsregierung führt im Osten der Ukraine einen „Anti-Terror-Krieg gegen prorussische Agenten und Landesverräter“. So sagt sie selbst. In Donezk, Lugansk und Slawjansk wähnen sich dagegen selbsternannte Bürgermeister und Volksmilizionäre in einem „Freiheitskampf gegen westukrainische Faschisten“.

Wer als Beobachter Distanz wahren will, sollte die wertende Terminologie der Konfliktparteien nicht übernehmen. Aber was tun? Wie sind jene Männer und Frauen zu bezeichnen, die in der Ostukraine Gebäude besetzen und Geiseln nehmen, weil sie die Zentralmacht nicht anerkennen?

In der deutschen Berichterstattung ist derzeit meist von „Separatisten“ oder „prorussischen Aktivisten“ die Rede. Beides ist nicht falsch, aber auch nicht unproblematisch. Separatisten kämpfen für die Abspaltung eines Landesteiles von einem anerkannten Staat, oft unter Einsatz von Gewalt. Sie stellen sich damit gegen das Völkerrecht, das die territoriale Unversehrtheit garantiert. Der Begriff „Separatist“ hat deshalb eine negative Tönung.

Allerdings ist nicht zu bestreiten, dass die Loslösung der östlichen Gebiete von der Ukraine und der Anschluss an Russland wesentliche Ziele der Regierungsgegner sind. Auf ihren Barrikaden wehen nicht zufällig russische Fahnen.

Umgekehrt wird die Bezeichnung „Aktivist“ meist positiv verstanden. Aktivisten sind „Überzeugungstäter“, die sich leidenschaftlich für gesellschaftliche oder politische Ziele einsetzen. Man denke an Umwelt- oder Menschenrechtsaktivisten. Aktivisten reklamieren meist ein Recht auf Widerstand für sich, der nicht immer vor dem Einsatz von Gewalt haltmacht.

Es kann keinen Zweifel daran geben, dass in der Ostukraine nicht nur bezahlte Söldner am Werk sind, sondern auch „Überzeugungstäter“. Wer jedoch die maskierten Kämpfer in der Ostukraine mit ihren Kalaschnikows hantieren sieht, dem können Zweifel kommen, ob „Aktivist“ dafür die richtige Bezeichnung ist.

Es lohnt sich also, genau hinzuschauen, wer in der Ukraine-Krise was sagt und tut – und erst dann einen möglichst treffenden Begriff für den Einzelfall zu suchen. Das gelingt in der sprichwörtlichen Hitze des Gefechts keineswegs immer, auch dem Verfasser dieser Zeilen nicht.

Und doch gilt: Ein prorussischer Demonstrant ist zunächst ein Demonstrant und noch kein Separatist. Ein Mob (abwertend) ist etwas anderes als eine aufgebrachte Menge, deren Empörung berechtigt oder unberechtigt sein mag. Das gilt es zu prüfen. Im Fall der Ostukraine gibt es einige leidlich neutrale Begriffe, die in aller Regel korrekt sind. Es handelt sich um Gebäudebesetzer, Regierungsgegner und Aufständische.

Das Vertrackte dabei ist: Mitunter sagen diese eher harmlosen Wörter zu wenig aus, um das Geschehen richtig zu vermitteln. Wer mit einer Flugabwehrrakete einen Hubschrauber abschießt, mag zwar ein Regierungsgegner sein, aber er ist ganz sicher auch ein bewaffneter Kämpfer oder ein Paramilitär – ein Begriff, der militärische Fähigkeiten von Personen hervorhebt, die keiner regulären Armee angehören (griechisch „para“ = neben). Kurz: Die Wortwahl bleibt in der Ukraine-Krise stets eine Gratwanderung.

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