Wir fahr’n nach Lottsch!

Der russische Dichter Wenedikt Jerofejew hat seine legendäre Roman-Groteske „Moskau-Petuschki“ mit den ebenso legendären Sätzen begonnen: „Alle sagen: der Kreml, der Kreml. Alle haben mir von ihm erzählt, aber selbst habe ich ihn kein einziges Mal gesehen.“ Mein Kreml ist das polnische Łódź.

Moskau-Petuschki: Auf dem Weg... (Foto: Krökel)

Moskau-Petuschki: Auf dem Weg… (Foto: Krökel)

Eigentlich müsste man bei „Moskau-Petuschki“ von einem Roman-Delirium sprechen. Der Reisende ist hochprozentig alkoholisiert. Von der Sphinx bis zu Louis Aragon taucht im Zug alles auf, was es gibt – oder eben auch nicht. Vielleicht gibt es nicht einmal den Zug. Genauso verhält es sich mit dem Kreml und dem Fabelort Petuschki. Am Ende kann man nie wissen, was existiert.

Mein Kreml beziehungsweise mein polnisches Petuschki ist die Stadt Lodz, die sich korrekt Łódź schreibt. Das kann man aber kaum einem Deutschen zumuten. Erst recht nicht, wenn man weiß, dass Łódź – grob gesagt – wie „Wutsch“ ausgesprochen wird. Dabei ist das „W“ ein englisches „W“ wie in „Wood“. Das „Sch“ unterliegt einer Palatalisierung.

Palatalisierung. So formulieren es die Sprachwissenschaftler, die offenbar auch nicht weiter wissen. Da lobe ich mir noch nach vier Jahrzehnten Vicky Leandros, die 1974 „Theo, wir fahr’n nach Lodz“ sang und dabei ihr „Lottsch“ so richtig mit deutschem Schmackes schmetterte. Obwohl sie ja Griechin ist und auch noch Sätze singt wie diese:

„Gott verlass’nes Dorf, nur Heu und Torf
Stets der gleiche Trott, nur Hü und Hott
Im Stall die Kuh macht muh, die Hähne krähen dazu
Das hält keiner aus, ich will hier raus.”

Tja, ich verstehe die Vicky, dass sie da raus will. Andererseits: Leandros war nie in Łódź, wie sie zu ihrem 60. bekannte, und das ist vermutlich eines der ganz wenigen Dinge, die uns verbindet. Mir geht es mit Łódź wie dem Petuschki-Reisenden mit dem Kreml. Tausendmal gehört, tausendmal vorbeigefahren. Aber gibt es den Ort?

Dabei war Łódź einmal die polnische Industrie- und Textilmetropole schlechthin. So sagt man. Ist aber lange her. Es gibt noch die Filmhochschule, an der Roman Polanski studierte. So heißt es. Weiß man’s? Für die Annahme spricht, dass es Leute gibt, die sich nicht zu schade sind, von „HollyŁódź“ zu sprechen. Hollywutsch! Womit wir wieder beim englischen „W“ in „Wood“ wären.

Es gibt auch noch den Fußballverein Widzew Łódź, der in den frühen 80er Jahren eine große Nummer war. Gewesen sein soll. 1983, Europapokal der Landesmeister, Halbfinale gegen Juventus Turin. Dann war Schluss. „Juve“ verlor im Endspiel gegen den Hamburger SV. Aber der HSV ist inzwischen ebenso in der Versenkung verschwunden wie Widzew. Gibt es den HSV?

Ich verstehe mich selbst nicht, warum ich nicht nach Łódź komme. Es sind nur gut 100 Kilometer von Warschau aus. Beste Autobahnverbindung. Immerhin bleibt die Stadt ein Ziel für mich. Ein Ziel ist etwas Handfestes. Es existiert sicher. So sicher, wie der Kreml in Moskau steht. Muh!

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