„Freiheit verpflichtet“

Es ist ein Friedensgipfel der besonderen Art. Fast 20 Nobelpreisträger haben sich in Warschau versammelt, um über eine globale Politikagenda zu debattieren und „in Solidarität für den Frieden zu handeln“. Nur einer fehlt: Michail Gorbatschow, der Initiator, ist kurzfristig erkrankt.

Lech Walesa bei einer Pressekonferenz. Im Hintergrund das Gipfe-Motto. (Foto: Krökel)

Lech Walesa bei einer Gipfel-Pressekonferenz. Im Hintergrund das Motto des Treffens. (Foto: Krökel)

Für lange Augenblicke wurden am Montag in Warschau Erinnerungen an den Moskauer Putsch des Jahres 1991 wach. Michail Gorbatschow war verschwunden, und niemand konnte erklären, wo der letzte Präsident der UdSSR abgeblieben war. Der 82-Jährige sollte an diesem Morgen den 13. Gipfel der Friedensnobelpreisträger eröffnen, ein Treffen, dessen Format Gorbatschow zur Jahrtausendwende erfunden und damit eine Tradition begründet hatte. Doch als der polnische Gastgeber Lech Walesa seine Begrüßungsworte sprach, fehlte Gorbatschow.

1991 hatten Putschisten den Präsidenten unter Arrest gestellt, ohne dies zunächst publik zu machen. In Warschau 2013 sagte ein Sprecher der Veranstalter: „Wir wissen nicht, wo er ist. Wir wissen nicht einmal, ob er in der Stadt angekommen ist.“ Im Saal wurde Gorbatschows Fehlen wie zu kommunistischen Zeiten totgeschwiegen. Die Kulissen in der monumentalen Tagungshalle des stalinistischen Kulturpalates fügten sich in das skurrile Schauspiel.

Warschaus Kulturpalast ist der Ort des Gipfelgeschehens. (Foto: Krökel)

Warschaus Kulturpalast ist der Ort des Gipfelgeschehens. (Foto: Krökel)

Erst am Mittag sickerte die Nachricht durch, dass Gorbatschow die Reise aufgrund gesundheitlicher Probleme kurzfristig nicht antreten konnte. Einzelheiten blieben unklar. Das wiederum nährte die seit Monaten anhaltenden Spekulationen um den Zustand des 82-Jährigen, den eine russische Nachrichtenagentur im Sommer fälschlich bereits für tot erklärt hatte.

Warschau erlebte am Montag dennoch eine bewegende Gipfel-Eröffnung. Fast 20 Träger des Friedensnobelpreises waren in die polnische Hauptstadt gekommen, um drei Tage lang über die globale Politikagenda zu debattieren und „in Solidarität für den Frieden zu handeln“, wie das Motto lautet. Die nordirische Preisträgerin des Jahres 1976 Mairead Maguire erklärte in einfachen, aber umso beeindruckenderen Worten, warum die zynische Politik des Westens und Russlands im Syrienkonflikt ein Menschheitsverbrechen sei. „Jede Waffe, die auf Geheiß der Regierungen in den Nahen Osten geliefert wird, tötet Zivilisten, tötet Kinder.“

Lech Walesa, der 1989 die polnische Freiheitsbewegung Solidarnosc zum Sieg führte und nach Maguire ans Mikrophon trat, rang nach dieser Rede mit der Fassung. „Ich muss als Gastgeber sachlich bleiben“, ermahnte er sich schließlich, bevor er selbst den 1500 Zuhörern ins Gewissen redete. „Freiheit verpflichtet“, sagte der 70-Jährige. „Der Kommunismus ist gescheitert, aber auch der Kapitalismus in seiner aktuellen Ausprägung ist keine Lösung. Die Macht des Mammons bedroht uns“, erklärte Walesa. Alle, die Veränderung anstreben, erinnerte er an das Beispiel, das der polnische Papst Johannes Paul II. gegeben habe. „Fürchtet euch nicht“, sei dessen Motto gewesen.

Walesa strahlt aus, dass dieser Gipfel der lebenden Legenden kein bloßes Klassentreffen der gehobenen Art sein soll. „Ich bin ein Praktiker, mir geht es um Lösungen“, sagt er. „Über Frieden reden und handeln“ war Gorbatschows Ansatz, als er die Gipfel aus der Taufe hob. Tatsache ist allerdings, dass die Liste der konkreten Aktionen, die von den bisherigen Treffen ausgingen, überschaubar geblieben ist. 2002 schickten die Nobelpreisträger eine humanitäre Mission in den Irak, konnten aber die US-Invasion im Jahr darauf nicht verhindern. Appelle zur Freilassung der birmanischen Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi blieben lange ungehört, bis die Junta in Myanmar aus innenpolitischen Gründen umsteuerte.

Welche Initiative am Ende der Auflage 2013 stehen wird, ist noch offen. Klar ist dagegen, wer ohne Gorbatschow als Glanzlicht den Gipfel überstrahlen soll: US-Schauspielerin Sharon Stone erhält bei einer Gala am Mittwoch für ihren unermüdlichen Einsatz im Kampf gegen Aids den „Sonderpreis des Friedensgipfels“. Die Liste ihrer Vorgänger liest sich wie ein „Who is who?“ der internationalen Glamour-Prominenz. Die Musiker Bono („U2“), Peter Gabriel und Annie Lennox finden sich dort ebenso wie der italienische Fußballstar Roberto Baggio oder die Hollywood-Schauspieler Sean Penn und George Clooney. Immerhin gestand Bono 2008 ein: „Ich habe schon zu viele Auszeichnungen und Preise bekommen.“

Warschaus Nationaloper wird den feierlichen Rahmen der Preisverleihung an Sharon Stone bieten. Der US-Star seinerseits zeigt echten Einsatz. Stone war bereits am Sonntag nach Warschau gekommen und verfolgt das Geschehen über die gesamte Wegstrecke des Gipfels. Im Kurznachrichtendienst Twitter lobte sie das Gastgeberland in höchsten Tönen als eine Art Bildungsparadies mit 90 Prozent gut ausgebildeten jungen Menschen. Polen sei „ein großartiges Beispiel“, twitterte Stone.

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