Liebe, Freundschaft und Musik

Es ist das größte Umstonst-Musikfestival Europas: An Polens „Haltestelle Woodstock“ rockt die Jugend gegen die Krise an. Anders als beim US-amerikanischen Vorbild 1969 gibt es an der Oder allerdings eher wenige Hippies und Friedensbewegte. Die Spaßkultur des 21. Jahrhunderts prägt das Bild.

Rockfestival als Massenveranstaltung: Blick auf das Gellände der "Haltestelle Woodstock " in Kostrzyn an der Oder. (Foto: Krökel)

Rockfestival als Massenveranstaltung: Blick auf das Gellände der „Haltestelle Woodstock „. (Foto: Krökel)

Wenn die Bässe losbrechen, ist der Rest egal. Die Schallwellen ebnen alles ein, die Woodstock-Welt an der Oder und vielleicht auch das Leben. Sie branden über die wogende Menschenmasse hinweg gegen die kleine Anhöhe, die sich vor der Hauptbühne erhebt. Jenseits des Hügels fällt das Gelände wieder ab, hinunter zur zweiten Bühne. Auch dort scheint der Schall sogar die zähe Staubwolke hinwegzufegen, die in der Nachmittagshitze über dem glühenden Hang liegt. Tausende und Abertausende Zelte breiten sich darauf aus und verwandeln sich in Öfen aus Nylonhaut.

Die „Haltestelle Woodstock“ 2013 ist extrem, exzessiv und gelegentlich ekstatisch. Es ist voll und laut und heiß auf dem ehemaligen Militärgelände im polnischen Grenzort Kostrzyn an der Oder. Küstrin sagen die vielen Deutschen, die über den Fluss gekommen sind. Sie haben die schmale stählerne Brücke passiert, die an dieser Stelle wie ein Stent im Herzen Europas liegt – als hätten Chirurgen dem Kontinent einen Metallstift in die Schlagader gesetzt. Aber auch die Herkunft der einzelnen Woodstocker, wie sich die Festival-Besucher nennen, ist unter dem Dröhnen der Bässe erst einmal egal.

Alles hier ist elementar wie reine Rockmusik. „Alles ist wie immer“, sagt Kasia, die nicht zum ersten Mal in „Woodstock“ ist. 20 Jahre alt mag sie sein. Sie trägt ein rotes Shirt mit Kommunistenstern und der Aufschrift „Please do fuck off“, wobei das „Bitte“ in Großbuchstaben geschrieben ist. Die Botschaft erschließt sich nicht auf Anhieb. Auf eine neugierige Nachfrage hin springt Kasia dreimal in die Luft und schreit „Love, love, love!“

"Du bist genial", steht auf der Pappe dieses Woodstockers im Ornat. (Foto: Krökel)

„Du bist genial“, steht auf der Pappe dieses Woodstockers im Ornat. (Foto: Krökel)

Die Liebe steht als Schlagwort im Motto der „Haltestelle“ ganz vorn, noch vor Freundschaft und Musik. Doch mit der Liebe war es bei Musikfestivals schon immer so eine Sache, seit sich 1969 Hunderttausende Hippies in den USA zum Ur-Woodstock versammelten und sich „Sex, Drogen und Rock’n’Roll“ hingaben. Daran knüpfen Polens Woodstocker an. Schon zum Auftakt am Donnerstag liegen Alkoholleichen und Haschischopfer im Kiefernwald, der das Gelände begrenzt. Um die Liebesleiden der Besucher kümmern sich Therapeuten einer Warschauer Privat-Universität, die sich auf Psychologie-Seminare spezialisiert hat. Die Lehrer lassen ihre willigen Schüler Freundschaftsbändchen knüpfen.

