Die Gruselgräber von Gleiwitz

Arbeiter haben in Schlesien beim Straßenbau zahlreiche Skelette entdeckt. Was an sich schon gruselig ist, wird durch die Erklärungen der herbeigerufenen Archäologen vollends zur Schauergeschichte. Die Forscher sprechen von einem Vampir-Friedhof. Die Totenschädel geben demnach Hinweise auf Fremdenangst als Motiv.

Es sind nicht scharfe, vorstehende Eckzähne mit DNA-Spuren fremden Blutes, die das Grauen schüren. Es sind die leeren, weit klaffenden Augenhöhlen, die Entsetzen auslösen und Erstaunen. Die Löcher über den ungewöhnlich schmalen Wangenknochen sind zu groß für normale Totenschädel mittelalterlicher Schlesier. Es sind menschliche „Katzengesichter“, wie Kenner sagen. Und dann noch dies: Die abgetrennten Köpfe liegen fein säuberlich angeordnet zwischen Armen oder Beinen der 14 Skelette.

Für den Archäologen Lukasz Obtulowicz ist eines klar: „Wir haben es mit einer der beliebtesten Bestattungsarten gegen Vampire zu tun.“ So formulierte es der Wissenschaftler kürzlich in einem Interview, und vermutlich bereut er den Satz bereits. Denn seither vergeht kein Tag in Polen, an dem nicht neue Details über die Dracula-Gräber im schlesischen Gleiwitz (Gliwice) bekannt würden. Arbeiter hatten den vermeintlichen Vampir-Friedhof Mitte Juli beim Straßenbau entdeckt und die Archäologen alarmiert.

Die Fachleute forschen nun unter Hochdruck, um das Rätsel des Gleiwitzer Gruselkabinetts zu lösen. Sie wollen den Blutsauger-Schlagzeilen in Polens Boulevardmedien schnell Fakten entgegensetzen. Vorerst jedoch müssen Obtulowicz und seine Kollegen öffentlich eingestehen, dass sie „nichts Genaues wissen“.

Nur eines bleibt sicher: Die 14 Skelette sind so angeordnet, wie es nach einem jahrhundertealten Aberglauben nötig war, um „Schutz vor der Rückkehr der Vampire ins Leben zu bieten, wir Obtulowicz sagt. Vampire sind der Mythologie zufolge Untote, sie sich von Tierblut ernähren, aber auch Menschen anfallen und ihre Adern aussaugen.

Unklar ist, aus welcher Zeit die Knochenreste in Gleiwitz stammen. Grobe Schätzungen führen ins späte Mittelalter, in die Zeit der Hussitenkriege. Die religiös motivierten Kämpfe im Herzen Europas erschütterten im 15. Jahrhundert vor allem Böhmen, aber auch Schlesien. Bei den Toten könnte es sich also um Soldaten handeln, die in einer Schlacht enthauptet wurden, oder um gehenkte Gefangene.

Dafür spricht, dass die Forscher inzwischen weitere Gräber in dem Gebiet entdeckt haben, in denen die Toten nicht wie Vampire bestattet wurden. Dagegen spricht die ungewöhnliche Katzengestalt der Totenschädel mit den großen Augenhöhlen. Die Kopfformen sprechen dafür, dass es sich um Fremde handelte.

„Die Andersartigkeit der Verstorbenen könnte ein Grund für das Vampir-Begräbnis gewesen sein“, mutmaßt die Tageszeitung „Dziennik Zachodni“. Tatsächlich ist Fremdenangst ein zentrales Motiv im Vampir-Glauben. Auch der Fundort der Skelette passt zur These vom Blutsauger-Friedhof. Wissenschaftler halten zwar den Südosten Europas für das Hauptverbreitungsgebiet des mittelalterlichen Vampir-Mythos, insbesondere Bulgarien, den Balkan und das rumänische Siebenbürgen (Transsilvanien). Der Ursprung des Volksglaubens stammt aber vermutlich aus den Karpaten, und die reichen bis ins südliche Polen hinein.

Sollten die Gleiwitzer Toten tatsächlich aus dem 15. Jahrhundert stammen, würde dies die Fantasie aller Vampir-Fans vermutlich beflügeln. Genau in dieser Zeit lebte jener Mann, der Jahrhunderte später zur Roman-Vorlage für Bram Stokers berühmt-berüchtigten Grafen Dracula werden sollte.

Der für seine Grausamkeit bekannte walachische Fürst Vlad III. Draculea (Drachensohn) soll eine Vorliebe für Hinrichtungen gehabt haben, bei denen der Henker den Opfern Pfähle in den Körper rammte. Das Pfählen wiederum gilt im Aberglauben als eine Methode, Vampire zu vernichten und so von der mörderischen Rückkehr ins Leben abzuhalten. Die Gleiwitzer Vampir-Bestatter gingen im Vergleich dazu regelrecht pietätvoll vor. Sie platzierten lediglich die Schädel zwischen den Beinknochen.

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