Benzinkrieg an der Oder

Söldnerangriffe, Mord, Korruption: An der deutsch-polnischen Grenze tobt ein Kampf um das lukrative Tankstellen-Geschäft. Weil so viele Deutsche regelmäßig über die Oder fahren, um billiges Benzin zu kaufen, gleicht der Betrieb von Zapfsäulen dort dem Besitz einer Goldgrube. Daran wollen viele verdienen, notfalls unter Einsatz von Gewalt.

Söldner besetzen im April 2013 eine Tankstelle in Krajnik Dolny an der deutsch-polnischen Grenze. (Foto: Csevi)

Söldner besetzen im April eine Tankstelle in Krajnik Dolny an der deutsch-polnischen Grenze. (Foto: Csevi)

Einheimische nennen das ehemalige Sperrgebiet an der Oder augenzwinkernd „Kulturstreifen“. Es sind vor allem Einkaufstouristen, die den Landstrich am Grenzfluss bevölkern. Sie pflegen dort ihre Schnäppchenkultur. Nicht lange ist es her, dass polnische Kunden auf der Jagd nach billigem Zucker ostdeutsche Supermärkte überrannten, weil der Süßstoff jenseits der Oder knapp und teuer geworden war. Zigaretten dagegen sind in Polen deutlich preiswerter als in Deutschland. Auch Beeren, Pilze und Spargel sind begehrt. Der Krieg aber wird ums Öl geführt.

Es ist die Nacht auf Sonntag, den 21. April, als sich der Kulturstreifen in eine Kampfzone verwandelt. Ein straff geführter Trupp schwer bewaffneter Männer einer privaten Sicherheitsfirma stürmt eine Tankstelle im polnischen Grenzort Krajnik Dolny, nur einen Steinwurf entfernt vom deutschen Schwedt in der Uckermark. Tagelang halten die Söldner das Gelände besetzt, ohne dass die Polizei eingreift. Sie pumpen das Benzin ab und lassen es abtransportieren. Schließlich nimmt die Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf. Die Tankstelle wird vorübergehend geschlossen.

Schnell ist klar, dass der zwielichtige Unternehmer Adam B. den Auftrag zu dem Überfall gegeben hat. Er erhebt einen rechtlich zweifelhaften Anspruch auf das Grundstück. Wenige Wochen später wird der leblose Körper von Adam B. in seinem Haus in Zielona Gora (Grünberg) gefunden – ermordet. Die Polizei nimmt einen seiner eigenen Sicherheitsleute als mutmaßlichen Täter fest. Er soll Schulden bei B. gehabt haben. Ein privater Racheakt? Möglich. Doch klar ist inzwischen auch: Hinter dem Benzinkrieg, den B. im Frühjahr entfesselt hat, tun sich Abgründe von Korruption und organisierter Kriminalität im polnischen Grenzgebiet auf.

So hat es jetzt ein Enthüllungsjournalist in der Zeitung „Gazeta Wyborcza“ (GW) geschildert. Die Motivlage ergibt sich demnach aus den ökonomischen und rechtlichen Gegebenheiten in der Region. Benzin ist in Polen im Schnitt rund 30 Cent billiger als in Deutschland. Wer in der Uckermark in Oder-Nähe wohnt, tankt deshalb meist jenseits des Flusses. Umgekehrt gilt: „Wer hier Benzin verkaufen darf, ist Millionär“, schreibt die „GW“ über die Situation in Krajnik Dolny.

Dieses große Los hatte zunächst Stefan T. mit seiner Firma Setpol gezogen. Er besitzt bis 2015 einen exklusiven Pachtvertrag mit der Gemeinde und braucht deshalb vorerst keine legale Konkurrenz zu fürchten. Der mächtigere Wettbewerber Adam B., der das Grundstück 2012 gekauft hat und dort mit seiner Apexim-Kette in den Startlöchern stand, wollte dies jedoch nicht akzeptieren. Er ließ seine Söldner aufmarschieren – lange geduldet von der Polizei, gegen die Stefan T. schließlich sogar Anzeige erstattete.

Eine Ahnung davon, warum Adam B. so ungehindert agieren konnte, vermittelt die „GW“. Informanten haben der Zeitung geschildert, dass B. Politiker und Offizielle in der Grenzregion bestochen haben soll, etwa in Osinow Dolny, 30 Kilometer südlich von Krajnik und ebenfalls direkt an der Oder gelegen.

„Wir fuhren mit Adam B. zum Bürgermeister. Adam hatte mir befohlen, das Geld abzuzählen. Es waren genau 100.000 Euro. Es ging um Bestechung, wir wollten die Sache mit einem Grundstück in Osinow regeln. Als wir mit dem Bürgermeister zusammenstanden, gab ihm Adam das Geld und sagte bloß ‚Herzlichen Dank!‘“ So schildert es der Informant, der von weiteren 100.000 Euro für ein anderes Grundstück berichtet sowie von Zahlungen, damit die Gemeinde keine Konkurrenz-Tankstellen zulässt.

Bürgermeister Adam Zarzyski (Foto: Csevi)

Bürgermeister Adam Zarzyski (Foto: Csevi)

Ein anderer Zeuge soll der „GW“ von monatlichen Geldforderungen des kommunalen Amtsträgers erzählt haben. Bürgermeister Adam Zarzycki streitet alle Vorwürfe ab. Sein Anwalt kontert sogar, dass sich Journalisten zu „Werkzeugen in den Händen von Gangstern machen lassen, die keine Skrupel kennen“. Wen und was er meint, bleibt unklar, doch der Jurist ergänzt: „Mich wundert das alles nicht, denn in dieser Region ist alles möglich.“ Denkbar ist beispielsweise auch, dass der Mörder von Adam B. nicht auf eigene Rechnung tötete, sondern im Auftrag von Hintermännern.

Dies zu klären, ist Aufgabe der Staatsanwaltschaft in Stettin, die allerdings bislang nicht durch besonderen Fahndungseifer aufgefallen ist. Ähnliches gilt für die Polizei, die theoretisch gegen sich selbst ermitteln muss. Deshalb will sich nun die Antikorruptionseinheit CBA mit dem Benzinkrieg an der Oder befassen. Die erst 2006 geschaffene Behörde ist wie ein Geheimdienst aufgebaut und der Regierung in Warschau unterstellt.

Offen ist auch die Frage, wie sich die dramatischen Vorgänge jenseits des Flusses auf das deutsch-polnische Zusammenleben auswirken. Autofahrer sind durch den Kampf um die Tankstellen-Herrschaft an der Oder zwar bislang nicht zu Schaden gekommen. Allerdings ist der Aufruhr um die wachsende Zahl von Diebstählen teurer Agrarmaschinen in der Uckermark noch in frischer Erinnerung. 2012 hatte die Brandenburger Polizei zusätzliche Einheiten in die Region entsandt. Es ist schwer vorstellbar, dass die Jagdszenen im Kulturstreifen zu einer Kultur des Miteinanders beitragen.

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