Jahresrückblick: Die Mühen der Ebene

„It’s a hard act to follow“, sagen die Angelsachsen. Es ist schwierig, einem starken Vorgänger nachzufolgen. Man kann das auch auf die Jahre anwenden. Was zum Beispiel hätte nach 1989 und 1990 mit Revolution und Wiedervereinigung folgen sollen – außer einer historischen Katerstimmung? 2013 war in Polen so ein Fall.

Die Krise erfasste 2013 Polen: Zugemauerter Tankstellen-Shop am Rande von Warschau. (Foto: Krökel)

Die Krise erfasste 2013 Polen – nicht heftig, aber sichtbar: Zugemauerter Tankstellen-Shop am Rande von Warschau. (Fotos: Krökel)

In Polen jagte seit dem 10. April 2010 ein Großereignis das nächste. Damals stürzte die Präsidentenmaschine mit Lech Kaczynski an Brod ab. Es folgten Trauer und Streit, Wahlen und wieder Wahlen. 2011 gelang es Donald Tusk als erstem Premier nach dem Ende des Kommunismus, im Amt bestätigt zu werden. Er kündigte die baldige Euro-Einführung an. Polen hatte erstmals die EU-Ratspräsidentschaft inne. 2012 war Euro dann das Synonym für die Fußball-EM im Land. Was für eine Zeit!

Für das Jahr 2013 war es ein „hard act to follow“. Es war in Polen eine eher triste Zeit mit einer schwelenden Wirtschaftskrise. Die Weltklimakonferenz im November war das Großereignis des Jahres. Sie scheiterte. Aber 2013 hatte durchaus auch schöne, bewegende, eindrückliche und skurrile Momente. Vieles hängt bekanntlich vom Auge des Betrachters ab…

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Passanten in Warschau wärmen sich an einem Koksownik, einem gusseisernen Kohlekorb, wie er aus der Zeit der Kriegsrechtswinters 1981/82 bekannt ist.

Lähmende Kälte:
Der Winter in Polen ist 2013 historisch kalt, lang und schneereich. Erst nach Ostern tauen die weißen Massen. Die Kälte lähmt die Wirtschaft, die ohnehin schwächelt. Nach dem Bauboom zur Fußball-Europameisterschaft bricht eine Pleitewelle los. Die Arbeitslosigkeit steigt auf mehr als 13 Prozent. Das ist der höchste Wert seit 2006.
Die Krise erfasst Polen erstmals nach einem fast zehnjährigen Dauerboom. Sie schwelt das ganze Jahr über weiter. Ein mageres Prozent Wachstum dürfte unter dem Strich stehen. Premier Tusk reagiert, indem er seine Euro-Pläne einkassiert. Im November bildet er sein Kabinett um. Neuer Star soll der erst 38 Jahre alte Finanzminister Mateusz Szczurek werden. Ein Wunderkind als Retter? 2014 wird es sich erweisen.

Krystyna Budnicka (Foto: Krökel).

Krystyna Budnicka

Mütter und Väter:
Im Frühjahr holt einmal mehr die Geschichte Polen und Deutsche ein. Das ZDF strahlt den Weltkriegs-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ aus. Die deutsche Kritik feiert das Werk. In Polen herrscht blankes Entsetzen. Die Filmemacher stellen die Partisanen der polnischen Heimatarmee AK pauschal als Judenhasser dar. Richtig ist: Es gab in der AK Antisemiten. Darüber debattiert Polen seit Langem. Wichtiger ist: Ein deutscher Film ist nicht der Ort, diesen Streit mit historischen Verdrehungen zu befeuern.
Doch es gibt mit Blick auf die Geschichte 2013 auch Bewegendes zu berichten. Zum 70. Jahrestag des Warschauer Ghetto-Aufstandes öffnet im April ein Museum der jüdischen Geschichte seine Pforten. Ich treffe die 81-jährige Krystyna Budnicka, die als Kind das Grauen des Holocaust überlebt hat. Sie sagt: „Rachedurst führt immer ins Nichts.“

Pilger ziehen in das Dorf Sankt Anna ein, 30 Kilometer östlich von Tschenstochau. (Fotos: Krökel)

Pilger ziehen in das Dorf Sankt Anna ein, 30 Kilometer östlich von Tschenstochau.

