Zurück auf der Straße

In der Ukraine ist ein Misstrauensvotum gegen das Janukowitsch-Regime gescheitert. Nun verlagert sich der Protest wieder auf die Straße. Ein Mann geht dabei voran: Boxweltmeister Vitali Klitschko kämpft mit Herz und Verstand für die Demokratie in der Ukraine.

Sylvester Stalloner als Rocky Balboa (Screenshot YouTube).

Sylvester Stallone als Rocky Balboa (Screenshots YouTube/3).

Ein Boxweltmeister, noch dazu im Schwergewicht, müsste einen kräftigen Händedruck haben. So denkt man sich das. Bei Vitali Klitschko ist es anders. Seine Begrüßung ist schüchtern, fast weich. Er nimmt sich zurück. Dieser zwei Meter große Koloss könnte mit Macht zupacken. Daran gibt es beim Blick in die dunklen Augen keinen Zweifel. Klitschko fixiert sein Gegenüber. Er hält jedem Blick Stand, ohne mit einer Wimper zu zucken. Mit der Hand jedoch sagt er: „Ich könnte dir weh tun, aber ich will nicht. Ich bin auf deiner Seite.“ Diese Menschlichkeit des Kriegers  ist überraschend, fast verstörend. Und schön ist sie auch.

Es ist kein Zufall, dass Sportreporter Klitschko den Beinamen „Dr. Eisenfaust“ gegeben haben. Er ist ein Doktor, ein Denker – und zugleich ein Kraftpaket. Genau darin liegen Chance und Risiko zugleich: für Klitschko, für sein Heimatland Ukraine und möglicherweise für ganz Osteuropa. Vitali Klitschko ist ein Kämpfer mit Herz und Verstand. Die Gefahr dabei ist offensichtlich. Ein skrupelloser Schläger könnte ihn ausknocken, weil Klitschko im entscheidenden Augenblick zu viel denkt oder zu stark fühlt.

Im Ring ist ihm das selten passiert. Klitschko versteht sein Handwerk. Umso mehr darf man auf einen solchen Mann hoffen, selbst in diesen nasskalten und finsteren Tagen der ukrainischen Revolution. Ist es eine Revolution? Seit zwei Wochen demonstrieren in Kiew und vielen anderen Städten des Landes Zehntausende Menschen für eine Annäherung der Ukraine an die EU. Der autoritär regierende Präsident Viktor Janukowitsch hatte es nach einer spektakulären Kehrtwende abgelehnt, ein Assoziierungsabkommen mit der EU zu unterzeichnen. Er setzt nun auf eine „Rückkehr nach Russland“.

Ungerührt von den Protesten, brach Janukowitsch am Dienstag zu einer mehrtägigen Reise nach China auf. Gleich im Anschluss spricht er in Moskau vor. Dort lockt und droht Kremlchef Wladimir Putin, der eine Westwendung der Ukraine um nahezu jeden Preis verhindern möchte. Die Stirn bieten können Putin und Janukowitsch vermutlich nur zwei Menschen: Julia Timoschenko und Vitali Klitschko.

Timoschenko sitzt bekanntlich im Gefängnis. Doch selbst von dort kann sie noch den Aufmarsch der Janukowitsch-Gegner steuern. Zu Wochenbeginn ließ rief sie ihre Landsleute über ihre Tochter Jewgenija erneut zum Kampf auf: „Ich bin mit ganzem Herzen bei euch auf den Plätzen, ich bin stolz auf euch und euren Freiheitskampf.“

Timoschenkos Wort hat Gewicht. Im politischen Ring handeln kann sie derzeit allerdings nicht. Agieren kann in den Reihen der Opposition vor allem Klitschko. Er tut viel dafür, die Reihen der Janukowitsch-Gegner zu schließen. Nicht alles gelingt. Am Dienstag stellte die Fraktion seiner proeuropäischen Partei Udar (Schlag) in der Rada, dem Parlament in Kiew, einen Misstrauensantrag gegen die Regierung des Janukowitsch-Vertrauten Mykola Asarow – und scheiterte.

Zurück auf der Straße.

Zurück auf der Straße.

Es war eine klare Niederlage, die angesichts der Mehrheitsverhältnisse aber abzusehen war. Damit verlagert sich nun der Kampf wieder auf die Straße. Das ist der Ort, an dem ein Boxer seine volle Stärke zeigen kann. „Back on the street – zurück auf der Straße“, heißt es nicht von ungefähr in der Filmmusik zu dem Hollywood-Klassiker „Rocky“. Nun ist es an Klitschko, einen Kampf zu bestehen, von dem er im persönlichen Gespräch sagt: „Es wird ein schmutziger Fight. Sie werden unter die Gürtellinie schlagen. Kein Fairplay.“

Das klingt realistisch und ein wenig ängstlich zugleich. Es ist eine ähnliche Botschaft, wie sie vom Handschlag des „Dr. Eisenfaust“ ausgeht. Kontrolliert. Vielleicht kann ein guter Boxer nur so gewinnen. Was ihm droht, weiß Klitschko nur zu gut. Soeben hat die Janukowitsch-Mehrheit im Parlament ein Gesetz verabschiedet, dass Klitschkos Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl 2015 gefährden könnte. Zur Wahl antreten darf demnach nur, wer seit mindestens zehn Jahren in der Ukraine Steuern zahlt. Der Weltstar Klitschko zahlt in Hamburg, wo sein Boxstall beheimatet ist.

Im Augenblick sind das allerdings lediglich taktische Manöver. Wirksam werden sie nur, wenn Janukowitsch bis 2015 durchhält. In Brüssel, Paris, Washington und Berlin geht man davon aus. In Moskau selbstverständlich auch. In Hintergrundgesprächen mit Diplomaten und Regierungsvertretern ist nichts von der Aggressivität und vom Offensivgeist der Ära der US-Präsidenten George W. Bush zu spüren. Zu dessen Zeit taten die Falken im Weißen Haus fast alles, um postsowjetische Republiken wie Georgien oder eben die Ukraine möglichst schnell und fest im westlichen Bündnis zu verankern.

Das Herz eines Boxers: Rocky Balboa.

Das Herz eines Boxers: Rocky Balboa.

Sie scheiterten. Auf der Zielgeraden der Bush-Zeit überrollten russische Panzer im Sommer 2008 Georgien. Dieses Zeichen Moskauer Stärke haben die EU-Europäer vermutlich noch im Sinn, wenn sie in diesen Tagen auf die Ukraine blicken. Furcht prägt das Brüsseler Handeln. Es gibt niemanden, der sich mutig an Klitschkos Seite stellt. Also muss der Boxer allein kämpfen. Warum er das tut? „Ich will in einem demokratischen Land leben“, sagt Klitschko im Gespräch. Man wünscht ihm dann, dass er im entscheidenden Augenblick zupackt, statt auf die Hand eines Schwächeren Rücksicht zu nehmen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.