Der nackte Wahnsinn

Eine Film-Dokumentation über die ukrainische Nacktprotestgruppe Femen löst bei der Biennale in Venedig einen Skandal aus. Ein „Berater“ soll die Oben-ohne-Aktivistinnen wie Sklavinnen gedrillt haben. Wie ernst die Darstellung zu nehmen ist, ist umstritten. Fast zeitgleich mussten die Femen-Frauen aus Furcht vor dem Geheimdienst aus Kiew fliehen.

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Femen-Protest in Odessa. (Foto: Femen)

Der Skandal ist Femens stärkste Waffe. Mit blanker Brust attackierten die ukrainischen Aktivistinnen bereits den Papst, Kremlchef Wladimir Putin und die Bosse auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos. „Lieber nackt als mit Burka“, schrien sie muslimischen Staatenlenkern entgegen. „Unsere Nacktheit ist unsere Bombe. Wenn sie explodiert, hört man es überall“, erklärte Femen-Gründerin Hanna Huzol einmal im persönlichen Gespräch. „Aufmerksamkeit zu erzeugen, ist das Wichtigste.“ Die diffuse Botschaft eines neuen Feminismus blieb stets zweitrangig.

Nun hat Femen beim Filmfest in Venedig einen Sprengsatz der anderen Art gezündet. Der Skandal ist wieder perfekt. Doch die Explosion droht die Fundamente der Gruppe zu zerstören. Halbnackt präsentierten die Frauen auf der Biennale die Dokumentation „Die Ukraine ist kein Bordell“. Die Busenbilder kennt man. Doch was der Film den Premierenberichten zufolge zeigt, ist neu. Es ist demnach ein Mann, der die Frauen mit unerbittlichem Drill zu ihren Protestaktionen antreibt. Viktor Swjatski war als „Berater“ der Gruppe bekannt. Der Film aber wirft die skandalträchtige Frage auf: Steht als Mastermind ein Macho der übelsten Sorte hinter Femen?

Die Aktivistinnen hielten in Venedig eine andere Botschaft parat. Femen habe sich von Swjatski inzwischen gelöst. „Es war ein Kampf innerhalb der Gruppe“, lässt sich Huzol zitieren. Der Film zeichne diesen Akt der Befreiung von männlicher Unterdrückung nach. Als „öffentliche Beichte“ will auch die australische Regisseurin Kitty Green ihr Werk verstanden wissen. Die 28-jährige Sympathisantin hatte die Femen-Frauen 14 Monate lang mit der Kamera begleitet. Sie wohnte gemeinsam mit den Aktivistinnen in einem Kiewer Plattenbau. Green berichtet, sie habe die Frauen überzeugt, ihre Vergangenheit am Gängelband des „Patriarchen“, wie sich Swjatski selbst nennt, zu offenbaren.

Dennoch lässt die „Beichte“ selbst langjährige Beobachter und viele Anhänger von Femen ratlos zurück. Der Titel „Die Ukraine ist kein Bordell“ erinnert an den Ausgangspunkt der Nacktproteste. Die 2008 gegründete Gruppe lehnte sich anfangs gegen Zwangsprostitution und Männerherrschaft in ihrem Heimatland auf. Doch in Greens Film ist es ausgerechnet der Macho Swjatski, der die jungen Frauen regelrecht drillt, bis sie sich als seine „Sklavinnen“ bezeichnen. Der studierte Politologe kommt selbst zu Wort: „Die Mädchen sind schwach, unterwürfig, rückgratlos.“ Um Sex sei es Swjatski allerdings nie gegangen, behauptet Green.

Worum aber geht es den Femen-Frauen? Was nach dem Auftritt in Venedig bleibt, ist der Verdacht: Das Mittel ist Selbstzweck geworden. Die Skandalisierung allein ist es, die zählt. Kritiker wittern eine „reine Vermarktungsstrategie“. Eine Kommentatorin des linksliberalen britischen „Guardian“ nennt den Film schlicht „deprimierend“. Tatsächlich lassen sich ernst zu nehmende politische Botschaften aus dem Wirbel um die Dokumentation kaum noch ableiten.

Doch es gibt noch eine andere Spur. Keine zwei Wochen ist es her, dass Sonderpolizisten die Femen-Zentrale in Kiew stürmten. Sie fanden eine Pistole und eine Granate. Über die Hintergründe der Razzia lässt sich nur spekulieren. Femen-Chefin Huzol spricht von einer „Racheaktion“ des ukrainischen oder des russischen Geheimdienstes. Unbekannte hätten die Waffen in dem Büro deponiert und die Polizei alarmiert, um einen Schauprozess gegen Femen zu inszenieren. Den Aktivistinnen drohen Ermittlungen wegen Terrorverdachts. Langjährige Gefängnisstrafen wie im Fall der inhaftierten Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko sind denkbar.

Die Femen-Führung hat ihr Hauptquartier kurzerhand nach Paris verlegt. Die Angst der Frauen ist nicht unbegründet. Das belegen jüngste Prügelattacken gegen Huzol und auch gegen den angeblich nicht mehr bei Femen aktiven Swjatski. Beide wurden kürzlich von Schlägern übel zugerichtet. „Dahinter steckt die Regierung von Präsident Viktor Janukowitsch“, erklärte Huzol damals. Beweise gibt es dafür nicht. Die Behörden haben offenkundig kein Interesse daran, die Hintergründe zu ermitteln.

Viele Fragen richten sich aber auch an Femen. Unklar ist, wer die spektakulären Auftritte der Gruppe in ganz Europa und die Logistik ihrer Medienarbeit finanziert. „Berater“ Swjatski ist dazu nicht in der Lage. Er könnte deshalb in dem Green-Film als Strohmann bewusst in den Vordergrund gespielt worden sein. Immer wieder werden Vorwürfe laut, hinter Femen stünden milliardenschwere ukrainische Oligarchen, die dem Oppositionslager zuzuordnen seien. Ziel von Femen ist demnach die Destabilisierung der Ukraine. Vermutlich ist das eine Verschwörungstheorie. Doch ihre Existenz belegt etwas anderes: Ein echtes und klar definiertes Ziel hat Femen nicht.

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