Rätsel um Maidan-Scharfschützen: Wer bestellte die Auftragskiller?

Ein illegaler Telefonmitschnitt weist auf eine mögliche Verstrickung der Opposition in die Scharfschützen-Morde auf dem Maidan im Februar hin. Eine Ärztin mit untadeligem Ruf behauptet demnach, die Sniper hätten wahllos auf Polizisten und Revolutionäre gleichermaßen geschossen. Eine Spur könnte auch nach Russland führen.

)
Die Bilder zeigen die hässlichste Seite der ukrainischen Revolution: blutende Körper, notdürftig bedeckte Leichen, prügelnde Polizisten, in Panik flüchtende Menschen. Im Hintergrund sind die eher emotionslosen Stimmen der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton und des estnischen Außenminister Urmas Paet zu hören. Dann sagt Paet den Satz, der die politische Szene in Kiew seit Mittwoch in Aufruhr versetzt: „Verstörend ist (…), dass die gleichen Scharfschützen Menschen auf beiden Seiten (der Barrikaden) getötet haben sollen.“

Nach der Schlacht: Rußgeschwärztes Gemäuer und Tausende Blumen erinnern auf dem Maidan an die Opfer der Revoltuion. (Foto: Krökel)

Nach der Schlacht: Rußgeschwärztes Gemäuer und Tausende Blumen erinnern auf dem Maidan an die Opfer der Revoltuion. (Foto: Krökel)

Haben die Sniper, die Ende Februar in die protestierende Menschenmenge auf dem Maidan feuerten, womöglich nicht im Auftrag des abgesetzten Präsidenten Viktor Janukowitsch, sondern auf Befehl der Opposition gehandelt? Dieser ungeheuerliche Verdacht steht im Raum, seit Unbekannte auf der Internet-Plattform YouTube ein Video veröffentlicht haben, das einen illegalen Mitschnitt des Ashton-Paet-Telefonats mit Bildern der Maidan-Morde unterlegt. Nach offiziellen Angaben vom Donnerstag starben bei den Schusswechseln am 18. bis 20. Februar 100 Menschen.

Die estnische Botschaft in Kiew hat die Echtheit des gehackten Gesprächs inzwischen bestätigt. Die YouTube-Veröffentlichung ist als „Leak“ des ukrainischen Geheimdienstes SBU gekennzeichnet. Der estnische Botschafter Sulev Kannike machte dagegen im Gespräch mit der Online-Zeitung „Kyiv Post“ Russland für den Lauschangriff verantwortlich. Unstrittig ist, dass der Verdacht die ukrainische Interimsregierung bei der Bevölkerung dramatisch in Misskredit bringen könnte. Dies würde zweifellos dem Kreml in die Hände spielen. Paet bestritt deshalb vehement, er mache die siegreiche Opposition für den Massenmord auf dem Maidan verantwortlich. Er habe nur Hörensagen wiedergegeben.

Dieses Hörensagen aber hat es in sich. Paet gibt in dem Telefonat Einschätzungen der Kiewer Ärztin Olga Bogomolets wider, die im Februar auf dem Maidan unter Einsatz ihres Lebens Verletzte behandelt hat. Sie gilt als unbestechlich. So lehnte sie ein Angebot der Opposition ab, ein Ministeramt in der Übergangsregierung zu übernehmen. Begründung: Es gebe zu viele Männer und Frauen in deren Reihen, „die eine schmutzige Vergangenheit haben (wie die Janukowitsch-Leute auch)“.

Bogomolets, so teilt Paet mit, fand in den Körpern von erschossenen Demonstranten und getöteten Polizisten der berüchtigten Sondereinheit Berkut die gleiche Munition. „Sie hat mir Fotos gezeigt und könne als Ärztin nur sagen, dass die Morde (auf beiden Seiten) dieselbe Handschrift tragen“, berichtet der estnische Minister über ein Treffen mit Bogomolets. Weiter sagt Paet unter Berufung auf die Kiewer Ärztin zu Ashton: „Es ist im höchsten Maße verstörend, dass die neue Regierung nicht untersuchen lassen will, was (auf dem Maidan) wirklich passiert ist. Es wird immer wahrscheinlicher, dass hinter den Scharfschützen nicht Janukowitsch stand, sondern jemand von der neuen Koalition.“

Natalia Lysowa, eine Sprecherin der Vaterlandspartei von Julia Timoschenko, der auch Interimspräsident Olexandr Turtschinow und Übergangspremier Arseni Jazenjuk angehören, wies die Vorwürfe vehement zurück. „Das ist völliger Unsinn“, erklärte Lysowa. Die Generalstaatsanwaltschaft veröffentlichte am Donnerstag eine Liste mit 24 flüchtigen Personen des Janukowitsch-Regimes, die sie für den Massenmord verantwortlich macht. Sie wird von dem abgesetzten Präsidenten angeführt. Der neue Innenminister Arseni Awakow lancierte unterdessen den Verdacht, dass eine dritte Partei, unabhängig von Janukowitsch und der Opposition, die Scharfschützen in Stellung gebracht haben könnte. Dass er damit Russland meinte, blieb zwar unausgesprochen, war aber offenkundig.

Die Fakten sprechen eine irritierende Sprache. Der Befund, dass die Opfer auf beiden Seiten der Barrikaden mit der gleichen gängigen Munition getötet wurden, ist nicht überraschend. Die Revolutionäre hatten sich im Laufe der Kämpfe die Waffen Dutzender Berkut-Polizisten angeeignet. Sollte Bogomolets jedoch mit der These recht haben, dass die Scharfschützen sowohl Sonderpolizisten als auch (deutlich mehr) Maidan-Revolutionäre ermordeten, lässt dies zumindest auf eine abgrundtiefe Skrupellosigkeit der Täter schließen.

Die zentrale Frage in Ermittlungen dieser Art wird üblicherweise lateinisch gestellt: „Cui bono?“ Wem nützt es? Im Nachhinein muss die Antwort bei den Maidan-Morden lauten: der Opposition. Aber war das abzusehen, als die Sniper begannen, in die Menge zu schießen? Kaum. Derzeit lässt sich deshalb nicht sagen, wer die Täter waren und auf wessen Befehl sie handelten. Angesichts der zugespitzten Lage in der Ukraine ist es wenig wahrscheinlich, dass die Vorgänge jemals zweifelsfrei aufgeklärt werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.