Kapitalismus statt Katholizismus

Am 27. April spricht Papst Franziskus seinen Vorvorgänger Johannes Paul II. heilig. In seiner Heimat genießt der 2005 verstorbene erste slawische Pontifex der Geschichte zwar noch immer hohes Ansehen. Als moralische Instanz verliert er aber ebenso wie die katholische Kirche insgesamt an Bedeutung. Soziologen machen dafür die zunehmende Individualisierung im Kapitalismus verantwortlich.

Papst-Statue im Wallfahrtsort Tschenstochau.

Papst-Statue in Polens weltberühmtemWallfahrtsort Tschenstochau.

Die virtuelle Uhr tickt, der Countdown läuft. Es ist wie vor der Eröffnung eines großen Sportturniers. Auf der eigens eingerichteten Internetseite „kanonizacja.niedziela.pl“ verrinnen Tage, Stunden, Minuten und Sekunden. Die katholische Wochenzeitung „Niedziela“ (Sonntag), die in Polens weltberühmtem Wallfahrtsort Tschenstochau erscheint, misst seit Monaten die finale Frist bis zur Heiligsprechung (kanonizacja).

Am 27. April ist es soweit. Dann wird Papst Franziskus zwei seiner Vorgänger feierlich in den katholischen Kanon der Heiligen aufnehmen. Johannes XXIII. ist der eine. Der Italiener Angelo Guiseppe Roncalli hatte 1959 das historische Zweite Vatikanische Konzil einberufen und 1962 eröffnet. In Tschenstochau und in ganz Polen wird der 27. April allerdings fast ausschließlich Johannes Pauls II. gehören, der 1920 in Wadowice bei Krakau als Karol Wojtyla geboren und 1978 als erster Pole zum Papst gewählt wurde.

Für die meisten Menschen in seiner Heimat war und ist Johannes Paul nur „der polnische Papst“. Seine Heiligsprechung ist für sie längst überfällig. „Santo subito“ hatten Hunderttausende Gläubige im Frühjahr 2005 in Rom gefordert, als Wojtyla am 2. April gestorben war: Sofort heiligsprechen! In Polen tauften Soziologen die Jugend des Landes zur „Generation JP II“. Alle, die damals unter 30 Jahre alt waren, kannten nur ein Leben mit dem polnischen Papst, unter dessen moralischer Führung die Freiheitskämpfer der Solidarnosc in den 80er Jahren den Kommunismus besiegt hatten.

Johannes Paul II. als Held und Heiliger in alle Ewigkeit: Das ist das Bild, das die katholische Kirche und die Medien zwischen Oder und Bug bis heute zeichnen. Polen mit seinen rund 95 Prozent Katholiken ist demnach nicht nur das katholischste Land Europas, sondern vor allem JP-II-Land. Vor der Heiligsprechung im Vatikan erlebt der Kult um den polnischen Papst eine neue Hochkonjunktur. So hat die Notenbank eine Sondermünze aus Silber prägen lassen, die ein Kilogramm schwer ist. Und schon vor Jahresfrist hatte ein privater Stifter in Tschenstochau die größte Papststatue der Welt errichten lassen.

Pilger auf dem Weg nach Tschenstochau. (Foto: Krökel)

Pilger auf dem Weg nach Tschenstochau. (Foto: Krökel)

Doch damit nicht genug. Seit dem Herbst sind Dutzende Bücher über Leben und Wirken Johannes Pauls II. erschienen. Wie selbstverständlich bereiten sich zudem Hunderttausende Polen darauf vor, zur Heiligsprechung nach Rom zu pilgern. Der Vatikan rechnet mit bis zu zwei Millionen Besuchern aus der Heimat Karol Wojtylas. Viele der Pilger werden in Sonderzügen, mit dem Bus, dem eigenen Auto oder dem Wohnmobil anreisen. Einige Abenteurer steigen aufs Fahrrad. Mindestens ein passionierter Marathonläufer und eine Gruppe von Wanderern bewältigen die fast 2000 Kilometer zu Fuß.

Staatspräsident Bronislaw Komorowski und seine Vorgänger Alexander Kwasniewski und Lech Walesa werden fliegen. Sie führen die offizielle Delegation an. Der tief gläubige Walesa zitiert am liebsten jenen Satz, den Wojtyla bei seiner ersten Polenreise nach der Wahl zum Papst 1979 den Gläubigen zurief: „Fürchtet euch nicht!“ Und oft fügt der Mann, der als siegreicher Freiheitskämpfer immerhin selbst den Friedensnobelpreis trägt, noch an: „Johannes Paul II. war und bleibt unser Licht und unser Leitstern.“

Marcin Adamczyk sieht das nicht ganz so. Der 37-jährige Warschauer gehört zur „Generation JP II“ von einst. „Im Grunde sind es nur noch schöne Erinnerungen, die wir an Johannes Paul haben“, sagt der Vater von drei Kindern, der an einem Gymnasium Fremdsprachen unterrichtet. Er steht an einem nasskalten Apriltag in einer Buchhandlung und durchstöbert die Papst-Biografien. Nachdenklich erklärt er: „Für unser Leben hier und heute hat das alles nicht mehr viel zu bedeuten.“

Die Worte sind eine Einzelmeinung. Hunderttausende Pilger scheinen eine andere Sprache zu sprechen. Und doch bestätigen die skeptischen Sätze des Lehrers Adamczyk das, was Demoskopen zu Jahresbeginn herausgefunden haben: „Seit 2005 nimmt die Zahl der Polen systematisch zu, die (religiöse) moralische Prinzipien für nicht verpflichtend erachten“, schreibt das führende Meinungsforschungsinstitut des Landes CBOS. Ausgerechnet seit 2005, dem Todesjahr Johannes Pauls II.

