Die Krim: Sehnsuchtsort für alle und niemanden

Der russisch-ukrainische Gebietsstreit um die Krim eskaliert immer stärker. Am 16. März sollen die Menschen auf der Schwarzmeer-Halbinsel über einen Anschluss an die Russländiische Föderation entscheiden. Die Geschichte der Krim erzählt dagegen von einem gelobten Land ohne nationale Zugehörigkeit.


Wem gehört die Krim? Die Frage, um die in diesen Tagen auf globaler Ebene ein Kalter Krieg tobt, ist völkerrechtlich und machtpolitisch einfacher zu beantworten als historisch. Das Recht spricht für die Ukraine, die Macht für Russland. Die Geschichte dagegen erzählt von einer multiethnischen Region, die keiner Nation und keinem Staat eindeutig zuzuordnen ist. Auf der Halbinsel im Schwarzen Meer (Karte) waren und sind mongolische Tataren, osmanische Türken, ukrainische Kosaken, russische Siedler und Soldaten heimisch.

"Niemand hilft Russland, außer uns selbst": Dieses zwölf Jahre alte Plakat steht symptomatisch für die russische Weltsicht in der Putin-Ära.

„Niemand hilft Russland, außer uns selbst“: Dieses zwölf Jahre alte Plakat steht symptomatisch für die russische Weltsicht in der Putin-Ära. (Fotos: Krökel)

„Gelobtes Land! Wie wunderbar ist dein Gesicht …“ So besang 1822 der russische Nationaldichter Alexander Puschkin die Krim, die ihn mit ihren paradiesischen Steilküsten des Südens in den Bann zog. Ein Sehnsuchtsort war die Halbinsel seit dem frühen Mittelalter allerdings vor allem für Krieger und Händler, die aus den Weiten Asiens nach Europa vordrangen. Die Steppenregion nördlich des Kaspischen Meeres, des Kaukasus und des Schwarzen Meeres war wie geschaffen für Reiterhorden und Karawanen.

Es waren die Mongolen Dschingis Khans und seiner Nachfolger, die im Mittelalter das Geschehen auf der Krim bestimmten. Die Steppenkrieger, die sich auch Tataren nannten, profitierten von einem reichen Handel, der über die nördliche Seidenstraße ans Schwarze Meer und von dort auf dem Seeweg weiter nach Italien, Griechenland, Ägypten und ins Reich der türkischen Osmanen führte. Im 15. Jahrhundert jedoch zerfiel die Herrschaft der Mongolen im Osten Europas. Bestehen blieb das Krim-Khanat, in dem tatarische Clanfürsten das Sagen hatten.

Puschkin beschrieb die Hauptstadt des Khanats, das sagenumwobene Bachtschisaraj, mit den Versen: „…dort, wo der Tatar, der Völker Geißel, nach den Kriegen – und räuberischen Beutezügen – in Wohlleben versunken war.“ Tatsächlich waren die Krimtataren bis ins 17. Jahrhundert hinein wirtschaftlich enorm erfolgreich. Der Osteuropa-Historiker Andreas Kappeler spricht zudem von einer „Blüte der tatarischen Kultur“.

Militärisch und machtpolitisch hatten die Tataren auf der isolierten Halbinsel ihren Nachbarn allerdings wenig entgegenzusetzen. Schon im 15. Jahrhundert eroberten die Osmanen die Krim und setzten dort eine indirekte Herrschaft und den Islam als Staatsreligion durch. Das türkische Protektorat blieb jedoch brüchig. Von Norden drangen im 17. Jahrhundert immer stärker ukrainische und russische Kosaken und später die Truppen der Zaren vor.

Ein Kosak mit einer Bandura, dem ukrainischen Nationalinstrument. (Foto: Krökel)

Ein Kosak mit einer Bandura, dem ukrainischen Nationalinstrument.

Die ukrainische Machtstellung in der Steppenregion erlitt auf Jahrhunderte hinaus einen schweren Rückschlag, als sich der Kosaken-Hetman Bogdan Chmelnizki 1654 Moskau unterwarf. Es war schließlich Zar Peter der Große, der an der Wende zum 18. Jahrhundert nicht nur das berühmte „Fenster nach Europa“ aufstieß, sondern auch Russlands Machtposition im Süden bis ans Asowsche Meer am Nordostufer der Krim ausweitete.

Noch einmal konnten die Osmanen zwar alte Positionen zurückerobern. Doch im russisch-türkischen Krieg von 1770-1774 setzte sich die Armee der Zarin Katharina der Großen auf breiter Front durch. Das Krim-Khanat fiel als Protektorat an Russland. 1783 annektierte Katharina die Halbinsel. Gegenüber den Tataren setzte die aufgeklärte Monarchin auf eine Politik der Toleranz. Sie versprach den neuen Staatsbürgern „heilig und unerschütterlich (…) Gleichheit mit unseren eingeborenen Untertanen (…) und ihre (muslimische) Religion zu bewahren.“

Katharinas „pragmatisch-flexible Politik hatte Erfolg“, urteilt Kappeler. Tatarische Aufstände gegen die Zarenherrschaft blieben aus. Im 19. Jahrhundert gelang es den Russen, die Nachfolger der Khane politisch zu entmachten und durch Neusiedler demographisch an den Rand zu drängen. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs waren die Krimtataren „drittrangige Untertanen der Zaren“ geworden, wie Kappeler schreibt. Die Halbinsel war 1914 russisch.

Krieg, Oktoberrevolution und Bürgerkrieg wirbelten die Lage auf der Krim dann allerdings erneut durcheinander. Die Tataren riefen im Winter 1917/18 eine unabhängige Volksrepublik aus. Im folgenden Bürgerkrieg hielten zunächst die antibolschewistischen Weißen Garden die Halbinsel besetzt, bis die Rote Armee 1920/21 die kommunistische Herrschaft durchsetzte. Lenin machte die Krim zu einer Autonomen Sowjetrepublik (ASSR), die von der ukrainischen SSR auf dem Festland getrennt blieb.

Die relative Toleranz der frühen Sowjetzeit fand im Zweiten Weltkrieg ein jähes Ende. Die Tataren machten teilweise mit den deutschen Besatzern gemeinsame Sache. Stalin nutzte dies als Vorwand, um die Minderheit nach der Rückeroberung in einer gnadenlosen Gewaltaktion nach Zentralasien deportieren zu lassen. Zurück blieben eine russische Mehrheit und eine ukrainische Minderheit.

Kaum weniger entschlossen als Stalin agierte 1954 dessen Nachfolger Nikita Chruschtschow. Zum 300. Jahrestag der Unterwerfung des Kosakenführers Chmelnizki schlug er die Krim kurzerhand seiner ukrainischen Heimat zu – und schuf damit jene Situation, die zur Krise der Gegenwart führte. Als die Sowjetunion zerfiel, blieb die Halbinsel als Autonome Republik Teil des neuen ukrainischen Staates. Die Tataren durften nach 1988 zurückkehren. Zugleich aber blieb die russische Schwarzmeerflotte mit territorialen Sonderrechten auf der Krim stationiert.

Am 16. März sollen die Bewohner über die Zukunft der Halbinsel abstimmen. Ein freies Votum wird es kaum geben. Zu groß ist der russische Druck. Und so werden sich viele Menschen in der Region auch künftig mit einem geflügelten behelfen, das am Nordrand des Schwarzen Meer verbreitet ist. „Die Krim“, so heißt es, „gehört allen und niemandem“.

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