„Sind Sie beschnitten wie die Juden?“

Die Debatte um den Antisemitismus in Polen kocht weiter auf höchster Flamme. Nach der Debatte um den ZDF-Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ tobt die Schlacht nun an zwei anderen Fronten. Der Sejm hat ein Schächtverbot besiegelt, das die Gemüter von Juden im In- und Ausland erhitzt. Polens Oberrabbiner erwägt den Rücktritt. Fast zeitgleich musste auf bischöfliche Weisung ein Pfarrer seine Gemeinde bei Warschau verlassen, der sich für den katholisch-jüdischen Dialog und die Aufarbeitung antijüdischer Pogrome stark gemacht hat.

Brückenschlag über den Schlund der Geschichte: Blick in die Empangshalle des Jüdischen Museums in Warschau. (Foto: Jüdisches Museum)

Symbolischer Brückenschlag über den Schlund der Geschichte: Blick in die Empangshalle des Jüdischen Museums in Warschau. Derzeit dominiert im polnisch-jüdischen Verhältnis wieder das Trennende. (Foto: Jüdisches Museum)

Etwas ist aus dem Ruder gelaufen. Das weiß auch Donald Tusk. „Unangebracht, zumindest unpassend, gewissermaßen missglückt“ – das sind die Worte, die Polens Premier in den Sinn kommen, wenn er an die Vorgänge der vergangenen Tage denkt. Sie zeugen von Hilflosigkeit.

Aus einem innerparteilichen Scharmützel und einer innerkirchlichen Fehde ist ein Glaubenskrieg erwachsen, der die Bühne des politischen Sommertheaters in ein ideologisches Schlachtfeld zu verwandeln droht. Gerungen wird um nichts Geringeres als um das polnisch-jüdische Verhältnis. Dabei laufen zwei Handlungsstränge parallel ab, die sich in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch verstärken.

Zum einen ist da die Affäre um Pfarrer Wojciech Lemanski aus Jasienica bei Warschau. Der 52-Jährige ist in seiner Gemeinde äußerst beliebt. Er gilt im erzkatholischen Polen als ungewöhnlich liberal. Beim Streitthema künstliche Befruchtung steht er auf Seiten der Paare mit unerfülltem Kinderwunsch – entgegen der Linie des Episkopats. Und Lemanski engagiert sich für die Aussöhnung zwischen Polen und Juden.

Nun aber hat der Warschauer Erzbischof Henryk Hoser den Pfarrer wegen Ungehorsams in den Ruhestand strafversetzt. Lemanski verriet daraufhin Details aus seinen Gesprächen mit Hoser, der ihn einmal gefragt habe, ob er denn „wie die Juden beschnitten“ sei. Der Skandal war perfekt. In Jasienica kam es vor laufenden Kameras zu tumultartigen Szenen.

Lemanski hat sich vor allem im Streit um den polnischen Antisemitismus klar positioniert. Er setzt sich dafür ein, die Geschichte antijüdischer Pogrome im Weltkrieg aufzuarbeiten. Das Gedenken an das Massaker in Jedwabne 1941, bei dem Polen die Nazi-Besatzung nutzten, um Hunderte ihrer jüdischen Nachbarn zu ermorden, will Lemanski wachhalten.

Den Hierarchen geht all das zu weit. Sie verurteilten vor allem die medienwirksamen Auftritte Lemanskis, der sich durch den neuen Papst Franziskus in seinen Positionen gestärkt sah. Der als fundamentalistisch geltende Bischof Hoser, der kürzlich in Warschau einen Massengottesdienst mit einem afrikanischen Teufelsaustreiber feierte, zog schließlich – aus Sicht des Episkopats – die Notbremse.

Lemanski hat sich inzwischen an den Vatikan gewandt. Die Erfolgsaussichten sind eher gering. Zu ausgiebig hat er aus dem katholischen Nähkästchen geplaudert und dürfte so zu einer Art Geheimnisverräter geworden sein. In Wallung gebracht hat Lemanski aber in jedem Fall die polnische Öffentlichkeit, über die fast zeitgleich ein weiterer Eklat hereinbrach. Der Oberrabbiner von Polen, Michael Schudrich, zeigte sich „geschockt“ und drohte mit seinem Rückzug vom Amt. Das israelische Außenministerium sprach von einem „Anschlag auf die religiösen Traditionen des jüdischen Volkes“.

Mahnmal für die Helden des Warschauer Ghettos. (Foto: Jüdisches Museum)

Mahnmal für die Helden des Warschauer Ghettos. (Foto: Jüdisches Museum)

Was war passiert? Am vergangenen Freitag hatte das polnische Parlament das rituelle Schächten von Tieren verboten, ohne das gläubigen Juden keine Fleischspeisen erlaubt sind. Genauer gesagt hatte sich der Sejm nicht auf eine Neuregelung verständigen können, nachdem das Verfassungsgericht die blutige Schlachtpraxis als „nicht vereinbar mit dem Tierschutz“ verworfen hatte. Beim Schächten werden Tiere mit einem Schnitt durch die Halsschlagadern getötet, um sie möglichst vollständig ausbluten lassen und ihr Fleisch koscher zubereiten zu können.

Premier Tusk, der selbst kritisch von der „Brutalität des Schächtens“ spricht, hatte sich dennoch für die Gesetzesnovelle stark gemacht. Er wolle „Arbeitsplätze in der Fleischindustrie sichern“. Das wiederum dürfte Abgeordnete seiner eigenen Partei, mit denen Tusk aus machttaktischen Gründen im Clinch liegt, veranlasst haben, mit Nein zu stimmen. Der zweite Skandal war perfekt.

Offenkundig hatten weder Tusk noch die Parlamentarier den Sprengstoff gewittert, an den sie mit ihrer Entscheidung die Lunte legten. „Bei der Debatte ging es um viele Dinge, aber in keiner Weise um ein antijüdisches Bekenntnis“, erläuterte der linksliberale, des Antisemitismus unverdächtige Abgeordnete Robert Biedron später.

In New York, Jerusalem und Tel Aviv kam das jedoch nicht an. Das israelische Parlament verurteilte das vermeintliche „Attentat auf die Minderheitenrechte“. Der Jüdische Weltkongress mit Sitz in den USA kommentierte: „Dies ist ein Schlag ins Gesicht der Juden und Muslime.“

Tatsächlich empörten sich auch Vertreter des Islam in Polen. Mufti Tomasz Miskiewicz beklagte, dass es künftig „unmöglich ist, das Opferfest am Ende des Ramadan in Polen zu feiern“. Im Zentrum des Konflikts steht aber der Streit mit den Juden. Wie sensibel dieses Thema ist, zeigte unlängst die Debatte um den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“, in dem polnische Partisanen pauschal und verzerrt als Antisemiten gebrandmarkt wurden.

Die Empörung jenseits der Oder über den Film war und ist groß. Zugleich schwärt jedoch die Wunde weiter, die der reale Antisemitismus in Polen gerissen hat und immer wieder reißt. Premier Tusk wird alle Hände voll zu tun haben, um heilend zu wirken. Das Schächtverbot werde nach der Sommerpause „auf die Agenda zurückkehren“, kündigte er an. Seine Minister suchen bereits jetzt nach rechtlichen Notlösungen.

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