Der Zauber ist verflogen

In der polnischen Wirtschaft mehren sich die Krisenzeichen. Das Wachstum ist auf das niedrigste Niveau seit der Jahrtausendwende gefallen. Zugleich erhöht die Regierung die Staatsschulden, um gegenzusteuern. Wenn es schlecht läuft, droht nach dem langen Aufschwung nun ein schneller Absturz.

Zugemauerter Tankstellen-Shop am Rande von Warschau. (Foto: Krökel)

Aus und vorbei: Zugemauerter Tankstellen-Shop am Rande von Warschau. (Foto: Krökel)

Die Polen gelten als „Europameister des Optimismus“. In Stimmungsstudien belegen sie regelmäßig vordere Plätze, wenn es um die Lebenszufriedenheit geht. Auch ihre materielle Situation bewerten viele Polen deutlich besser, als es ihre Nachbarn in den anderen östlichen EU-Staaten tun. So hält nur jeder zehnte Ungar seine wirtschaftliche Lage für gut. In Polen ist es fast jeder zweite Bürger.

Mit den Fakten ist das schwer zu erklären. Arbeitslosigkeit und Durchschnittseinkommen sind in beiden Ländern fast gleich hoch. Die Zuversicht in Polen dürfte deshalb eher dem Daueraufschwung der vergangenen zehn Jahre geschuldet sein. Seit dem EU-Beitritt 2004 kannte die Wirtschaft des Landes nur eine Richtung: bergauf. Im weltweiten Krisenjahr 2009 war Polen der einzige EU-Staat mit Wachstum. „Wir sind den stärksten Volkswirtschaften des Kontinents auf den Fersen“, erklärte Ministerpräsident Donald Tusk damals vollmundig.

Tusk und seine liberal-konservative Regierung kündigten nach ihrer Wiederwahl 2011 ein weltweit viel gelobtes Reformprogramm an. Die Rente mit 67 setzte der Premier schnell durch. Auch das Steuerrecht und das Gesundheitssystem sollten grundüberholt werden. Die großen US-Ratingagenturen belohnten den Mut mit deutlichen Aufwertungen. Polnische Staatsanleihen entwickelten sich zu einem Renner auf den Finanzmärkten und legten innerhalb eines Jahres um fast 20 Prozent zu.

Doch nach dem lange währenden Aufbruch droht nun der Absturz. Die Krisenzeichen am Horizont mehren sich. Ende August senkte die Ratingagentur Fitch ihren Ausblick für Polen von „positiv“ auf „stabil“. Die „fiskalische Glaubwürdigkeit“ des Landes habe sich verschlechtert. Die Regierung in Warschau hatte zuvor die erste Stufe der Schuldenbremse, die seit 1997 in der Verfassung verankert und damit eine der ältesten in Europa ist, außer Kraft gesetzt. Weitere Strukturreformen schob Tusk ebenso auf die lange Bank wie den angestrebten Beitritt zur Euro-Zone.

Stattdessen sollen höhere Staatsschulden helfen, Wachstum zu erzeugen. Die Konjunktur kommt seit Monaten nicht auf Touren und dürfte 2013 mit nur noch rund einem Prozent auf den niedrigsten Stand seit der Jahrtausendwende fallen. Die Zentralbank senkte den Leitzins auf ein Allzeittief von 2,5 Prozent. Tusk ist überzeugt, dass „wir 2014 die Trendwende schaffen“. Aber es könnte auch anders kommen. Polen droht im schlimmsten Fall ein Szenario wie in den Schwellenländern Indien, Brasilien, Südafrika und vor allem der Türkei.

Dort zogen Anleger in den vergangenen Wochen massiv Kapital ab, nachdem sich das Wachstumstempo verringert hatte und zugleich das Vertrauen in US-Bonds und Euro-Anleihen wieder gestiegen war. Polnische Papiere sind von der Krise der Emerging Markets vorerst nicht betroffen. Doch das kann sich schnell ändern und hätte in Polen eine ähnlich verheerende Wirkung wie in der Türkei. In beiden Ländern ist die Sparquote extrem niedrig. Sie sind deshalb auf den Zufluss ausländischen Kapitals angewiesen.

„Die Polen kaufen wieder auf Kredit“, meldete kürzlich das Portal „Puls Biznesu“ und erinnerte an die „wahnwitzige Dynamik“ der Jahre nach dem EU-Beitritt. Die Kauflust hatte und hat zwar durchaus einen positiven Effekt. Die mittelständisch geprägte Wirtschaft profitiert von der starken Binnennachfrage. Doch das Leben im Konsumrausch birgt auch die Gefahr, in einen Abwärtsstrudel zu geraten. Fließt Kapital ab, verteuern sich Kredite. Das Wachstum würde dadurch weiter gebremst. Zugleich dürfte die Arbeitslosigkeit schnell zunehmen und den Niedergang beschleunigen.

Ein solches Szenario hatte sich in Polen bereits im vergangenen Winter angedeutet, als viele Zeitverträge in der Baubranche ausliefen und die Arbeitslosigkeit auf den höchsten Stand seit sieben Jahren stieg. Befristete Beschäftigung ist in Polen weit verbreitet. Doch dies ist nicht das einzige fundamentale Problem, das die Wirtschaft jenseits der Oder hat. Rund zwei Millionen Menschen sind seit dem EU-Beitritt 2004 ausgewandert. Meist handelte es sich dabei um junge und gut qualifizierte Beschäftigte.

Noch ist nicht ausgemacht, ob Polen in einen Teufelskreis des Niedergangs gerät, oder ob sich das Land der Optimisten wieder stabilisieren kann. Anders als die Türkei hat der mitteleuropäische EU-Staat eine solide Leistungsbilanz. Vor allem der Export nach Deutschland und in andere zahlungskräftige westliche Länder ist hoch. Fest steht jedoch: Das polnische Wirtschaftswunder der vergangenen zehn Jahre hat seinen Zauber vorerst verloren.

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