Aus den schönsten Träumen gerissen

Zu Wochenbeginn raubte mir die Feuerwehr den Schlaf. Nachts um halb zwei drückte der Einsatzleiter alle Klingelknöpfe an unserer Haustür. Völlig verdattert standen meine Nachbarn und ich im Treppenhaus und später auf der finsteren Straße, durch die gespenstisch das Blaulicht zuckte. Am Ende entpuppte sich alles als Fehlalarm. Mir stellte sich nur noch die Frage: Sollte ich mich über das ausgebliebene Feuer freuen oder über die Ruhestörung ärgern? So oder so ähnlich dürfte sich in diesen Tagen Jaroslaw Kaczynski fühlen.

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Seit Smolensk immer in Schwarz: Jaroslaw Kaczynski trägt seit vier Jahren Trauer. (Foto: Krökel)

Die Krise in der Ukraine hat den polnischen Oppositionsführer aus den schönsten Träumen gerissen. Mit innenpolitischen Themen wollte der Chef der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PIS) bei der Europawahl im Mai punkten und erstmals seit 2007 wieder eine Wahl gegen die rechtsliberale Bürgerplattform (PO) von Premier Donald Tusk gewinnen. Doch nun interessiert sich niemand für die schwächelnde Wirtschaft und die steigende Arbeitslosigkeit. Kremlchef Wladimir Putin beherrscht die Schlagzeilen. Ganz Polen starrt Richtung Krim und weiter nach Osten, nach Russland.

Aus dieser Richtung erwarten die meisten Menschen zwischen Oder und Bug grundsätzlich nichts Gutes. Allzu lange haben die Russen die freiheitsliebenden Polen in der jüngeren Geschichte unterdrückt. Die Furcht vor dem Riesenreich im Osten müsste daher eigentlich Kaczynski in die Hände spielen – schließlich ist der Rechtspopulist spätestens seit der Flugzeugkatastrophe von Smolensk als Russland- bzw. Putin-Hasser berühmt-berüchtigt.

Hass ist ein starkes Wort, trifft aber in diesem Fall sicher zu. Bis heute macht Kaczynski Putin oder dessen Geheimdienst für den Absturz im April 2010 verantwortlich, bei dem sein Bruder starb, der Präsident Lech Kaczynski. In wenigen Tagen jährt sich die Tragödie zum vierten Mal. In Polen will aber kaum mehr etwas von Kaczynskis Verschwörungstheorien hören, auch wenn Russland und Putin ihrem Ruf als Bösewichte derzeit alle Ehre machen.

Und so hat Tusks PO die PIS in den Umfragen zur Europawahl nach wochenlangem Rückstand zuletzt ein- oder sogar überholt. In außenpolitischen Krisen scharen sich die Menschen üblicherweise um ihre Regierung. Für Kaczynski bleibt die Genugtuung, dass er mit seiner Einschätzung des fiesen Nachbarn im Osten nicht ganz falsch lag. Das ist sicher fast so schön wie ein Feuer, das es nie gab und vor dem man dennoch gerettet wurde.

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