Ich bekenne mich schuldig

Die Empörung über das Urteil gegen den kremlkritischen Blogger Alexei Nawalny ist im Westen groß. Der Schuldspruch hat endgültig ein System demaskiert und diskreditiert, mit dem die EU und die USA seit Jahren eine sogenannte strategische Partnerschaft pflegen. Es ist höchste Zeit umzudenken. Auch bei Kommentatoren, die bislang immer wieder einmal mildernde Umstände für Putin geltend gemacht haben.

"Niemand hilft Russland - außer uns selbst": Parole an einem Hochhaus in Chabarowsk am Amur. (Foto: Krökel)

„Niemand hilft Russland, außer uns selbst“: Parole in Chabarowsk, aufgehängt nach dem Amtsantritt von Wladimir Putin im Jahr 2000. (Foto: Krökel)

Ich bekenne mich schuldig, das Wesen Wladimir Putins über lange Zeit falsch eingeschätzt zu haben. Das Urteil gegen Alexei Nawalny nach einem schamlosen Schauprozess hat mich endgültig eines Schlechteren belehrt. Putins Russland ist weit näher an einer lupenreinen Diktatur als einer gelenkten Demokratie.

Ich bekenne mich schuldig, im Sinne des Russland-Verstehers Gernot Erler allzu lange auf der Suche nach Erklärungen und Rechtfertigungen für die antidemokratische Politik Putins gewesen zu sein. Spätestens jetzt hat Putin jedes Recht auf mildernde Umstände verspielt. Er führt Russland (einschließlich der Potemkinschen Medwedew-Periode) seit 13 Jahren. Er hatte alle Möglichkeiten und alle Macht, das Land in eine andere Richtung zu steuern.

Ich bekenne mich schuldig, für Wandel durch Handel und Annäherung plädiert zu haben. Es wird höchste Zeit, dass sich die EU klar von Putins Russland distanziert. Das heißt natürlich nicht, dass sich alle Drähte von heute auf morgen kappen ließen. Aber die Idee der „strategischen Partnerschaft“ hat sich totgelaufen. Der Westen sollte auf diesem Irrweg umkehren. Der russischen Zivilgesellschaft wird dies keinen weiteren Schaden zufügen, denn das ist kaum mehr möglich.

Ich bekenne mich schuldig, nicht früher und öfter darauf hingewiesen zu haben, dass Putins Russland auch wirtschaftlich ein krankes Land ist. Sobald die Einnahmen aus den Energieexporten deutlich sinken, wird das System, das über fast keine anderen Ressourcen verfügt, ähnlich rasant zusammenbrechen wie einst die Sowjetunion. Der Kollaps kommt. Darauf zu warten, mag bitter und zynisch sein. Aber eine Alternative ist nicht in Sicht.

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