Die Rückkehr der Revolution

Eine Welle von Massenprotesten erschüttert die Ukraine. Zehntausende Demonstranten machen für eine Annäherung an die EU mobil, die Präsident Viktor Janukowitsch ausgesetzt hat. Die Polizei greift zu Gewalt. Erinnerungen an die Revolution in Orange vor genau neun Jahren werden wach.

Die Roten marschieren noch immer: 1. Mai 2013 auf dem Majdan in Kiew. (Foto: Krökel)

Blick auf den Maidan, den Unabhängigkeitsplatz in Kiew – hier am 1. Mai 2013. (Foto: Krökel)

Die Ukrainer nennen den Unabhängigkeitsplatz im Herzen von Kiew kurz Maidan – den Platz. Seit neun Jahren hat das Wort jedoch eine weitere Bedeutung. Im November 2004 strömten Hunderttausende Menschen auf den Maidan, um gegen Fälschungen bei der Präsidentenwahl zu protestieren. Sie errichteten eine Zeltstadt und entfesselten eine Revolution, die im Zeichen der Farbe Orange stand. Das Ziel waren demokratische Reformen und eine Annäherung an die westliche Welt. Die Wortführerin hieß Julia Timoschenko. Ihr Gegner war der Wahlfälscher Viktor Janukowitsch.

Der Gang der Geschichte ist bekannt. Die Revolutionäre triumphierten, aber Timoschenko verspielte den Sieg aus persönlichem Ehrgeiz. Janukowitsch eroberte 2010 die Macht zurück und ließ Timoschenko ins Gefängnis werfen. Den Geist der freiheitlichen Revolte konnte der autoritäre Präsident allerdings nicht wieder einsperren. Für diesen Geist steht seit 2004 das Wort Maidan. Es bezeichnet den demokratischen Dauerprotest an einem festen Ort, auf einem Platz. Ein Maidan ist damit die potenzielle Keimzelle einer Revolution.

Seit dem vergangenen Donnerstag ist das Wort in der Ukraine wieder in aller Munde, und mit dem Begriff ist auch die revolutionäre Stimmung zurückgekehrt. In Kiew und vielen anderen Städten des Landes versammeln sich die Menschen. Ihre Farbe ist diesmal nicht Orange, sondern das mit goldenen Sternen geschmückte Blau der Europäischen Union, das der blau-gelben ukrainischen Nationalflagge so ähnlich ist. „Euro-Maidan“, lautet die Losung zwischen Lemberg im Westen und Odessa im Südosten. „Wir wollen nicht nach Europa. Wir sind Europa!“, steht auf den Transparenten der Demonstranten.

Oppositionsführer wie der Boxweltmeister Vitali Klitschko sagen der Regierung den Kampf an: „Wir werden Druck machen. Wir werden alles tun, damit die Ukraine das Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnet. So lange bleiben wir hier.“ Auf dem Euro-Maidan. Um Europa geht es bei den auflodernden Protesten. Janukowitsch hat den ausgehandelten Vertrag mit der EU platzen lassen – auf russischen Druck hin und weil Brüssel Timoschenkos Freilassung forderte. Beides wollte Janukowitsch vermeiden. Er brach sein dutzendfach gegebenes Wort. Zeitungen schrieben von einem „schwarzen Donnerstag“. Seither brodelt es in der Ukraine.

Der ukrainische Ministerpräsident Mykola Asarow im Interview (Foto: Ukrainische Regierung)

Der ukrainische Ministerpräsident Mykola Asarow im Interview (Foto: Ukrainische Regierung)

Am Sonntag strömten bis zu 100.000 Menschen in Kiew zum Euro-Maidan, zunächst auf den Unabhängigkeitsplatz, später auf den nahen Europaplatz. Schließlich zogen die  Demonstranten vor den Regierungssitz und lieferten sich Scharmützel mit schwer bewaffneten Sicherheitskräften. Die Polizei griff mit Tränengas an und prügelte mit Schlagstöcken auf die Protestierer ein. Premier Mykola Asarow, ein enger Vertrauter von Janukowitsch und der Vollstrecker seiner Politik, kündigte drohend an: „Die Regierung hat keine Angst. Es wird keine zweite Revolution in der Ukraine geben.“

Allzu sicher sein sollte er sich nicht. Die Empörung im Land über die „Rückkehr nach Russland“, von der Asarow spricht, ist groß. Sängerin Ruslana, die im Revolutionsjahr 2004 den Eurovision Song Contest gewonnen hatte, rief ihre Fans im Internet auf, sich dem Euro-Maidan anzuschließen. „Wenn der russische Präsident Wladimir Putin die Ukraine für sich gewinnt, verlieren wir alles“, schrieb sie. Längst gibt es bei Twitter und Facebook einen Hashtag „euroMaidan“. Über dieses Schlagwort vernetzen sich die Revolutionäre.

Am Montag setzten in Kiew zunächst rund 1000 Menschen den Euro-Maidan fort. Sie haben trotz strömenden Regens wie 2004 Zelte errichtet und wollen zumindest bis zum Vilnius-Gipfel am Donnerstag und Freitag in der Novemberkälte ausharren. Polizisten der berüchtigten Sondereinheit Berkut bilden die martialische Kulisse. Alle tragen Helme, Knüppel, schwere Stiefel und Westen. Andere haben Gasmasken aufgezogen und sehen aus wie „Darth Vader“, der im Science Fction-Klassiker „Krieg der Sterne die dunkle Seite der Macht verkörpert. Schon am Vormittag schlagen sie wieder auf einige Demonstranten ein, die auf den Regierungssitz vorrücken. Für den Abend hatte die Opposition zu erneuten Massenprotesten aufgerufen.

Klitschko und die anderen Oppositionsführer wollen am Donnerstag zum Gipfel nach Vilnius reisen. Ob Janukowitsch kommt und sich dem Kreuzfeuer der EU-Staats- und Regierungschefs stellt, ist noch offen. Klar ist dagegen, dass auf Seiten der Opposition im Hintergrund weiter Timoschenko die Fäden zieht. Sie war es, die aus dem Gefängnis heraus zur Revolte aufrief: „Ich bitte alle, die fähig sind zu kämpfen, Widerstand zu leisten. Und das muss jetzt geschehen, sonst wird es zu spät sein“, forderte sie, noch bevor Janukowitsch das EU-Abkommen aufgekündigt hatte.

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