Die CBOS-Forscher fragten nach dem Verhältnis der Menschen zu den Werten des Katholizismus. 2005 antwortete noch jeder dritte Pole, diese Werte seien als moralischer Kompass „allein völlig ausreichend“. Neun Jahre später sieht das nicht einmal mehr jeder fünfte Befragte so (18 Prozent). Im Gegenzug stieg die Zahl jener, die sich „nur dem eigenen Gewissen“ verantwortlich fühlen, von 33 auf 41 Prozent. Sogar 57 Prozent stimmen dem Satz zu, dass sich weder Kirche noch Gesellschaft „in die inneren Angelegenheiten des Einzelnen einmischen“ sollten. 2005 lag die Quote bei 46 Prozent.

Soziologen sprechen mit Blick auf diese Zahlen von einem „klaren Trend zur Individualisierung“ sowie von einer „Säkularisierung der Moral“. Als wesentlichen Grund nennen die Wissenschaftler den ökonomischen Existenzkampf im noch jungen polnischen Kapitalismus. In dem Wirtschaftswunderland geht es zwar seit der Jahrtausendwende fast durchweg bergauf – mit Wachstumsraten zwischen 1,7 und 6,8 Prozent. Das jedoch gehe zu Lasten der Gemeinschaft. Die katholisch-nationalkonservative Zeitung „Nasz Dziennik“ beklagte kürzlich gar einer „Atomisierung der Gesellschaft“.

Erstaunlich ist, dass es sich dabei keineswegs nur um ein Phänomen der großen Städte handelt, in denen der Kapitalismus blüht. Auf dem Land, so hat CBOS in einer weiteren Studie herausgefunden, sank die Zahl der Menschen, die ihre Religion im Alltag praktizieren, seit dem Tod des polnischen Papstes von 67 auf 58 Prozent.

Dennoch nehmen Polens Katholiken lieber die Jugend der Städte und damit die Zukunft ins Visier als die Älteren in der Provinz – und setzen dabei selbst auf professionelle Marketingstrategien. So veröffentlichte das Warschauer „Zentrum der Ideenlehre Johannes Pauls II.“ im Internetkanal YouTube ein Musikvideo über den polnischen Papst. Es trägt den Titel „Gegen den Strom“. Läuft alles nach Plan, dürfte der Song zur „Hymne der Heiligsprechung“ werden. „Wenn du die Quelle suchst, gehe gegen den Strom“, lautet die zentrale Textzeile.

Viele junge Menschen in Polen jedoch suchen derzeit eher finanzielle als geistige Quellen. Sie schwimmen lieber mit dem Strom. „Meine Schüler sind sehr angepasst“, erzählt Lehrer Adamczyk. „Sie wollen ihre Ausgangsposition für das Rattenrennen verbessern“, sagt er. „Rattenrennen“ ist in Polen ein gängiger Begriff für den Konkurrenzkampf in der kapitalistischen Wirtschaft. Etwa jeder zehnte Beschäftigte arbeitet auf der Basis sogenannter Müllverträge ohne jede soziale Absicherung. Rund 90 Prozent von ihnen sind unter 35 Jahre alt.

„Was ist mit dieser Jugend los?“, fragte vor dem Hintergrund dieser Zahlen Anfang April ein theologisches Symposium in Warschau, das in einer Konferenzreihe mit dem Titel „Denken mit Wojtyla“ stand. Die Eröffnungsmesse leitete der Metropolit von Warschau, Kardinal Kazimierz Nycz. Er mahnte, gerade junge Menschen „nicht in Schubladen zu verstauen“. Heutzutage hielten „die einen unsere Jugend für zynisch und selbstsüchtig, während die anderen von hoher Bildung und einem großen Ehrgeiz schwärmen“.

Er selbst rate dazu, wie Johannes Paul II. „den Menschen zunächst einmal zuzuhören“, sagte Nycz und erinnerte an die „drei magischen Anziehungskräfte“ des polnischen Papstes. „Ehrliche Liebe, ein einfacher und authentischer Gottesglaube sowie unerschütterliches Zutrauen in die Kraft der Jugend“, zählte der Kardinal auf. Es klang wie eine Beschreibung dessen, was der erfolgreichen, aber atomisierten polnischen Gesellschaft neun Jahre nach dem Tod Johannes Pauls II. fehlt.

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