„Angela Merkel ist keine richtige Frau“

Polens ehemalige First Lady Danuta Wałęsa spricht im Interview über ein Leben an der Seite ihres Mannes Lech Wałęsa, das Patriarchat in ihrem Heimatland und die Rolle von Frauen in der Politik. Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt dabei nicht sehr gut weg.

Polens Premier Donald Tusk begrüßt Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einem Handkuss.

Polens Premier Donald Tusk begrüßt Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einem Handkuss.

Vor zwei Jahren haben Sie Ihre Autobiografie „Träume und Geheimnisse“ veröffentlicht. Das Buch ist in Polen schon heute so etwas wie eine Legende. Worum ging es Ihnen?
Danuta Wałęsa: Ich hatte dabei eigentlich keine besondere Absicht, keine Botschaft an die Leser. Ich wollte einfach von einem Leben in einer aufregenden Zeit und unter außergewöhnlichen Bedingungen erzählen. Ich habe diese Reaktionen nicht erwartet.

Das Buch war eine Sensation. Es wurde als Klage über das Schicksal einer Frau an der Seite eines Mannes verstanden, der als Revolutionär und Politiker Karriere machte. War es eine Anklage?
Wałęsa: Ich bitte Sie! Dieses Buch beschreibt die Geschichte einer Familie, die in den harten Zeiten der 70er und 80er Jahre in Polen gelebt hat. Vor allem aber ist es die Beschreibung einer Frau, die ungeplant an den damaligen Umbrüchen Teil hatte. Übrigens will ich niemandem etwas vorschreiben. Jeder Leser findet in einem solchen Buch etwas anderes.

Wie haben Sie die Zeit der Wende in Polen in Erinnerung?
Wałęsa: Ich habe mich damals vor allem auf die Familie konzentriert, weil mein Mann vollständig von der Politik in Anspruch genommen war. Bis 1989 habe ich versucht, mich nicht aktiv in der Freiheitsbewegung Solidarność zu engagieren. Für mich war die Familie das Wichtigste.

Sie haben acht Kinder großgezogen.
Wałęsa: Ja, und für die war ich verantwortlich. Jetzt sind sie alle erwachsen, und ich habe mehr Zeit für mich selbst. Ich nenne das eine echte Entwicklung, und ich genieße das sehr. Schließlich bedeutet Leben etwas anderes als Existieren.

Der 70. Geburtstag Ihres Mannes steht bevor. Im Dezember jährt sich die Verleihung des Friedensnobelpreises an Lech Wałęsa zum 30. Mal. Wie fühlen Sie sich angesichts all der Jubelfeiern für Ihren Mann?
Wałęsa: In dieser Situation bin ich selbstverständlich ganz an der Seite meines Mannes. Aber ich habe inzwischen eben auch mein eigenes Leben. Seit das Buch erschienen ist, lebe ich viel stärker für mich, und das fühlt sich gut an! Das Buch ist in gewisser Weise sogar der Versuch, Neues zu provozieren. Ich bin eine ältere Frau, die nicht auf den Tod warten will oder auch nur auf neue Ereignisse. Ich will diese Ereignisse lieber heraufbeschwören.

Wäre damals, in den 80er Jahren, eine umgekehrte Rollenverteilung möglich gewesen? Ich meine damit eine Frau als Heldin der Geschichte mit einem Mann an ihrer Seite…
Wałęsa: Damals standen Frauen in Polen, selbst wenn sie in einem Beruf gearbeitet haben, an der Seite des Mannes. Vieles hat sich inzwischen verändert. Frauen sind in Polen heute viel unabhängiger.

Wirklich? Die polnische Gesellschaft gilt noch immer als patriarchalisch organisiert.
Wałęsa: Die Frauen haben sich diesem Patriarchat lange untergeordnet. Ich zum Beispiel habe aber das Glück, dass ich heute anders lebe. Ich befasse mich nur mit meinen eigenen Angelegenheiten. Sie finden mich nur noch selten an der Seite meines Mannes. Ich treffe mich mit Menschen, mit denen ich mich treffen möchte. Natürlich behaupte ich nicht, dass das meinem Mann immer gefällt. Aber, so leid es mir tut: Er muss das akzeptieren. Ich bin ein freier Mensch.

Akzeptiert er es?
Wałęsa: Manchmal protestiert er. Aber er hat keine Möglichkeit mehr, etwas daran zu ändern.

In Polen regiert mit Donald Tusk ein Mann als Regierungschef und mit Bronislaw Komorowski ein Mann als Präsident. Auf der höchsten Ebene der Politik gibt es in Polen keine Frauen. In Deutschland haben wir eine Bundeskanzlerin…
Wałęsa: Gut, aber die Frau Bundeskanzlerin trägt Hosen. Ich finde nicht, dass sie eine richtige Frau ist. Wenn sie sich abgrenzen und zeigen möchte, dass hier eine Frau steht, dann hilft es ihr nicht, wenn sie Hosen trägt. Ich weiß allerdings nicht, ob sie sich abgrenzen möchte. Ich für meinen Teil bin bei Frauen, die sich auf der höchsten Ebene der Politik bewegen, gegen Hosen.

Wie denken Sie sonst über die Bundeskanzlerin?
Wałęsa: Ich hatte noch keine Gelegenheit, sie persönlich zu treffen. Deswegen möchte ich mich nicht weiter über sie äußern. Allerdings habe ich kürzlich Daniela Schadt kennengelernt, die Frau von Bundespräsident Joachim Gauck. Eine sehr sympathische und herzliche Person! Mit ihr und unserer First Lady Anna Komorowska habe ich ein langes öffentliches Gespräch über das Leben geführt und über die Rolle von Frauen und Männern in der Politik. Wir hatten mehr als 1000 Zuhörer. Das heißt doch, dass das, was wir zu sagen haben, die Menschen interessiert.

Wird es in Polen innerhalb der nächsten zehn Jahre eine Frau als Regierungs- oder Staatschefin geben?
Wałęsa: Es wäre gut, eine Frau als Präsidentin und einen Mann als Premier zu haben oder umgekehrt. Leider sind bei uns die Frauen, die fähig wären, eine Regierung zu führen, nicht in der Politik, sondern in anderen gesellschaftlichen Bereichen tätig. Außerdem gibt es unter den Frauen eine geringere Solidarität als unter Männern. Bei Wahlen stimmen Männer stets für Männer, Frauen aber nicht zwangsläufig für Frauen. Das Wichtigste ist im Übrigen, dass Menschen regieren, die fähig und verantwortungsbewusst sind – ganz gleich, ob es sich um Frauen oder Männer handelt.
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Zur Person: Danuta Wałęsa, 64, ist die Frau des polnischen Ex-Präsidenten und Friedensnobelpreisträgers Lech Wałęsa. 2011 sorgte sie mit der Veröffentlichung einer Autobiographie für Aufruhr in Polen. Das Buch wurde als Abrechnung mit ihrem Mann verstanden, den sie als eifersüchtigen Egomanen skizzierte. Es ist das zweite Mal, dass die Mutter von acht Kindern im Rampenlicht steht. 1983 nahm Danuta Wałęsa in Oslo den Nobelpreis entgegen, weil ihr Mann als Solidarnosc-Führer Polen nicht verlassen wollte.

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