Klitschko steigt in den Ring

Diesmal geht es um den Präsidententitel: Box-Weltmeister Vitali Klitschko will 2015 den autoritären ukrainischen Staatschef Viktor Janukowitsch herausfordern. Entscheiden könnte den Kampf die inhaftierte Oppositionsführerin Julia Timoschenko.

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Wahlkampf in Kiew: 2008 wollte Vitali Klitschko Bürgermeister in der Hauptstadt werden. Am Ende verlor er, auch weil die regierende Elite alle Register zog. (Foto: Krökel)

Boxer treten vor schicksalhaften Duellen oft großmäulig auf. „Ich werde dich vernichten“, lautet eine gängige Kampfansage. Vitali Klitschko ist anders. Der Weltmeister mit dem Spitznamen „Dr. Eisenfaust“ lässt lieber Tatsachen sprechen.

Es ist deshalb kein Zufall, dass über eine Pressemitteilung des Boxverbandes WBC durchsickerte, was viele Menschen in Klitschkos ukrainischer Heimat seit Langem gehofft hatten: „Vitali Klitschko hat erklärt, dass er sich 2015 um die Präsidentschaft bewerben will.“ Der WBC-Champion Klitschko hielt sich selbst zwar zunächst bedeckt. Der Satz aber hallte in den Medien des Landes nach wie der Gongschlag zur ersten Runde in einem völlig neu gearteten Kampf um die politische Zukunft der Ukraine.

Seit zehn Jahren stehen sich in Kiew zwei Lager unversöhnlich gegenüber. Die Oberhand behalten hat der sogenannte Donezker Clan des autoritär regierenden Präsidenten Viktor Janukowitsch. Unterstützt wird der ehemalige Amateurboxer von Oligarchen aus dem russischsprachigen Osten des Landes.

Luxuslimousine in der postsowjetischen Oligarchen-Metropole Donezk. (Foto: Krökel)

Luxuslimousine in der postsowjetischen Oligarchen-Metropole Donezk. (Foto: Krökel)

Dieser korrupten Machtelite ist es mit unerlaubten Tiefschlägen gelungen, ihre schärfsten Widersacher um Oppositionsführerin Julia Timoschenko aus dem Ring zu prügeln. Die Heldin der prowestlichen Revolution in Orange sitzt nach einem politisch gesteuerten Prozess eine siebenjährige Haftstrafe ab.

Timoschenko ist noch keineswegs k.o. Aber sie ist politisch und vermutlich auch körperlich zu schwach, um Janukowitsch 2015 herausfordern zu können. In einem zweiten Verfahren gegen die 52-Jährige wollte sich noch am Freitag ein Gericht in Charkiw zum 23. Mal in Folge vertagen, weil die rückenkranke Angeklagte nicht prozessfähig ist.

In dieser Situation schlägt „Dr. Eisenfaust“ zu. Klitschko setzt seine Treffer gezielt. Die Janukowitsch-Regierung ringt derzeit mit der EU um einen Vertrag über eine politische und wirtschaftliche Anbindung. Vor einem für den Herbst geplanten Gipfel kann es sich Janukowitsch nicht leisten, nach den Attacken gegen Timoschenko nun auf Klitschko loszugehen.

Der Herausforderer setzt auf eine Strategie des „understatement“: Er redet sich schwächer, als er ist. Am Rande eines Sporttermins in Mexiko ließ der 42-Jährige unter der Woche wissen: „Das Wichtigste ist nicht, Präsident zu werden, sondern der Ukraine Veränderungen zu bringen. Ich bin Chef der drittgrößten Fraktion im Parlament. Dort kommt es wie beim Boxen auf bestimmte Fähigkeiten an: Selbstvertrauen, Disziplin, Organisationstalent und Teamarbeit.“

Umfragen sehen Klitschko und Janukowitsch fast gleichauf, mit einem kleinen Vorsprung für den Herausforderer. Was in ihm steckt, hatte Klitschko schon bei der Parlamentswahl 2012 gezeigt, als er mit seiner jungen Partei UDAR (Schlag) auf Anhieb 14 Prozent der Stimmen erzielte. Allerdings hatten die Demoskopen ein noch stärkeres Ergebnis vorhergesagt. Beobachter in Kiew warnen deshalb vor zu viel Euphorie und einem „Frühstart dieses großen Sportlers“, wie es der Politologe Wladimir Bondarenko formulierte. „Ab sofort steht er unter Beobachtung der Macht.“

Klitschkos größter Vorteil dürfte es sein, dass er die Lager sprengen und damit die Spaltung der Ukraine in Ost und West überwinden kann. UDAR war bei der Wahl 2012 die einzige Partei, die landesweit ähnlich starke Ergebnisse erzielte. Der Timoschenko-Block ist ebenso eindeutig im Westen des Landes verortet wie Janukowitschs Partei der Regionen im Osten.

In der gesellschaftlichen Realität verliert diese Trennung allerdings zusehends an Bedeutung. Für die meisten Menschen steht die nationale Unabhängigkeit an erster Stelle. Eine einseitige Hinwendung zu Russland lehnt eine überwältigende Mehrheit der Bürger ab.

Eine Anbindung an die EU ist dagegen populär. Das wiederum ist die Politik, die Klitschko verkörpert. „Meine Partei wird alles dafür tun, dass die Ukraine ihre Chance nicht verspielt, Mitglied der europäischen Völkergemeinschaft zu werden“, sagte er im Mai im Gespräch mit dieser Zeitung. Offiziell steuert zwar auch Janukowitsch Kurs West. Glaubwürdig wirkt der Mann mit dem antidemokratischen Gebaren dabei allerdings nicht immer.

Den Ausschlag geben könnte die angezählte Julia Timoschenko. Die Oppositionsführerin bindet noch immer ein Drittel der ukrainischen Wähler an sich. Ohne ihre Unterstützung dürfte es „Dr. Eisenfaust“ kaum gelingen, Janukowitsch im politischen Ring auf die Bretter zu befördern. Klitschko weiß das und fordert immer wieder Timoschenkos Freilassung.

Aber der Schwergewichtler dürfte auch wissen, dass die Frau mit dem berühmten blonden Haarkranz bereits einmal gemeinsame Sache mit einem Mann gemacht. Während der Revolution in Orange stand sie zunächst hinter dem späteren Präsidenten Viktor Juschtschenko – und fiel ihm dann in den Rücken. Juschtschenko scheiterte. Klitschkos Kampf beginnt erst.

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