Mehr als eine halbe Million Menschen werden an diesen ersten drei Augusttagen nach Kostrzyn strömen, schätzen die Veranstalter. 14, 15 Jahre alt sind die Jüngsten. Irgendwo jenseits der 30 ist Schluss. Bis um halb zwei in der Nacht dröhnen die Bässe über das Gelände. Die Party endet noch später. Die große Zeit der Menschenfischer bricht deshalb gegen Mittag an, wenn das Leben an der „Haltestelle“ wieder erwacht. Auf dem Hügel zwischen den Bühnen hat die „Euroregion Pro Europa Viadrina“ ihr Zelt aufgeschlagen, das sie „Wohngemeinschaft Europa“ nennt. Der Name des Krisenkontinents wird in der WG zum Mantra. In der Zeltmitte probt eine Vortänzerin mit Europas Jugend allerdings den „Gangnam Style“ des südkoreanischen Rappers Psy.

Die Euroregion Viadrina ist ein Zusammenschluss von Kommunen, Kulturbetrieb und Wirtschaft auf beiden Seiten der Oder. In einer Ecke des WG-Zeltes hat die Handwerkskammer aus dem brandenburgischen Frankfurt einen Stand eingerichtet. Unter der Decke baumeln Werbefotos für all jene Berufszweige, in denen die Wirtschaft im Osten Deutschlands Nachwuchssorgen hat: Uhrmacher gehören dazu, Visagisten und sogar Weinküfer. „Wir wollen niemanden abwerben“, versichert Volkmar Zibulski, der das Kammerprojekt leitet. Er sagt aber auch: „Wir suchen ohne Ende Azubis.“

Das Leben ist Dreck, also ab in den Schlamm.

Das Leben ist Dreck, also ab in den Schlamm. (Foto: Krökel)

24.000 Lehrstellen seien deutschlandweit unbesetzt, rechnet er an diesem Stichtag 1. August vor, an dem westlich der Oder das Ausbildungsjahr beginnt. Mehrere Hundert Plätze seien auch im Einzugsgebiet seiner Kammer noch zu vergeben. Also sucht Zibulski ausgerechnet an der „Haltestelle Woodstock“ junge Polen, die „Deutsch sprechen, engagiert, fleißig und zuverlässig sind“. Unten am Hang stürzen sich die potenziellen Kandidaten in die klassische Festival-Schlammschlacht und suhlen sich im Dreck.

Was Zibulski berichtet, klingt nicht nach Krise. „Die Perspektiven und die Bezahlung sind bei uns besser als in Polen“, sagt er lockend. Dabei gilt Polen als Wirtschaftswunderland des Ostens. Seit zehn Jahren geht es dort bergauf. Vor Zibulskis Stand bildet sich dennoch eine Schlange. Das aber hat vor allem mit dem Gratis-Angebot zu tun hat, das seine Mitarbeiter offerieren. Kosmetik-Fachkräfte zaubern abwaschbare Tattoos auf die halbnackten Körper der Woodstocker: Drachen- und Tigerköpfe, die vor Kraft strotzen. Es sind optische Täuschungen.

Ähnlich könnte es sich mit den ökonomischen Kennziffern beiderseits der Oder verhalten. In Kostrzyn, im Herzen Europas, liegt die Krise über dem Land wie der Staub über dem Festival-Gelände: Sie ist nahezu unsichtbar, aber allgegenwärtig. Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Polen zwar von mehr als 40 Prozent vor dem EU-Beitritt auf nur noch 25 Prozent gesunken. Doch viel ist das immer noch, zumal junge Polen meist in sogenannten Mülljobs arbeiten. Das sind Zeitverträge ohne jede soziale Absicherung.

Wie man richtig abstürzt, lernen die Woodstocker an einer künstlichen Kletterwand im „Himalaya-Park“ gegenüber der Europa-WG oder beim Bungee-Jumping vor der Hauptbühne. Im Minutentakt hechten dort all jene in die Tiefe, denen die Musik noch nicht den letzten Kick gibt. Auf der Bühne wechseln sich die Berliner Anarcho-Band „Atari Teenage Riot“ und die polnische Rockgruppe „Big Cyc“ ab. Das Wort „Cyc“ bezeichnet einigermaßen derb die weibliche Brust. Im Schlammbad vor den Lautsprechern lassen sich die jungen Frauen nicht zweimal bitten.

