Relativ glücklich

Gehirn und Politik zusammenbringen zu wollen, das ist so eine Sache. Doch seien wir nicht ungerecht: Wenn Abgeordnete, Minister und Regierungschefs immer so rational handeln könnten, wie sie wollten, dann wäre vermutlich vieles besser auf dieser Welt. Aber leider, leider gibt es Bürger, die wählen dürfen, Lobbyisten, die Druck machen, und Journalisten, die aus Prinzip nörgeln. Also regieren und opponieren Politiker oft nicht vernünftig, sondern stimmungsgesteuert. Jedenfalls ohne Sinn und Verstand.

Früher war alles schlechter: Lustvoll leben in Warschau. (Foto: Krökel)

Früher war alles schlechter: Lustvoll leben in Warschau. (Foto: Krökel)

Allerdings hat die moderne Neurobiologie längst bewiesen, dass das menschliche Gehirn viel mehr zu bieten hat als Vernunft und rationales Denken. Weit mächtiger und für das Handeln oft entscheidend sind Gefühle und Triebe. „Pfui!“, möchte man da ausrufen, aber das würde auch nichts ändern.

Das Gehirn ist ein sonderbares Organ mit sonderbaren Mechanismen. So haben Wissenschaftler herausgefunden, dass menschliches Glücksempfinden wenig mit den objektiven Gegebenheiten zu tun hat, sondern mit subjektiven Momentaufnahmen – frei nach Goethe: „Oh Augenblick, verweile doch, du bist so schön!“

Wer 50 Cent auf der Straße gefunden hat, ist anschließend automatisch glücklicher als jemand, der 50 Cent verloren hat. So weit, so klar. Es ist dabei aber völlig gleichgültig, dass der Finder womöglich arbeitslos und schwer krank ist, während der Verlierer ein gesundes und reiches Leben führt. Unglaublich, oder?

Und es kommt noch besser: Glück ist nicht nur flüchtig, sondern auch absolut relativ. Das geht zum Beispiel so: Wer viel Geld im Lotto gewonnen hat, den kann anschließend fast nichts mehr in Euphorie versetzen. Er ist im Grunde eine arme Sau, denn das Hirn misst Glück stets nur im Vergleich zum Vorher.

Als ich das kürzlich in einem populärwissenschaftlichen Buch las, wurde mir endlich klar, warum die Polen seit Jahren beständig glücklich und zufrieden sind. Das sagen die Demoskopen, die hoffentlich die Erkenntnisse der Neurobiologie kennen.

Jedenfalls geht es in Polen spätestens seit der Jahrtausendwende stetig bergauf. Früher war im Land keineswegs alles besser, sondern schlechter. Die Menschen haben weder die sowjetische Fremdbestimmung noch den realsozialistischen Niedergang und das postkommunistische Chaos der frühen 90er Jahre genossen. Der Vergleich also signalisiert dem polnischen Kollektivhirn dauerhaft steigende Lottogewinne. Das ist das reine Glück!

P.S.: Bevor Fragen kommen: Selbstverständlich gibt es kein Kollektivhirn. Es gibt nur eine Schwarmintelligenz.

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