Von Woodstock zur Schwarzen Madonna:
An Rache denkt in Woodstock an der Oder niemand. Dort will man fröhlich, mitunter allzu fröhlich feiern. Das polnische Woodstock heißt eigentlich Kostrzyn (Küstrin) und ist ein kleiner Ort, der einmal im Jahr das größte Umsonst-Musikfestival Europas beherbergt. Ich bin im Sommer 2013 erstmals zu Gast an der „Haltestelle Woodstock“. Was ich sehe und vor allem höre, ist eine halbe Million junger Leute, die zur Rockmusik ausflippen, sich im Schlamm suhlen oder ins Drogenkoma trinken und rauchen. Es ist nicht die schönste, aber eine der eindrücklichsten Recherchen des Jahres.
Zu Mariä Himmelfahrt am 15. August pilgere ich mit einer Warschauer Gruppe nach Tschenstochau, zur Ikone der Schwarzen Madonna. Auch dort kommen Hunderttausende vor allem junge Leute zusammen und feiern – allerdings ihren katholischen Glauben. Die einzige Droge könnte das Weihwasser sein, das die Priester reichlich versprühen. Ich stelle immer wieder die Frage: „Warum pilgern Menschen?“ Eine mögliche Antwort: Sie sind auf der Suche nach dem verlorenen Glauben. Selbst im katholischen Polen.

Lech Walesa beim Gipfel der Friedensnobelpreisträger. (Foto: Krökel)

Lech Walesa beim Gipfel der Friedensnobelpreisträger.

Der Herbst des Lech Walesa:
Lech Walesas berühmt-berüchtigte Sprüche prägen auch dieses polnische Jahr. Ende September feiert der Freiheitskämpfer von einst seinen 70. Geburtstag. Im Februar wettert er aber erst einmal gegen Homosexuelle. Schwule Parlamentarier würde er im Sejm am liebsten „hinter eine Mauer verbannen“. Walesa bekommt viel Kontra und wird als Faschist beschimpft.
Gegenwind spürt Walesa seit einiger Zeit auch von seiner Frau Danuta, die ich im September zum Interview treffe. Ihr Mann rebelliere immer wieder dagegen, dass sie sich emanzipiere. „Aber, so leid es mir tut: Er muss das akzeptieren.“ Gar so weit ist es mit Pani Danutas Emanzipation allerdings nicht her. Über Angela Merkel sagt die Mutter von acht Kindern: „Die Kanzlerin ist keine richtige Frau. Sie trägt Hosen.“ Das Ehepaar Walesa ist in der Liebe zur Provokation vereint.

"Jetzt handeln!" Demonstration von Klimaschützern in Warschau. (Fotos: Krökel)

„Jetzt handeln!“ Demonstration von Klimaschützern in Warschau.

Der Gipfel des Scheiterns:
Im Oktober richtet Walesa einen Gipfel der Friedensnobelpreisträger aus. 30 Jahre ist es her, dass der Solidarnosc-Führer selbst den Preis bekam. Doch Walesas wichtigster Gast, Michail Gorbatschow, kommt nicht. Es ist eine herbe Enttäuschung. Immerhin sagt Walesa diesmal richtige Sätze: „Der Kommunismus ist gescheitert, aber auch der Kapitalismus ist keine Lösung. Die Macht des Mammons bedroht uns.“
Im November kommen 10.000 Delegierte aus aller Welt zum UN-Klimagipfel nach Warschau. Zur Eröffnung bricht der philippinische Vertreter Yeb Sano in Tränen aus. Kurz zuvor hat der Taifun „Haiyan“ seine Heimat verwüstet. Tausende Menschen sterben. Sano tritt in einen Hungerstreik, um effektive Ergebnisse im Kampf gegen den Klimawandel zu erzwingen. „Wir müssen diesen Wahnsinn stoppen“, sagt er. Nach zwei Wochen Verhandlungen ist der Gipfel im Tal angelangt. Er endet ohne konkrete Ergebnisse wie. In Polen beginnt die Zeit des Wintersmogs. Es sind trübe Aussichten.

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