Timoschenko schaltet in den Kampfmodus

In der Ukraine beginnt das Rennen um das Präsidentenamt. Gewählt werden soll erst am 25. Mai. Doch seit die lange inhaftierte Julia Timoschenko am Donnerstag ihre Kandidatur erklärt hat, schlagen die Wellen in Kiew hoch. Die „Gasprinzessin“ jagt vor allem einen Mann: den „Schokoladenkönig“ Petro Poroschenko.

Julia Timoschenko vor ihrer Verhaftung. (Screenshot YouTube: Krökel)

Julia Timoschenko vor ihrer Verhaftung 2011. (Screenshot YouTube: Krökel)

Julia Timoschenko kennt keine Kompromisse. Ihre Kampfansagen sind unmissverständlich. Den russischen Präsidenten Wladimir Putin würde sie am liebsten per Kopfschuss exekutieren, bekannte die frühere ukrainische Regierungschefin in einem abgehörten Telefongespräch. Am Donnerstag erklärte Timoschenko nun offiziell ihre Kandidatur für das Präsidentenamt in Kiew. Damit schlug sie erneut eine Schneise in die politische Landschaft der Ukraine.

Gewählt werden soll am 25. Mai. Der Termin steht allerdings unter Stabilitätsvorbehalt. Sollte die Lage im Osten des Landes eskalieren, wo seit Wochen kremltreue Aktivisten protestieren, sind auch andere Szenarien denkbar – angefangen vom Ausnahmezustand bis hin zum Einmarsch russischer Truppen.

Timoschenko jedoch ficht das nicht an. „Um meine Ideen zu verwirklichen, wie man den Aggressor (Putin) stoppen kann, muss ich die Macht erringen“, sagt die 53-Jährige, die unter Ex-Präsident Viktor Janukowitsch nach einem politisch motivierten Schuldspruch zweieinhalb Jahre im Gefängnis saß.

Nach der Schlacht: Rußgeschwärztes Gemäuer und Tausende Blumen erinnern auf dem Maidan an die Opfer der Revoltuion. (Foto: Krökel)

Nach der Schlacht: Rußgeschwärztes Gemäuer und Tausende Blumen erinnern auf dem Maidan an die Opfer der Revoltuion. (Fotos: Krökel)

Die Maidan-Revolution brachte Timoschenko Ende Februar die Freiheit. Eine Weile zog sie sich danach zurück. Doch eine kurze Rückenbehandlung an der Berliner Charité-Klinik reichte nach der langen Haft offenkundig aus, um schnell wieder Energie zu tanken. Seither befindet sich Timoschenko im Kampfmodus. Sie werde die Oligarchie in der Ukraine zerstören, kündigte die Frau an, die in den 90er Jahren selbst auf zwielichtige Weise als „Gasprinzessin“ zu Reichtum gelangte.

„Die ukrainische Oligarchie ist ein System von Seilschaften zwischen der Wirtschaft und der Macht“, erklärt Timoschenko und attackiert damit auch ihren schärfsten Rivalen im Rennen um die Präsidentschaft. „Schokoladenkönig“ Petro Poroschenko führt derzeit alle Umfragen an. Der 48-Jährige ist als Hersteller von Süßwaren zu einem der reichsten Männer der Ukraine aufgestiegen. Die Wurzeln seiner Geschäfte reichen aber ebenfalls in die finsteren 90er Jahre zurück, als am Dniepr die Mafia das Geschehen bestimmte.

Poroschenko schlug sich nach der demokratischen Revolution in Orange 2004 auf die Seite der prowestlichen Regierungen, konkurrierte aber schon damals mit Timoschenko. 2005 war er Chef des Nationalen Sicherheitsrates, später ein Jahr lang Außenminister. Vor allem aber konzentrierte er sich auf sein Unternehmen. Er kaufte Medienkonzerne, darunter den TV-Sender „Kanal 5“, dessen Journalisten das korrupte Janukowitsch-Regime immer wieder offen kritisierten.

Die Maidan-Tanne auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz.

Die Maidan-Tanne auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz.

Als die Euro-Maidan-Revolution losbrach, war Poroschenko der wichtigste Finanzier der Bewegung und der „Kanal 5“ ihr wichtigstes Sprachrohr. Das sind Pfunde, mit denen der „Schokoladenkönig“ nun wuchern kann – zumindest im EU-freundlichen Westen des Landes. Poroschenko kommt in Umfragen derzeit auf 25 Prozent Zustimmung, weit vor Vitali Klitschko mit neun Prozent.

Dem Box-Weltmeister, der in der EU und vor allem in seiner Wahlheimat Deutschland viele Unterstützer hat, ist es mit seinen farblosen Auftritten auf dem Maidan nicht gelungen, die Masse der Bevölkerung zu erreichen. Doch das gilt derzeit auch für Timoschenko, die bei acht Prozent liegt und damit nur knapp vor dem Kandidaten der Partei der Regionen (PR), Sergei Tigipko.

Die PR war bis zum Februar die Hausmacht von Janukowitsch. Sie hat ihre Hochburgen im Osten der Ukraine und repräsentiert mindestens ein Drittel der Bürger. Bei einer Stichwahl um das Präsidentenamt könnte den einstigen Janukowitsch-Anhängern entscheidende Bedeutung zufallen. So gesehen ist das Rennen trotz Poroschenkos Vorsprung keineswegs gelaufen. Der Schriftsteller Juri Andruchowitsch sagte einmal über Timoschenko: „Sie ist eine Meisterin darin, Allianzen zu schmieden. Sie lebt im Kampf erst richtig auf.“

Erreicht die selbsternannte „Jeanne d’Arc der Ukraine“ die Stichwahl und gelingt es ihr, ein Bündnis mit Tigipko zu schmieden, hat sie durchaus Chancen, ihre politische Laufbahn zu krönen. Allerdings zählt auch der Multimilliardär Tigipko zum Kreis der Oligarchen, denen Timoschenko den Kampf angesagt hat. Das jedoch muss nichts heißen. Schon 2010 liebäugelten die beiden mit einem Bündnis gegen Janukowitsch, das am Ende nur knapp scheiterte.

Es gibt kaum einen Zweifel daran, dass Timoschenko sich nicht um ihr „Geschwätz von gestern“ scheren würde, wenn sich eine Machtperspektive auftäte. Auch mit Wladimir Putin, dem sie nun am liebsten „in den Kopf schießen“ würde, hat Timoschenko einst als Regierungschefin zusammengearbeitet, weil es ihr nutzte. Der Verdacht liegt deshalb nahe, dass Timoschenko mit ihren antirussischen Ausfällen vor allem Wahlkampf macht.

Tatsächlich dürften ihr die martialischen verbalen Angriffe auf Putin bei ultranationalistischen Westukrainern Pluspunkte einbringen. Deren Frontleute Oleh Tjahnibok und Dmitro Jarosch, die Chefs der rassistischen Swoboda-Partei und des neofaschistischen Rechten Sektors, liegen in Umfragen derzeit zwar bei nur rund einem Prozent. Experten schätzen das Wählerpotenzial der Nationalisten aber größer ein. Timoschenko sieht es offenkundig ähnlich.

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