Aderlass an Schulen: Polens Bildungssystem blutet aus

Zum neuen Schuljahr gehen in Polen 8000 Lehrer weniger an den Start. Viele von ihnen wurden kurzerhand entlassen. Hintergrund ist der rasante Rückgang der Geburtenrate und damit auch der Schülerzahlen. Die Regierung will weiter sparen. Folge: „Pädagogik studieren nur noch die Schwächsten.“ Ein Teufelskreis.

Vorfreude auf Deutschland: Der kleine Dominik suchte für seine Mutter Elzbieta auf eigene Faust Arbeit. (Foto: Gdesz)

Polen fehlt der Nachwuchs: Dominik und seine Mutter Elżbieta sind nach Deutschland ausgewandert. (Foto: Gdesz)

Mit dem Ende der Ferien beginnt der Ernst des Lebens. Diese alte Lehrerweisheit trifft in Polen derzeit die Pädagogen selbst. Zum Beginn des neuen Schuljahres beherrschen Schlagwörter wie „Niedergang“ und „Krise“ die Medienberichte über die Situation der Lehrer.

„Die Kommunen liquidieren 2013 rund 1500 Schulen, Vorschulen, Internate und Kindertagesstäten“, berichtete kürzlich die Zeitung „Gazeta Wyborcza“ und beschrieb die Folgen ebenso nüchtern in Zahlen: „Daraus folgt, dass Tausende Lehrer ihre Arbeit verlieren.“ Offen sei nur, ob dies das Ende der Entlassungswelle sei. Die Prognose: „Vermutlich nicht.“

Tatsächlich treten heute, wenn am ersten Werktag im September traditionell die Schulen ihre Tore wieder öffnen, landesweit rund 8000 Pädagogen weniger ihren Dienst an als noch vor Jahresfrist. Allein in der boomenden westpolnischen Messestadt Posen verliert fast jeder 20. Lehrer seinen Job. „Hinter jeder einzelnen Entlassung steht ein menschliches Drama“, klagt Wojciech Misko von der Erziehergewerkschaft.

Für die Lehrer, die in Polen in der Regel Angestellte mit besonderen vertraglichen Schutzregeln und Privilegien, aber nicht verbeamtet sind, gebe es in anderen Berufszweigen selten Chancen. „Viele von ihnen arbeiten von Anfang bis Ende ihrer Karriere an ein und derselben Schule“, fügt Misko hinzu.

Die Kündigungen treffen allerdings oft Junglehrer, die auf der Basis von Zeitverträgen arbeiten. „Theoretisch muss ich niemanden rauswerfen“, berichtet beispielsweise die Direktorin einer Warschauer Grundschule im Interview der „Gazeta Wyborcza“, fügt aber hinzu: „Ich verlängere zwei befristete Verträge von jungen Pädagogen nicht.“

Hintergrund der Schulschließungen und der damit einhergehenden Entlassungswelle ist die verheerende demographische Entwicklung in Polen. Noch hat das Land zwar mit 38,5 Jahren einen europaweit rekordverdächtig niedrigen Altersdurchschnitt (Deutschland: 44). Doch die Geburtenrate ist seit der politischen Wende  von 1989 rasant gesunken und liegt inzwischen sogar unter dem schwachen deutschen Niveau. Als Folge ist die Zahl der Schüler in Polen seit dem EU-Beitritt 2004 von sechs auf nur noch gut 4,5 Millionen zurückgegangen – Tendenz weiter fallend.

Die Fakten sind unerbittlich. Es ist deshalb auch kaum verwunderlich, dass die Proteste der Lehrer gegen Kürzungen und Entlassungen fast ungehört verhallen. „Schulen sind keine Produktionshallen“, hatten sie bei Demonstrationen vor den Ferien gerufen. Vergeblich.

Immerhin aber scheint sich nun, zu Beginn des neuen Schuljahres, eine öffentliche Diskussion über die Zukunft des polnischen Bildungswesens zu entwickeln, angetrieben von der linksliberalen „Gazeta Wyborcza“.

Die Zeitung berichtete zunächst über die schlechte materielle Situation der Lehrer. Mehr als die Hälfte von ihnen habe die Ferien in diesem Jahr zu Hause verbringen müssen, weil das magere Gehalt nicht für Urlaubsreisen ausreiche.

Polnische Pädagogen verdienen nach Angaben des Bildungsministeriums zwischen 2300 und 5000 Zloty brutto im Monat (umgerechnet 550 bis 1200 Euro). Damit erreichen oder übertreffen sie nur in einer kleinen Spitzengruppe das landesweite Durchschnittseinkommen von rund 1000 Euro. In Relation zum Bruttoinlandsprodukt rangieren die polnischen Lehrer europaweit seit Jahren unverändert auf einem der letzten Plätze.

Doch damit nicht genug: Auch das Niveau der Ausbildung befinde sich im Sinkflug, stellt die „Gazeta Wyborcza“ fest. Von den klügsten Köpfen und selbst von den normal begabten jungen Leuten entscheide sich selten jemand für ein Lehramtsstudium.

„Es kommen nur noch jene, die das Abitur mit Ach und Krach bestanden haben“, schrieb die Zeitung und fragte rhetorisch nach dem „Effekt?“ Die ernüchternde Antwort: „Unsere Kinder werden von immer schwächeren Lehrern unterrichtet.“ Auch diese Entwicklung lässt sich mit einer Zahl belegen: Unter den arbeitslosen Akademikern liegen die Pädagogen hinter den Soziologen auf Platz zwei.

Die polnische Regierung war bislang nicht gewillt, gegenzusteuern. Das Thema scheint unterhalb des Radarschirms der Parteien zu liegen, die stattdessen seit Monaten ausgiebig über weltanschauliche Fragen wie die Homo-Ehe und die künstliche Befruchtung auf Kassenkosten debattieren. Schlimmer noch: Der Rauswurf Tausender Lehrer passt der Regierung des rechtsliberalen Ministerpräsidenten Donald Tusk hervorragend in ihr international hochgelobtes Sparkonzept.

Bereits nach seiner Wiederwahl 2011 hatte Tusk angekündigt, die öffentlichen Ausgaben nachhaltig zu kürzen. Nun macht die schwächelnde Konjunktur in dem osteuropäischen Wirtschaftswunderland weitere Streichungen nötig. Zwar setzte die Regierung soeben die erste Stufe der Schuldenbremse aus, um einen Kahlschlag bei den Ausgaben der öffentlichen Hand zu vermeiden. Auf Dauer aber wollen Tusk und sein Finanzminister Jacek Rostowski Polen auf dem Kurs solider Staatsfinanzen halten. Ob es der richtige Weg, dafür bei der Bildung zu sparen, ist nach Ansicht der meisten Experten allerdings zweifelhaft.

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