Den Startschuss haben zuvor vier rot-weiße Militärjets gegeben, die über das Gelände donnern und mit farbigen Kondensstreifen die polnische Flagge an den Himmel zaubern. Wie es der Zufall will, fällt der Festivalbeginn auf den 69. Jahrestag des Warschauer Aufstandes gegen die Nazi-Besatzung. Zehntausende Polen verloren damals im Kampf gegen die übermächtigen Deutschen ihr Leben. Woodstock-Organisator Jerzy Owsiak erinnert daran. Er steht auf der Hauptbühne, schreit ins Mikrophon und begrüßt die Düsenjäger euphorisch. Über den Köpfen schwirrt zu allem Überfluss eine Drohne. Sie trägt zwar nur eine Kamera und liefert Live-Bilder, doch friedensbewegt wirkt all das nicht.

Bei der Auftakt-Pressekonferenz versichert Owsiak einmal mehr: „Wir wollen zur Völkerverständigung beitragen.“ Er mahnt seine Woodstocker, friedlich und fröhlich zu bleiben. Aber Owsiaks Mannschaft war es auch, die den polnischen General Roman Polko zum Vortrag nach Kostrzyn geholt hat. Der drahtige Mann war im Irak-Krieg und in Afghanistan im Einsatz. Im Zelt auf dem Festival-Hügel spricht er zum Thema „Die Konkurrenz schlagen: Strategien des Kommandierens, Motivierens und Managens“. Das Referat soll Lebenshilfe leisten, kann aber auch als Einführung in einen militärisch verbrämten Hardcore-Kapitalismus verstanden werden.

Das Interesse der Zuhörer ist so groß wie ihre Zukunftssorgen. Die Krise gibt Polko sicheres Geleit. Einzig eine junge Polin will sich nicht vom Friedensmotto des Festivals verabschieden. Sie fragt den General, wie er denn damit leben könne, dass „Blut an Ihren Händen klebt“. Polko wird unvermittelt ernst. „An meinen Händen klebt kein Blut“, sagt er. „Ich habe stets für die Freiheit gekämpft. Wie nötig das ist, haben unsere Vorfahren im Warschauer Aufstand gezeigt.“ Der General trägt den Sieg über die Idee von Liebe und Freundschaft davon.

Nichts ausrichten kann er jedoch gegen die Musik. Sobald sich nachmittags auf den Bühnen Leben regt und die Verstärker zu kreischen beginnen, strömen die Woodstocker aus den Zelten ins Freie. Einheizen muss ihnen niemand. Die Sonne brennt unbarmherzig. Wenn der glühende Ball an diesem Festival-Freitag längst im Westen hinter der Oder verschwunden sein wird, erwartet die Fans der Höhepunkt der „Haltestelle 2013“. In der Stunde vor Mitternacht tritt die US-Metalband „Anthrax“ auf. Der Rest wird dann vermutlich endgültig egal sein, in dieser Woodstock-Welt und vielleicht auch im Leben.

Hintergrund: Spaßkultur statt Hippiebewegung
Der Name ist Programm: Die „Haltestelle“ in Kostrzyn (Küstrin) knüpft an das legendäre Woodstock-Festival im August 1969 an. Es galt als der Höhepunkt der Hippie- und Friedensbewegung. „Love, peace and Rock´n´Roll“ lautete damals die Devise im US-Bundesstaat New York wie auch heute an der Oder. Der Beiname „Przystanek“ (Haltestelle) bezieht sich auf die US-Fernsehserie „Haltestelle Alaska“, die im Polen der 90er Jahre äußerst beliebt war, als die Woodstock-Neuauflage an den Start ging.

woody4Doch es gibt auch Unterschiede zum amerikanischen Original. Hippies sucht man in Kostrzyn (fast) vergebens. Die Spaßkultur des 21. Jahrhunderts mit Schlammschlacht und Bungee-Sprüngen dominiert. Andererseits gilt ebenso: Das Woodstock-Festival von 1969 war kommerziell ausgerichtet. Die „Haltestelle“ dagegen ist Europas größtes Umsonst-Festival. Organisator ist die Stiftung WOSP, die jeweils zum Jahreswechsel Spenden sammelt, vor allem für kranke Kinder. Die „Haltestelle“, die von Sponsoren finanziert wird, ist ein Dankeschön an alle Geldgeber.

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