Der Gipfel des Absurden

Der Weltklimagipfel in Warschau hat äußerst magere Ergebnisse produziert. Der Fahrplan bis zur entscheidenden UN-Konferenz in Paris 2015 bleibt vage. Wer wann welche Enschädigungen für die Folgen des Klimawandels zahlen soll, ist weiterhin unklar. Eine Analyse.

Die Zeit läuft ab: Protest von Klimaschützern am Rande des Warschauer Gipfels. (Foto: Krökel)

Die Zeit läuft ab: Protest von Klimaschützern am Rande des Warschauer Gipfels. (Foto: Krökel)

Vom „Genius loci“ sprachen einst die Römer, vom Geist, den ein Ort verströmt. Warschau verströmte zum Abschluss des Weltklimagipfels vor allem Kohledunst. Zäher Novembersmog hing über der Stadt. Sähe die polnische Regierung darin ein Problem, hätte der Smog die UN-Konferenz als mahnender Ortsgeist prägen können. Das Gegenteil war der Fall: Die Gastgeber traten nicht nur in den Verhandlungen auf die Bremse. Sie veranstalteten wie zum Hohn einen Gegengipfel der Kohleindustrie.

Polen erzeugt 90 Prozent seines Stroms aus heimischer Kohle, und so soll es bleiben. Das betonte die Regierung vor und während der Klimakonferenz immer wieder. Es war deshalb von Anfang an eine Farce, diesen UN-Gipfel in Warschau abzuhalten. Andererseits hat das kläglich gescheiterte Treffen 2009 in der sauberen Meeresluft von Kopenhagen gezeigt, dass es noch andere, wichtigere Gründe geben muss, warum Klimakonferenzen immer wieder scheitern. Daran kann auch 2013 in Warschau kein Zweifel bestehen: Der Gipfel ist trotz gewisser Last-Minute-Kompromisse gescheitert.

Die gefundenen Lösungen, die diesen Namen nicht verdienen, sind kaum mehr als ein Feigenblatt für den Fehlschlag. Die Umweltorganisationen erkannten das früh und verließen die Verhandlungen vorzeitig: ein ebenso richtiges wie hilfloses Zeichen. Den Gipfel des Absurden bildet die Einigung auf einen sogenannten Warschau-Mechanismus, über den die größten CO2-Sünder künftig die Entwicklungsländer für die Folgen des Klimawandels entschädigen sollen. Warschau-Mechanismus klingt gewaltig, ist aber leider eine Worthülse. Wie das Ganze funktionieren soll, weiß niemand. Beschlossen wurde genau: nichts. Wiedervorlage 2016.

Die Gründe dafür sind so offensichtlich wie verheerend. Grob gesagt gibt es drei Parteien im Klimastreit. Da sind die Industriestaaten. Sie haben die Welt in den zurückliegenden Jahrzehnten verdreckt und sind dabei reich geworden. Die USA gehören dazu, Japan, Australien, auch Deutschland. Nun sollen sie zahlen, womöglich auf Wohlstand verzichten. Das wollen sie nicht, und das wollen auch ihre Bürger nicht – also wir selbst.

Erst recht gilt das in Zeiten der Wirtschafts- und  Finanzkrise. Japaner, Kanadier und Australier schrauben ihre Klimaziele zurück. Die Deutschen haben es klug verstanden, sich als Energiewende-Helden zu positionieren. Zugleich haben sie ihre CO2-Emissionen wieder gesteigert. Vollends Schluss mit Umwelt ist, wenn die eigene Autoindustrie betroffen ist.

Die zweite Gruppe bilden die großen Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien. Sie streben mit aller Macht dorthin, wo die Industriestaaten bereits sind. Sie wollen den gleichen Reichtum. Um dies zu erreichen, verpesten sie die Luft (China, Indien) und holzen den Regenwald ab (Brasilien). Bei genauem Hinsehen gehört auch Polen in diese Kategorie. Verdenken kann man den Nachzüglern ihren Wachstumseifer kaum – jedenfalls nicht aus der satten Position der Industriestaaten heraus.

Gruppe drei sind die Entwicklungsländer. Sie sind die Betrogenen. Ihre Volkswirtschaften haben nicht die Kraft, einen Aufholprozess unter Einsatz aller dreckigen Mittel zu starten. Stattdessen tragen sie die Lasten, die Verluste und Schäden. Sie wären als Erste vom prognostizierten Weltuntergang betroffen. Der Anstieg des Meeresspiegels wird Bangladesch schnell unter Wasser setzen. Wehren können sich die Machtlosen dagegen nicht, auch bei einer Klimakonferenz nicht.

Das Stichwort Weltuntergang schließlich weist darauf hin, warum die drei Gruppen nicht zueinander finden. Alle hören die apokalyptischen Botschaften der Klimaforscher. Im Hier und Jetzt mag aber niemand wirklich daran glauben oder danach handeln. Den dreckigen Schwellenländern und vor allem den kriselnden Industriestaaten und ihren Bewohnern – also uns! – ist und bleibt der Rock näher als das Hemd. Wie auch sollten wir leben ohne ein brummendes Weihnachtsgeschäft und die neueste High Tech für die Kinder unter dem Tannenbaum? Ein absurde Vorstellung, oder?

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